Die Fahrt des ersten Zuges über die Eisenbahnbrücke
Neumärkische Zeitung 26. Juni 1931
Am 15. Februar 1899, also vor ungefähr 32 Jahren, war die aus verkehrstechnischen Gründen in Bau genommene Eisenbahnbrücke, die den Landsberger Hauptbahnhof mit dem Bahnhof Brückenvorstadt verbinden sollte, soweit in der konstruktiven Ausführung hergestellt, daß die landespolizeiliche Abnahme der Strecke erfolgen und der erste Zug auf den neuen Gleisanlagen zur Fahrt über die Brücke auf den Weg geschickt werden konnte.
Der Termin zur Fertigstellung der Brücke war ursprünglich bereits auf den Anfang des Jahres 1899 festgelegt worden. Es scheinen sich aber zwischen den beiden damaligen Eisenbahndirektionen Bromberg und Posen wegen der Übernahme des Betriebes Schwierigkeiten ergeben haben. Die Direktion Posen, von der die Bauleitung geführt wurde, sollte die Verwaltung der Strecke der Direktion Bromberg übergeben, die aber wohl mit gewissen Einzelheiten der Konstruktion nicht einverstanden war. Von welchem Nachteil diese Verzögerung für die Landsberger Industrie war, zeigt folgendes Bild aus jener Zeit: Die Elektrizitätsgesellschaft „Helios“, von der damals die heutige Landsberger Straßenbahn gebaut wurde, hatte mit der Aktiengesellschaft H. Paucksch einen Vertrag auf Lieferung der Kessel und Maschinen abgeschlossen, die zu einem gewissen Zeitpunkte aufgestellt sein mußten. Da nun die Kesselanlagen mehr wogen, als das zulässige Gewicht für den Transport über die Warthebrücke betrug, beabsichtigte die Firma Paucksch, die Lasten vom Pauckschen Industriegleis nach Bahnhof Brückenvorstadt und von dort über die neue Eisenbahnbrücke nach dem Ostbahnhof abzurollen. Da die Brücke nicht zur Zeit fertig wurde, blieb nichts anderes übrig, als die Fracht über Schwerin, Meseritz, Reppen, Frankfurt (Oder) und Küstrin bis zum anderseitigem Ufer von Landsberg spazieren zu fahren. Die Idee, die großen Kessel einfach in das Wasser der Warthe zu rollen und sie alsdann schwimmend bis zu Geldners Holzplatz zu transportieren, wurde auch erwogen. Der Plan wäre an sich praktisch durchführbar gewesen. Doch fehlte es an den nötigen Kränen und Vorrichtungen, um die schweren Kolosse aus dem Wasser zu bringen.
Am 15. Februar 1899 war nun der Tag gekommen, an dem zum ersten Male ein Zug über die neue Brücke fahren sollte. Vorher wurde durch eine Belastungsprobe die Tragfähigkeit der Brücke geprüft. Zwei besonders stark gebaute Lokomotiven, die durch ihren Tender noch eine besondere Belastung erhielten, wurden aneinandergekuppelt und fuhren langsam von einem Bogen zum anderen. Unter den Eisenbögen waren Fahrzeuge mit empfindlichen Meßinstrumenten aufgestellt, die jedes Nachgeben der Eisenkonstruktion infolge der auftretenden Druckkräfte anzeigten. Als diese Probe zur Zufriedenheit verlaufen war, begaben sich der Vertreter der Regierung, Regierungsrat Kröhnke aus Frankfurt (Oder), Oberbaurat Neitzke und Regierungsrat Albrecht von der Direktion Posen sowie Stadtbaurat Keutel, Wasserbaurat Schulz, Stadtrat Brahtz und die Bahnmeister der Strecke zum Ostbahnhof. Vor dem Hauptbahnhof stand ein aus der Lokomotive Nr. 1903 und zwei Personenwagen 2. und 3. Klasse gebildeter Personenzug. Zehn Minuten nach halb zwölf setzte sich der Zug mit der Kommission und auch verschiedenen Landsberger Bürgern, die gerne an dieser ersten Fahrt teilnehmen wollten, in Bewegung. Bald darauf donnerte der Zug über die Brücke, von den Zuschauern an beiden Ufern der Warthe freudig mit Hüte- und Tücherschwenken begrüßt. Etwa zwei Minuten dauerte die Fahrt. Vom Bahnhof Brückenvorstadt begaben sich die Vertreter der Behörden zu Fuß denselben Weg zurück, um nochmals sämtliche Bauteile der Brückenkonstruktion zu überprüfen. Beanstandungen irgendwelcher Art wurden nicht erhoben. Die statischen Berechnungen waren richtig durchgeführt, und auch das Material entsprach den Lieferungsbedingungen. Die Betreuung der Strecke wurde dem Bahnmeister erster Klasse Lenz anvertraut.
Am 20. Februar begann der fahrplanmäßige Personen und Güterverkehr vom Hauptbahnhof über die Eisenbahnbrücke. Die neue Strecke bedeutete für die Landsberger Industrie eine fühlbare Entlastung der Gütertarife. Den Hauptwert der Brücke bildete aber die direkte Verbindung der Brückenvorstadt mit der Stadt Landsberg durch den Schienenstrang.
-ny.-