Der Verein für Geschichte der Neumark macht seine erste diesjährige Studienfahrt.
Neumärkische Zeitung 13. April 1926
Driesen und seine geschichtliche Entwicklung. - Die Kirche Netzbruch. - Blockhäuser in Gottschimm. - Heimfahrt.
Im besten Sonnenglanz erfolgte gestern Vormittag kurz nach 9 Uhr die Abfahrt eines großen Teil der Mitglieder des Vereins für die Geschichte der Neumark mit ihren Damen im eigens dazu bereitgestellten Postauto, um die erste diesjährige Studienfahrt anzutreten. In den langen Tag hinein ging’s dem alten Städtchen Driesen zu, dem eine eingehende Besichtigung zugedacht war. Um 11 ½ Uhr erfolgte im Rathaussaal zu Driesen die Begrüßung der Fahrteilnehmer durch den Bürgermeister Dr. Albers namens und im Auftrage der städtischen Körperschaften. In kurzen Strichen zeichnete er ein Bild von der Lage, der historischen und politischen Bedeutung Driesens. Als äußerste Stadt im Ostzipfel Brandenburgs war sie daher steht’s der Zankapfel zwischen Polen und Brandenburg. Die Burg, das Wahrzeichen der Stadt, ist fast verschwunden. Vor 40 bis 50 Jahren hat sie der damalige Besitzer abbrechen und die Steine verkaufen lassen. Mangelnder Sinn für historische Baudenkmäler hat die Stadt ihres Wahrzeichens beraubt. Trotzdem hat die Stadt Brandenburg stets die Treue gehalten und es hieß und heißt noch: „Hie gut Brandenburg all Wege“. Das Stadtwappen zeigt den brandenburgischen Adler mit einem goldenen Herzen auf der Brust, dem Symbol der Treue. Und diese Treue Brandenburg und damit dem Reiche zu halten, wird die Stadt Driesen sich allzeit bestrebt erweisen. Regierungsbaurat König dankte dem Bürgermeister für die warme Aufnahme und die herzlichen Worte der Begrüßung. Die erste diesjährige Wanderung habe Driesen zum Ziel ausersehen und im Verein bestehe der Wunsch, in diesem Jahre noch mehr Ausflüge in die Randbezirke der Neumark zu unternehmen. Die Wanderungen seien ein Anreiz für den Heimatfreund - den Museumsfreudigen, den Baukünstler, den Naturfreund, jeder könne und solle Anregung und Gewinn davon erfahren. Geben und nehmen - nehmen und geben ist das Zeichen, unter dem der heutige Ausflug stehe, und so ist denn der Verein für die Geschichte der Neumark heute auch nicht mit leeren Händen gekommen. Zum Zeichen seiner Dankbarkeit überreichte er der Stadt Driesen ein Ölgemälde, welches zwar nicht Original, wohl aber eine äußerst gelungene Kopie sei. Die Bedeutung des Geschenkes beruht darin, daß es sich um die Kopie eines Gemäldes handelt, welches die Stadt Driesen ums Jahr 1360 zeigt. Das Original befindet sich im Besitze der Stadt Landsberg a.W. Die Kopie ist gemalt von Fräulein Hilde Fehrle, der Tochter des Fabrikbesitzers Fehrle in Wepritz. Das Gemälde selbst ist von dem Driesener Schmiedemeister Schumann den Eltern des Drogeriebesitzers Wartenberg in Landsberg a.W. s. Zt. geschenkt worden. Für die Spende bedankte sich der Bürgermeister Dr. Albers namens der Stadt aufs herzlichste. Nunmehr hielt Lehrer Zimmermann einen äußerst interessanten Vortrag. Er gab einen Überblick über die geschichtliche Entwicklung Driesens. Wohl kaum eine zweite Stadt der Neumark bietet so reiches geschichtliches Material wie unsere Heimatstadt Driesen, ist sie doch eine der ältesten Ansiedlungen der Neumark. Ihre Lage an einem der wenigen Netzeübergänge und an der leider heute wieder so nahe gerückten polnischen Grenze war es die unser Fleckchen zu einem der begehrtesten Punkte der anstoßenden Länder machte und dadurch sein Schicksal besiegelten; denn die Geschichte Driesens ist mit Blut geschrieben. Um seinen Besitz entspannen sich in der Vorzeit gewaltige Kämpfe, Drangsal und Entbehrung. Not und Tod brachen oftmals über Driesens Bewohner ein, so daß sie in die umliegenden unzugänglichen Netzbrücher fliehen mußten, um hier nicht etwa Ruhe zu finden, sondern