Landsbergs Bedeutung in der Binnenschifffahrt
Neumärkische Zeitung 24. Mai 1929
Von Erich Hoffman, Landsberg a.W.
Im Schiff-Fahrtsverkehr ist es für den Nichteingeweihten im allgemeinen schwierig, sich ein richtiges Bild davon zu machen, was ein schiffbarer Wasserlauf, den man täglich sieht, und dessen Verkehr man täglich von fester Brücke aus beobachten kann, in volkswirtschaftlicher Beziehung zu bedeuten hat Es fehlt hier im Gegensatz zur Organisation des Verkehrs auf den Schienen der allen zugängliche und von Kindheit an vertraute Fahrplan mit seiner klaren, schematischen Einteilung und seinem übersichtlichen Kartenmaterial. Ein kurzes Blättern im Buch, und der Suchende findet sein Ziel; er liest ab, wenn er den Ausgangspunkt verlassen muß, um zu einer bestimmten Zeit an einem fremden Ort zu sein, kann er sich errechnen, was die Beförderung kostet und dergleichen mehr. Dies gilt im Großen und Ganzen sowohl für den Personen, als auch für die Güterbeförderung. Anders liegen die Verhältnisse bei der Beförderung auf dem Wasserwege und besonders insoweit, als sie den Ab- und Zutransport von Gütern betreffen. Dies soll uns im Rahmen der folgenden Ausführungen vornehmlich interessieren unter besonderer Berücksichtigung Landsbergs als wichtigerer und zu beachtender Platz im Binnenschifffahrtsverkehr.
Ein Blick auf die Landkarte weist, wenn wir Landsberg a.W. zunächst stromab verlassen auf vier bekannte Städtenamen unseres Vaterlandes als Mittelpunkte großer Wirtschaftszentren hin. Dies sind: Stettin, Berlin, Magdeburg und Hamburg. Und wir sehen in der Tat, das Landsberg mit diesen Gebieten teils von Natur aus, teils durch Kunstwasserstraßen, die wir Kanäle nennen, sinnreich verbunden ist.
Die uns am nächsten liegende Strecke nach Stettin (Wasserweg ca. 180 Kilometer) führt uns über Cüstrin an Hohensaaten vorbei nach der einst so blühenden Hafenstadt, deren Lebensnerv leider durch den unglücklichen Ausgang des Krieges aufs schwerste getroffen ist. Stettin, einst eine Stätte regesten Verkehrs, die Stadt der Werften, die kämpft um seine Existenz. Es fehlen die riesigen Kohlen- Erz- und sonstigen Massentransporte, deren Ursprungsland jetzt in Polen liegen. Hoffen wir, daß die Anstrengungen, die man jetzt macht, um Stettin zu helfen, von Erfolg begleitet sein mögen.
Den Weg nach Berlin nehmen wir abermals über Cüstrin - Hohensaaten durch den Hohenzollernkanal, den so genannten Groß- Schiff-Fahrtskanal. Im Zuge dieses Kanals (bei Niederfinow) wird seit Jahren an dem neuesten Schiffshebewerk gebaut, das nach seiner Vollendung im Jahre 1932 eines der imposantesten Bauwerke unserer hoch entwickelten Ingenieurkunst sein wird. Dieses Werk wird dann den dort vorhandenen Höhenunterschied, der z.Zt. mit vier Treppenschleusen zu je neun Meter Höhe ausgeglichen wird, mit einem Male überwinden, also die Fahrzeuge in einem Zuge 36 Meter hoch heben. In Berlin selbst wickelt sich der ein und ausgehende Verkehr im neu angelegten Westhafen (Plötzensee) ab, der neuerdings den gesamten Schiff-Fahrtsverkehr der Reichshauptstadt aufnimmt.
Der zu durchfahrende Weg nach Magdeburg beträgt ca. 315 Kilometer. Berlin bleibt unberührt links liegen. Wir passieren Spandau, Brandenburg, Plaue und benutzen den Ihle- Kanal, der die Elbe erreichen läßt, welche die Schiffe und Kähne stromauf bald nach Magdeburg führt. Die geplante Kreuzung der Elbe unterhalb Magdeburgs durch den projektierten und bereits teilweise im Bau befindlichen Mittellandkanal, der Mitteldeutschland mit Westdeutschland verbinden soll, eröffnet auch für den östlichen Schiff- Fahrtsverkehr unseres Landes gewaltige Aussichten, hoffentlich ist dieser große Plan bald durchführbar.
Um Hamburg zu erreichen, muß die beachtliche Strecke von ca. 550 Kilometer zurückgelegt werden. Der Weg führt wiederum über Cüstrin, Hohensaaten, Oranienburg, Spandau nach Brandenburg und geht dann geradeaus weiter über Havelberg bis zur Einmündung der Havel in die Elbe; Havelort genannt. Von dort aus trennen uns noch 200 Kilometer von der alten Hansastadt. Wie wichtig diese Verbindung ist, das bedarf keiner weiteren Erwähnung. Es möge nur angeschnitten werden, daß zum Beispiel Landsbergs bedeutendstes Werk, die Jutespinnerei Max Bahr, den überwiegenden Teil seiner Produktion zu Wasser via Magdeburg - Hamburg abbefördert und andererseits alles Rohmaterial ebenfalls von Hamburg auf dem Wasserwege bezieht. Kluge Ausnutzung und rechtzeitiges Erkennen dieser billigen und bequemen Transportmöglichkeit hat dem Gründer dieses weltbekannten Werks der noch einer der eifrigsten Fürsprecher vollwertiger Wasserstraßen ist, mit zu seinem Erfolge beigetragen.
Der Verkehr von und nach dem Osten, d.h. von Landsberg die Warthe oder die Netze stromauf ist, wiederum eine Folge des verloren gegangenen Krieges, im Vergleich zur Vorkriegszeit äußerst gering. Nur verhältnismäßig wenige Fahrzeuge laden im Netzeverkehr in Usch (ca. 140 Kilometer) oder erreichen im Wartheverkehr das früher so bedeutende Posen (ca. 185 Kilometer). So kommt es, das Landsberg zahlenmäßig der bedeutendste Schiff-Fahrtsplatz in der mittleren Ostmark geworden ist, wenn wir im Vergleich die nächstgelegenen Plätze wie Cüstrin, Kreuz, Schwerin a.W. vergleichen.