Aus der Geschichte der ostmärkischen Verkehrsstraßen
Neumärkische Zeitung 20. Juni 1931
Auf der Frühjahrs- Hauptversammlung des Verkehrsverbandes Ostmark hielt Studienrat Dr. Gerhard Köster (Frankfurt-Oder) kürzlich einen Vortrag über „Die Geschichte der ostmärkischen Verkehrsstraßen“. Der Redner begann mit der Umgrenzung des Betrachtungsgebietes, das ein Viereck zwischen Stettin, Torgau, Ostrowo und Danzig umfaßt.
Ein bestimmtes Straßensystem wird in Ostdeutschland erst erkennbar, als die römische Nachfrage nach Bernstein einen Handel von Ostpreußen zur Adria einrichtete. Es lief von der Danziger Bucht zur mährischen Pforte, teils durch die Posener, teils durch die Kalische Gegend und dann über Wien und den Semmering nach Aquileja nördlich von Venedig.
Nach der Völkerwanderung traten Slawen an die Stelle der Germanen Ostdeutschlands. Städtische und staatliche Ordnung war nur im östl. Mittelmeer erhalten geblieben, der Handel ging von den Römern auf die Griechen über. Seine Hauptrichtung lief jetzt vom Schwarzen Meer zur Ostsee. Der waldfreie Nordrand der Karpathen hat seit uralten Zeiten eine Verkehrsstraße. Ihre Benutzung lange vor der Völkerwanderung kennen wir aus dem Goldfund von Vettersfelde bei Guben, der vom Schwarzen Meere stammt und in der Zeit der Perserkriege gehören dürfte. Es bildeten sich Stapelplätze und eine Art Großhandel. Der von der russischen Nordküste kommende Griechenhandel lief in die Oder hinein und machte Neiße aufwärts nach Löbau hin die Verbindung mit der südlichen Straße herstellen. Gleichzeitig traf hier der griechische Handel mit dem der vom Kaspischen Meer herkommenden Araber zusammen. Landeinwärts ging deren Handel denselben Weg - der größte arabische Münzfund auf deutschen Boden gehört nach Frankfurt (Oder).
Das Straßenbild änderte sich erst um das Jahr 1000. Westelbien war in die Reihe der Metallproduzenten eingetreten, und der Osthandel ging in deutsche Hände über, die vor allem den Vorzug der Nähe hatte. Die Verkehrsrichtung drehte nach WO. Der deutsche Kaufmann benutzte zunächst die Gebirgsstrasse. Sie geht von Halle aus und zeigt damit das Salz als Hauptausfuhrartikel. Neben ihr bildet sich eine zweite über Luckau - Cottbus -Sagan - Glogau oder Neusalz nach Posen. Sie hieß geradezu die Salzstraße. Die Bodenfunde spiegeln den Wandel der Beziehungen. Nach 1000 kennen wir nur noch sächsische Münzen, die vergoldete Bronzeschale des Gubener Museums aus dem 11. Jahrhundert ist deutsche Arbeit.
Mit dem 12. Jahrhundert beginnt die deutsche Siedlung östlich der Elbe und hält bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts an. Der Polenhandel hat unsere großen Handelsstraßen geschaffen. Das Landsberger Zollregister von 1373 gibt Einblick in die Warengruppen. Hauptvermittler des ganzen Austausches wurde Frankfurt (Oder). Die dichte Besiedlung Ostbrandenburgs und Pommerns verschob den Hauptstraßenzug nach Norden, dem Oderübergang von Glogau und Crossen nach Frankfurt (Oder).
Alle Oderübergänge zwischen Frankfurt und Breslau wurden verboten. Damit gewann die Stadt die Herrschaft über den ganzen deutschen NO - SW Handel. Er ging auf drei Wegen von Frankfurt nach Osten, einmal über Drossen und Meseritz nach Posen und Thorn, zweitens oderabwärts über Küstrin und Königsberg- Schievelbein nach Danzig oder über Soldin nach Deutsch Krone. Hier traf er den dritten, der wartheaufwärts nach Landsberg hin und dann mit dem zweiten gemeinsam nach Danzig führte.
Neben diesen ostwestlichen Armen spielen die Querverbindungen eine recht geringe Rolle. Aus den Urkunden sind drei erkennbar: Deutsch Krone - Schievelbein- Kolberg, Meseritz - Landsberg - Stettin, Schwerin - Arnswalde - Stargard. Frankfurt hat zwar im 14. Jahrhundert den ganzen Schiffsverkehr der Oder an sich gebracht, der Fluß ist aber viel mehr Schranke als Straße. In einem riesigen Bogen von Krakau bis Reval umspannt der in der Hansa organisierte deutsche Kaufmann den slawischen Markt und erhält dadurch eine Monopolstellung in Osteuropa. Ihre Zerstörung vernichtet das wirtschaftliche Leben der Ostprovinz.