von Seuchen und Krankheiten dahingerafft zu werden. Der Name der Stadt Driesen ist nach Giesebrecht zum 1. Male im Jahre 1092 am 5. April Sonnabend vor Palmarum verzeichnet. Die heidnischen Preußen im Bund mit den Pommern zwangen an diesem Tage den König Wladislaw von Polen durch Verwüstung der ganzen Gegend und durch den dadurch eintreten Mangel an Nahrungsmittel zum Rückzuge als die Nachhut bei Driesen über die Netze setzen wollte entspann sich hier eine blutige Schlacht, und erst die eintretende Finsternis trennte die Kämpfenden. Die Polen verloren viele Tote und verwundete und ungefähr die Hälfte ihres Heeres als Gefangene. Als einziger Erfolg konnten sie das Behalten ihres alten Besitzes Driesen buchen. in diesem Geschichtswerke steht „Flecken Drezen“, dies ist der polnische Name Driesens, der auf deutsch „Kern“ das Innere der Mark, das Herz des Nadelholzes bedeutet. Nach der angeführten Schlacht wurden die Polen von den Pommern noch wiederholt angegriffen, aber im Jahre 1100 von König Boleslaw zurück geschlagen. Der Pommernherzog Suantipolk verlor bei Driesen noch 2 Schlachten und wurde 1118 hier gefangen genommen und nach Rakel gebracht wo er 2 Jahre darauf starb.
Hundert Jahre später.
Ein neues Reich, der brandenburgische Aar breitet seine Schwingen aus und nimmt seinen Flug gen Osten zum Odergestade. Mit scharfen Blicken schaut er auf das vor ihm liegende slawische Land und erwartet den Augenblick wo auf seine Beute herabstoßen kann, um sie mit seinen starken Fängen für ewig festzuhalten. es ist die Zeit von 1230 bis ungefähr 1300. Während die beiden askanischen Brüder Johann I. und Otto III. in der bei uns Deutschen leider so selten Einigkeit und Geschlossenheit über die Oder vordrangen und dadurch ihr Ziel erreichten, verzehrten sich Pommern und Polen durch ewige blutige Kämpfe im innern der eigenen Länder. 1230 nimmt Premisl I. von Großpolen seien Bruder Boleslaw, den Beherrscher von Schlesien, gefangen und hält ihn 3 Jahre verwahrt. Aus diesem Streit schlägt der Pommerherzog Nutzen, erobert das heiß ersehnte Zantoch und dringt auf Driesen vor, das 1251 zum ersten Male den Polen entrissen wurde. Die Abwesenheit Premisl in Schlesien und die Unachtsamkeit der Besatzung hatten diesem nächtlichen Abenteuer Erfolg gebracht. Diese Freude dauerte aber nicht lange; schon einen Monat später erscheint Premisl und bringt Driesen und Zantoch wieder in seine Gewalt. Doch bald sollten auch die Brandenburger mit den Polen im Streit liegen. Den Anlaß dazu gaben Burg und Land Zantoch, die dem brandenburgischen Markgrafen Konrad, dem Gemahl der polnischen Konstanze, als Mitgift versprochen, aber nicht ausgehändigt wurden. Um diese Mitgift entspannen sich nun gewaltige Kämpfe, die jahrzehntelang dauerten und in die auch unser Driesen hinein gezogen wurde. 1265 wird Zantoch von einer brandenburgischen Schar erstürmt und dem Markgrafen Konrad ausgeliefert. Durch das eingreifen polnischer Edlen einigen sich noch einmal die Gegner und bestimmen in einem Vertrage, daß die beiden Grenzstellen Driesen und Zantoch neutral und zu keinem der beiden Reiche gehören sollen. Aber schon ein Jahr später 1266, nach der Teilung der „terra trans Oderum“, brach der eigentliche Kampf aus. Meseritz und Zielenzig wurden zerstört, Zantoch 1270 von dem Markgrafen Otto dem Langen und Driesen von Boleslaw erneut befestigt. Sofort nach Boleslaws Abzug griff Otto Driesen an und eroberte es infolge seiner unzugänglichen Befestigungen; so kam Driesen 1270 zum ersten Male in brandenburgische Hände. Zwei Jahre später, 1272, unternimmt der erst 16jährige Premisl II. von Polen einen Raub- und Plünderungszug in die Neumark. Trotz seiner Jugend übertraf er seinen Oheim Boleslaw bei weitem an Grausamkeit. Friedeberg wurde erobert und alle Bewohner, ob Weib, ob Kind, mußten über die