70 Jahre Ostbahn - Teilstück
Neumärkische Zeitung 15. Oktober 1927
Frankfurt- Oder - Cüstrin - Kreuz.
Bau und Verkehrsentwicklung.
Am 12. Oktober 1857 rollten die ersten Züge über die an diesem Tage dem Verkehr übergebenen Ostbahnstrecke Frankfurt- Oder - Cüstrin - Kreuz und verbanden so die Landeshauptstadt auf dem kürzesten Wege mit den preußischen Ostprovinzen. Schon vor und besonders seit der Inbetriebnahme der ersten Ostbahnstrecke Kreuz - Bromberg im Jahre 1851 schwebte das Projekt einer direkten Verbindung der Ostmark mit Berlin. Der Beginn des Baues der Ostbahn bei Kreuz in Richtung Bromberg und somit die Ansetzung der unruhigen Arbeitermassen in weitere Entfernung von Berlin war seiner Zeit den Behörden aus Gründen der Erhaltung von Ruhe und Ordnung ratsam erschienen. Hierher konnten die aufrührerischen Arbeiter mit der Berlin - Stettiner und der Stargader- Posener Bahn geschafft werden. Die günstige Entwicklung des Verkehrs auf der Ostbahn (Berlin - Stettin - Stargard - Kreuz - Bromberg) ließ die Ausführung eines Bahnprojektes von Kreuz in Richtung Berlin beschleunigen. Der Umweg über Stettin war an sich bedeutend und beeinträchtigte den Verkehr durch die teuren Tarife der Berlin- Stettiner Bahn wesentlich. Eine dem Jahre 1854 zugrunde liegende Berechnung ergab, daß bei direkter Verbindung der Ostbahn mit der Landeshauptstadt an Personengeld ca. 29400 Taler, an Güterfracht mehr als 73 000 Taler, mithin dem gesamten Verkehr rund 102 400 Taler erspart geblieben waren. Die Fracht für landwirtschaftliche Erzeugnisse mußte sich nach Herstellung der direkten Eisenbahnlinie Kreuz - Berlin um fast 50 Prozent verbilligen. Von nicht zu unterschätzender Bedeutung war weiterhin der Umstand, daß die Oderniederung zwischen Stettin und Altdamm durch eine lange Holzbrücke überbrückt wurde. Umfangreiche Ausbesserungen und häufig eintretende Hochwasserkatastrophen mußten unliebsame Störungen des Verkehrs hervorrufen, die die Ostbahn beim Anschluß ab eine Bahn nicht treffen konnten. Das Regierungsprojekt ging dahin, von Kreuz über Landsberg a.W. - Küstrin nach Frankfurt a.O. die Ostbahn zu bauen, die hier Anschluß an die Niederschlesisch- Märkische Eisenbahn Frankfurt - Berlin fand. Maßgebend für die immerhin noch 2,2 Meilen Umweg darstellende Linienführung nach Frankfurt war die Ersparnis der 5 600 000 Taler betragenden Kosten der 11,2 Meilen langen direkten Strecke Küstrin - Berlin; zudem sollte die alte Messestadt in das Verkehrsgebiet der Ostbahn gezogen werden. Der Regierungsentwurf wurde von dem Abgeordneten von Kamptz und Gleichgesinnten, die den Bau der direkten Bahn Küstrin - Berlin forderten heftig bekämpft. Der Antrag der Gegner des Regierungsentwurfs war insofern berechtigt, als die von ihnen gewünschte Linie ein wirtschaftliches und industriell entwickeltes Bahngebiet von 30 Quadratmeilen mit 94 000 Einwohnern erschloß. Doch drang die Regierung mit ihrer Vorlage durch, da das Verkehrsgebiet der geforderten von der bereits bestehenden Bahn durchschnittlich kaum 2 Meilen entfernt lag. Zudem der Bau der direkten Berliner Strecke nur hinausgeschoben werden sollte. Der Gesetzentwurf der projektierten Bahn Kreuz - Frankfurt a.O. wurde nach längeren Verhandlungen endlich angenommen und mit den Arbeiten unverzüglich im Frühjahr 1856 begonnen. Einschließlich der Kosten der Errichtung von Brücken über Warthe und Oder und der Befestigungsanlagen bei Küstrin war der Gesamtbahnbau Kreuz - Frankfurt auf 6 987 000 Taler veranschlagt. Die Schifffahrt verlangte die Anlage von Drehbrücken; die Festungswerke erforderten drei Zugklappen. Die Küstriner Warthebrücke erhielt zwei Durchfahrtsöffnungen von je zehn Metern. Den Stromtälern der Netze, Warthe und Oder folgte die neue Bahnstrecke, lief am nördlichen Höhenrande der Netze- und Wartheniederung von Kreuz bis Küstrin, überschritt hier die Warthe und Oder und fiel dann in das linke Oderufertal hinein. Der Bahnkörper wurde nach Möglichkeit an den Fluß der Höhen gelegt, um ihn vor dem häufig eintretenden Hochwasser zu schützen. Bei dem Dorfe Alt- Beelitz, bei dem die Netze dicht an den Höhen entlang fließt, mußte die Bahn über die Berge geschickt werden, da die Verlegung des Flußbettes zu große Kosten verursacht hätte. Die Oderbrücke und damit die neue Strecke wurde am 26. September 1857 fertiggestellt, die Inbetriebnahme erfolgte am 12. Oktober 1857. Die Eröffnung der durchgehenden Bahn aus der Ostmark nach Berlin brachte eine weitere Hebung des Verkehrs mit sich. Während 1857 mit der Ostbahn rund 850 000 Personen befördert wurden, erhöhte sich die Zahl im folgenden Jahre auf 1 065 000. Die Gesamteinnahmen an Fracht und Personengeld stiegen von 5,1 Millionen auf 7,5 Millionen Mark.