Alte Handelsstraßen
Neumärkische Zeitung 23.April 1930
In der Grenzmark Posen - Westpreußen
Von A. Strukat, Märk. Friedland
Bereits zu Anfang unserer Zeitrechnung entstanden lebhafte Handelsbeziehungen zwischen unserer Heimat und den Kulturländern Süd- und Osteuropas. Der Bernstein im Altertum ein wichtiger Handelsgegenstand, wurde zuerst von der friesisch- jütischen Küste vom Beginn des ersten Jahrhunderts ab, als er auch an der Ostseeküste häufiger wurde von hier geholt. Nun zog man zur Ostsee, und es bildeten sich Handelsstraßen, die vom sonnigen Süden durch unsere Ostmark führten. Da von Kunststraßen in jener Zeit keine Rede sein konnte, müssen die Handelswege des Altertums sich über trockne Landbrücken, zwischen Flüssen, Seen und Morästen hindurchgeschlängelt haben. Wir müssen alle heutigen Wege unberücksichtigt lassen und nur das Gelände im Auge behalten, das seit Jahrhunderten trocken und zugänglich war. Um durch die Grenzmark Posen- Westpreußen von Süden nach Norden zu gelangen, mußte man zunächst die Netze überschreiten. Dieser Fluß wurde wegen seiner großen Überschwemmungen auch der „Polnische Nil“ genannt. Es gab sehr wenige Übergänge über ihn, da auch die Brahe im Norden und der Goplosee im Süden mit ihm in Verbindung standen. Nur zwei waren vorhanden, bei Thure, oberhalb Nakel, weil hier die trocknen höheren Ufer bis an den Fluß stoßen, und bei Czarrnikau, wo der Fluß breiter und flacher war und eine Furt hatte; ebenso besaßen auch die Brüche keine so große Ausdehnung. Von Thure abwärts nach Usch lagen breite, unwegsame Sümpfe, denn seit grauer Vorzeit befand sich kurz vor Usch eine Barre aus uralten Baumstämmen und großen Steinblöcken. Sie stauten das Wasser in der oberen Netze an und verursachte das langsame Abfließen und Zerfließen in Sümpfe und Moräste. Die Lobjanka und andere Zuflüsse der Netze sorgten dafür, daß diese Sümpfe nie austrockneten. Wollte man daher von Süden über die Netze nach der Weichselniederung ziehen, so konnte man jene nur bei Thure oder Czarnikau überschreiten. Da nördlich der Netze Wüsteneien und Urwälder lagen, mußte man sich der Lobjanka zuwenden und dann weiterziehen über Lobsens. Wandsburg, über die Sempollna, über Tuchel, Czersk und Stargard. In diesen Gegenden, an der Übergangsstelle bei Usch und in der Nähe der alten Czarnikaner Furt, ebenso bei Ragelin und Zempelsburg im Kreise Flatow hat man Silber- und Bronzemünzen mit den Bildnissen der römischen Kaiser aus dem ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung gefunden. Von Deutschland her überschritt man später die Oder bei Glogau oder Crossen. Das waren die Tore nach Polen hin. Brücken gab es keine und auf Fähren wurden die Wanderer übergesetzt. Auf dem rechten Oderufer ging die Straße von Crossen über Meseritz nach Posen. In Gnesen vereinigten sich zwei Straßen, die von Norden kamen, eine von Usch und die andere von Belgrad über Nakel. Mit Stettin bestand bis zum Anfang des zwölften Jahrhunderts keine Straßenverbindung; ein ausgedehnter Wald reichte von den Ufern der Netze bis weit nach Pommern hinein, da hauste großes und kleines Wild in Menge. Erst Herzog Boleslaw III. ließ für seine Kriegszüge einen Weg bauen, und diese Heeresstraßen benutzt bald auch der wandernde Kaufmann.
Am häufigsten war im Posener Lande die Straße von Guben über Bentsch, Posen und Gnesen befahren, und an ihr legten die polnischen Fürsten frühzeitig Zollstationen an. Als dann die Kreuzritter Preußen erobert hatten, benutzten auch sie bald diese Straße. Im Jahre 1243 erließen die polnischen Herzöge die Bestimmung, daß Kreuzfahrer und andere reisende nach Preußen freien Durchgang hatten, preußische Kaufleute bei Strafe von einer Mark (½ Pfund Silber) diese Straßen einzuhalten müßten; sie brauchten aber nur in Posen, Gnesen und Bentschen Zoll zu bezahlen. Diese Kaufleute brachten feine Tücher, Leinen, Gewürze, Salz und Heringe ins Land. Blieben sie länger als acht Wochen liegen, so mußten sie den Zoll zum zweiten Male bezahlen. Von Westen her wurde jene Straße besonders befahren von den Kaufleuten aus Landsberg (Warthe), Frankfurt (Oder), sowie aus den pommerschen Küstenstädten und von der Hansa. Sie lieferten: Blei, Eisen, Kupfer, Quecksilber, Schwefel, Alaun, Kleider, Baumwolle, Mützen, Reis, Feigen, Mandeln, Baumöl, Wein, Stock- und Dörrfisch und nahmen mit: Holz, Teer, Pech, Weizen, Roggen, Gerstenmalz, Butter, Honig, Wachs, Pelze und Pottasche. Auch die Weichsel stromauf ging ein großer Teil des Verkehrs. Besonders zur Zeit der Völkerwanderung und später unterhielten die Völker der Grenzmark Posen- Westpreußen, in der Hauptsache Slawen, lebhafte Handelsbeziehungen mit dem Westen und den mohammedanischen Völkern des Ostens. Viel arabisches Gold (kufische Münzen, benannt nach der Stadt Kufa) kam ins Land, auch Weine, Früchte, leinene, seidene und baumwollene Stoffe, von denen sich bis heute nicht als die arabischen Namen erhalten haben, wie Damast, Kattun usw. Auch kamen ins Land zahlreiche Schmucksachen aus Silber, Hals- und Armringe aus mehreren gewundenen Silberdrähten, Hakenringe in Form eines Hakens, deren eines Ende schleifenförmig umgebogen war, Waffen, Geräte, Schiffstaue, Kaurimuscheln, Glasperlen u.a. Dafür lieferte der Norden den Arabern: Sklaven, Mammutzähne, Jagdfallen, Vieh, Leder, Pelze von Fuchs, Zobel, Hermelin, Wiesel, Biber, Eichhörnchen und Hasen, Fischleim, Honig, Wachs, Getreide, Waffen und Bernstein.