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Landsberg a.Warthe
(Gorzów Wielkopolski)
Was sagen die Straßen unserer Stadt?
Neumärkische Zeitung 27. August 1931

Mit dem Fahrrad kreuz und quer durch Landsberg.
Der tägliche Verkehr ist der Herzschlag einer Stadt. Das pulsierende Leben in den Straßen treibt die Menschen zu neuer Arbeit, weckt Zaghafte zu frischer Tat und scheint wie ein Spiegel, der das Bild eines laufenden Bandes in wechselnder Form widerwirft.
So taucht die Frage auf, in welcher Gegend unserer Stadt Landsberg (Warthe) fühlt man den Herzschlag der Straßen am lautesten, und wo ertönt nur schwach ihr Pulsschlag? Wo liegen die Adern, die am stärksten durch den Lauf eines rastlosen Lebensstromes durchflutet werden, und was tut der Mensch, um in diesem Strome keinen Schaden zu nehmen und zu meistern die Kräfte der Technik?
Eine Fahrt mit dem Fahrrad durch das Weichbild unserer Stadt vermittelt die Antwort auf jene Fragen. Die Fahrt beginnt.
Der Marktplatz ist das Herz unserer Stadt. Hier liegt der Mittelpunkt des Kreises, von dem zu seiner Peripherie der Verkehr strahlenförmig sich ausbreitet. Also losgetreten, die „Badewanne“ unter Beachtung der Verkehrsvorschriften kühn umrundet, und schon fahre ich durch die Brückenstraße. Es ist 11 Uhr vormittags an einem Wochenmarkt. Schwer beladene Pferdefuhrwerke kommen entgegen. Bauern aus den umliegenden Dörfern, die ihre Ware abgesetzt haben, spazieren auf den Fußsteigen, sehen sich die Auslagen der Geschäfte an und prüfen lange bevor sie sich zum Eintritt entschließen. Dazwischen gellen die Hupen von Autos, die Straßenbahn klingelt, zahlreiche Radfahrer tauchen auf und verschwinden, Fußgänger überqueren den Fahrdamm. Wuchtig und machtvoll singt die Straße ihr Lied.
Die Beobachtung zeigt, daß die Menschen sich dem starken Verkehr durchaus angepaßt haben. Die Kraftwagenführer gaben vorschriftsmäßig ihr Zeichen und lösten den Winker aus, die Radfahrer erhoben den Arm, die Kutscher gaben Richtung mit der Peitsche, jeder Fahrer bemühte sich, vorsichtig sein Fahrzeug zu führen. Nur einige Kinder fielen auf, die ohne Aufsicht im Laufschritt über die Straße sprangen und im sorglosen Dahinlaufen natürlich sich und andere gefährdeten. Auch Kinderwagen sollte man möglichst nicht an dieser Stelle über die Straße bringen.
Schon befinde ich mich auf der Warthebrücke. Der erste Eindruck: An beiden Brüstungen der Brücke entlang stehen Menschen und schauen hinab auf den glitzernden Strom, auf dessen breiten Rücken kleine qualmende Dampfer mit ihrem Schleppzug die Bahn ziehen. Wünschenswert wäre es, wenn die Passanten beim Überschreiten der Brücke die rechte Seite einhalten würden. Die Stockungen des Verkehrs durch das dauernde Ausweichen ließen sich gut vermeiden.
Die Hauptstraße der Brückenvorstadt und der Ausfallweg nach dem Süden, in das Warthebruch, ist die Dammstraße. Der Verkehr von Fahrzeugen ist auch hier lebendig. Landleute mit ihren Wägelchen treten am meisten in Erscheinung. Lastautos schaukeln langsam über das Pflaster. Der Führer eines dreirädrigen Motor Lieferwagens hat sein Fahrzeug an die Bordschwelle des Fahrdammes geschoben, liegt unter dem Wagen und untersucht den Zylinder und die Kupplung. Anscheinend hatte der Motor keine Lust mehr, Arbeit zu leisten. Neugierige Burschen sehen mit fachmännisch interessierter Miene dem Beginnen zu und erteilen Ratschläge. Vor der Kanalbrücke war ein Kutscher mit seinem Kohlenwagen einfach auf den Wall gefahren und trug von hier die Kohlen ab, die Pferde rissen die Grasnarbe auf und zertrampelten die Erde. Zu einem Halteplatz für Fuhrwerke dürfte der Wall aber nicht geschaffen sein.
In der Zimmerstraße, die in ihrem Auslauf zum Rundungswall nur auf einer Hälfte des Fahrweges gepflastert ist, scheinen Autobesitzer diese idyllische Fahrbahn gerne zum Parken ihrer Wagen zu benutzen. Während der Nacht stehen diese sogar ohne Beleuchtung. Eine etwas eigentümliche Auffassung von dem Zweck der Zimmerstraße.
Zurück geht die Fahrt über die Brücke zum rechtsseitigen Bollwerk. Da Fischmarkt ist, schaut man geschäftiges Treiben. Händler preisen die Waren an, Hausfrauen schreiten prüfend von Stand zu Stand. Am Warthebollwerk sind die Lieferautos und Wagen der Händler in Reih und Glied aufgefahren. Soeben rattert ein Zug über die „Landsberger Hochbahn.“  Erschreckt bäumt sich das Pferd vor einem Schlächterwagen hoch und will davonrasen. Glücklicherweise gelang es dem Schlächtergesellen, das Pferd am Kopfe zu fassen und zum Stehen zu bringen. Folglich sollen die Kutscher die Pferde absträngen und nie ohne Aufsicht lassen. Unglück ist leicht geschehen.