Klinge springen. Premisl zog dann sofort nach Polen zurück, hörte hier daß Driesen wenig befestigt und verteidigt war, und drang daraufhin erneut auf Driesen vor, das auch sofort übergeben wurde. Das Blutgericht von Friedeberg öffnete die Tore. So war Driesen wieder in polnischen Händen, nur zwei Jahre war es brandenburgisch. In Polens Hand blieb es nun bis 1296, in welchem Jahre Premisl II. in Rogasen ermordet wurde. Aus diesem Vorgange hatten die Markgrafen den größten Nutzen. Der Nachfolger des Ermordeten, Wladislaw, konnte sich mit dem energischen, zielbewußten Premsl II. nicht messen. Die Markgrafen nahmen jetzt Burg Zantoch und eroberten die bisher noch verschonten Gebiete von Driesen und Woldenberg, um sie von nun an für immer festzuhalten. Nur Driesen ging 1300 noch einmal an Polen verloren, um aber 6 Jahre später erneut an Brandenburg zu fallen. Seit diesem Jahre, also seit 1325, gehört unsere Heimatstadt ununterbrochen zum Brandenburgischen Lande. - „Wohl ist die Epoche nur ein Miniaturbild im Vergleich zu der Großartigkeit der gewaltigen historischen Gemälde, deren Stoff die brandenburgisch- preußische Geschichte späterer Jahrhunderte bildet; aber der, der überhaupt Anteil nimmt an dem geschichtlichen Werden und Vergehen, wird auch dieser Epoche lebhaftes Interesse darbringen.“ 1317 belehnte der letzte Askanierfürst Markgraf Waldemar die Ritter Heinrich und Burkhard von der Osten für 2000 Mark brandenburgischen Silbers mit Haus und Stadt Driesen. Die Grenzen des Schloßgebietes gingen von Gottschimm über Altkarbe Schlanow und Mehrenthin zur Drage, die Drage und Netze hinab und von der Netz wieder bis Gottschimm.
Ein anderes Bild: 1402.
Der Deutschherren- Orden kauft die Neumark von König Sigismund. Dadurch und vorzugsweise wegen Driesen entstehen dem Orden gewaltige Sorgen und Nöte, die in wenigen Jahren zu seinem Untergang führen sollten. Polen, das dem deutschen Ritterorden schon von früher feindlich gesonnen war, nimmt Driesen, als zu seinem Lande gehörig, in Anspruch, und dieser Streit entzweit beide immer mehr, so daß er zuletzt zu dem Vernichtungskampf des Ordens führte. Die Polen sahen als Grenze ihres Lande einen Graben nördlich der Feste, den Berininik, die heutige Faule Netze an und nicht die eigentliche, südlich an der Burg vorbeiführenden Netze, die heutige alte Netze. Der Driesener Ordensvogt Baduin von Stahl berichtet seinem Hochmeister: „Wenn dieser Graben die Grenze bilden soll, so wollen die Polen auch die Stadt und somit auch das Haus Driesen haben.“ Ein von Polnischen Edelleuten geführter Heereszug der die Burg Driesen durch einen Handstreich in Polnische Hände bringen sollte wird 1406 von den Verteidigern zurückgeschlagen. Der offene Kampf um Driesen brach 1409 aus. Die Besatzung des Schlosses wird durch die Mannschaften aus Friedeberg und Woldenberg verstärkt und die polnischen Grenzbezirke von den festen Schlössern zu Woldenberg und Landsberg geplündert und mit Brandstiftung heimgesucht. Weder der Orden noch die Polen errangen Erfolge; deshalb schlossen sie am 8. Oktober 1409 bereits wieder einen Waffenstillstand. König Wenzel von Böhmen fällte über Driesen den Schiedsgerichtspruch, der für den Orden günstig ausfiel, aber von den Polen nicht anerkannt wurde. Erneuter Kampf war die Folge. Am 15. Juli 1410 sank der weiße Ordensmantel auf dem Schlachtfelde von Tannenberg in Schmutz und Staub. Der Orden zerschmettert. Ulrich von Jungingen tot, alle Werke, die deutsche Kraft, deutsche Arbeit, deutscher Geist geschaffen haben, von den polnischen Scharen in wenigen Jahren vernichtet. - Über die Grenze der Neumark und namentlich über Driesen kommt es erst 1429 zur Erinnerung. Unsere Stadt bleibt dem Brandenburgischen Lande erhalten; denn die Polen erkennen jetzt auch die Mitte der Alten Netze als Landesgrenze an.