Die tiefste Ursache des Verfalls liegt im Getreidehandel. Den reichen Ernten des jungfräulichen Bodens begegnet eine westeuropäische Getreidenachfrage schon um 1300. Das Massensterben des Schwarzen Todes 1348 ließ den Adel in größerem Ausmaß in die Landwirtschaft eintreten. Damit beginnt die Verfrondung und „Legen“ des ostdeutschen Bauern. Die Folgen sind klar. Die Kaufkraft der ländlichen Bevölkerung wird zerstört, in den Städten bildet sich ein Proletariat, die Warenerzeugung verbilligt sich, der Osten wird mit deutschem Exportgut überschwemmt. 1410 und 1466 zerschlägt Polen die Stellung des Deutschen Ordens und gewinnt im Korridor den eigenen Ausgang zur See. Einfuhrwaren kommen nicht mehr über Frankfurt (Oder), sondern über Antwerpen und Amsterdam. Sie werden mit Getreide bezahlt. Die Ostwest- Straßen veröden, Hauptadern werden die drei Südnord- Straßen. Da die Oder nicht freigegeben wird, wandert auf den Flüssen der Getreidetransport zur Elbe und zur Weichsel ab.
Kanalpläne zur Erleichterung dieser Abwanderungen tauchen auf: Weichsel - Netze - Kanal, Finow- Kanal, Müllroser Kanal. Zustande kam nur der Finow Kanal 1620. Wirkungen hat er kaum gehabt - der dreißigjährige Krieg vermindert die ländliche Bevölkerung um die Hälfte, die städtische um erheblich mehr. Am Ende des Krieges war der grundbesitzende Adel der einzige lebenskräftige Stand im Lande. Daher ergeben sich dieselben Folgen wie aus dem Schwarzen Tode, nur sehr viel deutlicher. Im brandenburgischen Gebiet erhält der Adel das formelle Recht auf den Getreidehandel und drängt den Stand aus dem Rechtsschutz des Bauern hinaus. Die Getreideausfuhr erreicht ihren Höhepunkt, die Holländer halten bis zu 1500 Schiffe in der Ostsee. Damit wird der städtische Wiederaufbau unmöglich. Die Überspannung bringt den Umschlag. Der aufgesogene Boden begann nach 1700 zu versagen, Brandenburg mußte Getreide einführen. Gleichzeitig geht ein großer Teil der alten Schafzucht zu Grunde. Daraus ergibt sich die preußische Straßenpolitik des 18. Jahrhunderts. Ihr Ziel ist die Wiederherstellung des hanseatischen Zustandes. Die Städte werden mit allen Mitteln industrialisiert, der Handel auf den Frankfurter Messen konzentriert. Der Erwerb von Schlesien 1742 und von Westpreußen 1773 scheint den alten Bogen der Hansapolitik wiederherzustellen. Das Experiment mißlingt zwar im Ganzen, im Einzelnen erreicht es aber eine starke Industrialisierung der ostelbischen Städte und ein feste Stellung der Frankfurter Messen im Osthandel.
Das 19. Jahrhundert hat beides nicht erhalten können. Der Grund liegt wieder im weiteren Wachsen des Großgrundbesitzes. Eine wesentliche Änderung der ländlichen Verhältnisse haben die beiden großen Hohenzollern nicht wagen dürfen. Ihre mühsam aufgebaute Industrie arbeitete daher bei der unheilbaren Krankheit des ländlichen Marktes nur für die Ausfuhr. Als infolgedessen Rußland seit 1820 den polnischen Markt gegen den Westen abschloß, starben die Fabrikbetriebe rechts der Oder schnell ab. Die Steinschen Reformen führten zur weiteren Entvölkerung des Ostens. Zwischen 1815 und 1850 wurden 53% der ostelbischen Bauernhöfe ausgekauft. Damit setzte sich die Nord- Süd- Tendenz des Verkehrs wieder in voller Kraft durch. Das zeigt sich auch im Bahnbau. Berlin erhielt Verbindung mit Frankfurt 1842, mit Stettin 1843, der Frankfurter Strang wurde dann aber nach Guben abgebogen (1846). Stettin erhielt 1848 Verbindung mit Kreutz, 1847 mit Posen. Schneidemühl erhielt eine Berliner Verbindung erst 1857. Ein neuer Umschlag erfolgte seit den sechziger Jahren durch das Bedürfnis des Westens nach östlichen Lebensmitteln. Posen erhält 1870 Bahnverbindung mit Berlin, im selben Jahre Danzig mit Stettin. Diese Tendenz West- Ost beherrscht das Verkehrsbild bis zum Weltkrieg.
Der heutige Zustand zeigt ein Schwanken beider Richtungen. Die Stettiner Getreideausfuhr ist gegenüber der Vorkriegszeit erheblich gewachsen, andererseits besteht für das begonnene Siedlungswerk die Notwendigkeit einer weiteren Betonung der West- Ost Richtung zur Unterbringung der landwirtschaftlichen Veredlungsprodukte, die allein dem östlichen Kleinsiedlungswerk Dauer geben können.