Jetzt wendete ich mein Rad nach Osten.
Die Zechower Straße ging es entlang. Diese Straße weist ein durchaus anderes Gepräge auf als eine typische Verkehrsstraße, wohl läutet auch hier die Straßenbahn, und lassen die Autos ihr Tuten ertönen. Aber der Verkehr ist nur schwach. Das Straßenpflaster nach Zechow ist schlecht. Der Hauptverkehr führt heute über die Friedeberger Chaussee, auf der einst Napoleon auf seinem Zuge nach Moskau und König Friedrich I. auf seiner Krönungsfahrt nach Königsberg entlang zogen.
Dafür bedeutet es aber eine Freude für den Fußgänger, die Zechower Straße entlang zu spazieren, vorbei an den in dichtem Grün versteckten Häusern, vorbei an hängenden Trauerweiden und fruchttragenden Obstbäumen, bis nach Hopfenbruch. Dunkle Kastanienbäume und Hellschimmernde Linden raunen im Winde ihr Lied, ruhig und gemächlich wandeln die Menschen den Weg.
Die Hindenburg und Meydamstraße sind die Adern, die den Verkehr nach dem nördlichen Teile unserer Stadt lenken. Das Leben in diesen Straßen zeigt ein reges, bewegtes Gesicht. Liefer und Lastwagen, Sportradler und Fuhrwerke, Straßenbahn und Autos wechseln in lebhafter Folge. Die gerade Fahrbahn der Straße verleitet noch immer die Motorradfahrer dazu, Radrennen zu veranstalten. So günstig diese Gelegenheit hier auch ist, jeder Motorradfahrer soll sich immer wieder überlegen, daß er nicht nur sich, sondern auch seine Mitmenschen in Gefahr bringt. Einigen Kutschern muß dringend ans Herz gelegt werden, mit der Peitsche nicht so ausgiebig in der Umgebung herum zu hantieren. Vorbeifahrende Radfahrer können bei jenem Versuch leicht die Peitsche zu spüren bekommen. Der Erfolg sind Klagen auf Körperverletzung und Sachbeschädigung. Auch die Knaben mit den Rollern sollten vorsichtiger diesem Sport auf der Straße und dem Bürgersteig huldigen.
Ein beruhigendes Gegenstück zu dem Hasten des Tages bilden die Gruppen von alten Frauen und Männern, die auf den Bänken des Moltkeplatzes sitzen und mit der inneren Abgeklärtheit des Alters den Strudel des Kampfes ums Dasein an sich vorüberstürzen sehen. Fahrzeuge vom Lande sind wenig zu bemerken. Ein Ausfalltor ist nicht vorhanden. Am Ende der Hohenzollernstraße ist der Verkehr zu Ende.
Nun blieb noch die Straße übrig, die als die Hauptdurchgangsstraße nach Westen zu bezeichnen ist. Also auf zur Fahrt durch die Küstriner und Friedrichstadt.
Machtvoll durchzieht diese beiden Hauptadern unserer  Stadt die treibende Kraft des modernen Verkehrs. Aus Dühringshof, Küstrin und Frankfurt (Oder), aus Berlin und den anderen westlichen Städten unseres Vaterlandes kommen die Kraftfahrzeuge auf dieser Straße angeknattert und zeichnen das Zeitgemälde einer technisch- modernen Epoche in das Antlitz dieses Stadtteiles. Zwischen ihnen bewegen sich die heimischen Kraftwagen, Motorräder und Fuhrwerke, Radfahrer, Handwagen und Eisverkäufer. Die Straßendisziplin ist einwandfrei, die Fußgänger halten Umschau, die Fahrer Vorsicht. Nur eine Beobachtung ist zu rügen. Verschiedene Knaben und auch Mädchen hängen sich an Lastwagen, um als blinde Passagiere ein Stück des Weges mitzufahren. Diese Unsitte muß unbedingt unterbleiben. Viel Unglück kann durch diesen Unfug hervorgerufen werden. Die Eltern sollten ihre Kinder auf die Gefährlichkeit jenes Treibens hinweisen.
Die Richtstraße zieht wie ein Saugrohr die tägliche Verkehrsflut durch die Enge ihrer Bahn. Ein Fahrzeug folgt dem andern. In dieser Gefahrenzone ist gespannteste Aufmerksamkeit am Platze, jeder Fahrer muß sich sagen: Lieber Vorsicht, als später Reue. Runter die Fußbremse bei dem kleinsten Hindernis. Das Leben des Mitbürgers ist heilig. Bei dieser Einstellung werden die Verkehrsunfälle abnehmen, wenn sie auch nie vollkommen verhindert werden können. Zufälle spielen oft eine verderbliche Rolle.
Meine Fahrt war zu Ende. Aber noch lange sah ich im Geiste das Gesicht unserer Straßen und spürte ihren klopfenden Herzschlag. Auch die Sprache einer Straße will gesucht und verstanden werden.      -ny.-