1600
Joachim Friedrich gerade diesem Kurfürsten hat Driesen viel zu danken. Die Bedeutung dieses Herrschers für Brandenburg und namentlich für die Neumark wird noch immer viel zu wenig gewürdigt. Man ist stolz auf einen Friedrich I.; auf die beiden Joachims; man besingt vor allen Dingen den Großen Kurfürst und Friedrich den Großen, vergißt aber vollständig, daß dazwischen auch ein Joachim Friedrich gelebt hat. Wenn dieser sich auch in keiner Weise mit den beiden letztgenannten Herren aus dem Hause Hohenzollern messen kann, so hätte sein Wirken doch mehr Beachtung und Würdigung verdient. Die Pläne, die Friedrich der Große durch die Kolonisierung des Netzebruches verwirklichte, fußten schon in seinem Inneren. Zu seiner zeit wuchsen die ersten Ansiedlungen aus dem Drage und Netzebruch empor. Er war es, der unsere Berge von Vordamm bis Altkarbe und darüber hinaus mit der Wünschelrute nach Gold und Silber untersuchen ließ. Bekannt aus jener Zeit ist ja noch das bei Altkarbe gelegene Goldbruch. Für Driesen hat Joachim Friedrich dadurch besondere Bedeutung gewonnen, daß er 1601 bis 1602 die Festung anlegen ließ. Von der früheren Burg, um die Polen, Pommern und Brandenburg jahrhundertlang erbitterte Kämpfe führten, und die neben dem heutigen Postgebäude der Netze zu lag, ist nur noch wenig oder nicht zu sehen. Die Festung dagegen ist noch verhältnismäßig gut erhalten, wenn auch die sie umgebenen Wassergräben schon vor rund 150 Jahren zugeschüttet wurden. Aus der Zeit der Erbauung der Festung stammt auch unser Stadtwappen, der Brandenburgische rote Adler mit einem goldenen Herz auf der Brust und einem fünfspitzigen goldenen Stern auf dem Schwert. Die 5 Spitzen des Sternes erinnern an unsere Festung, die 5 Bastionen hatte, und die Lage des Sternes auf dem Schweife des Adlers soll die Lage Driesens als am Ende der Mark versinnbildlichen.
Neues Unheil über Driesen brachte der 30jährige Krieg. Während unsere Vorfahren vor und während der Besitzergreifung der Mark durch die Brandenburger unbedeutend mehr zu leiden hatten als die anderen Ortschaften, können wir zu unserer Freude eingestehen, daß die Bewohner Driesens während des 30jährigen Krieges trotz unsäglicher Qualen und Leiden doch im Hinblick auf die benachbarten Flecken weniger auszustehen hatten. Hier machte sich die Festung geltend und hielt die unerwünschten Besucher fern. Jahr für Jahr sammelten sich in Polen Kosaken - das waren nicht etwa jene Steppensöhne Rußlands, sondern unter diesem Namen bezeichnete man alles Gesindel, das sich zu Haufen zusammen rottete, auf eigene Faust Krieg führte und Rauben, Sengen, Plündern, Morden als eigentlichen Zweck des Krieges ansahen. Dazu kamen noch die ewigen Durchmärsche und Einquartierungen der Soldaten aller Kriegsführenden Länder. Dänen, Schweden, Kaiserliche und wie sie alle heißen, wechselten in bunter Folge durch unsere Neumärkischen Lande, so daß unsere Heimat bald von Bewohnern entblößt wurde und nur noch ein verwüstetes und verödetes Land darstellte. Eine Ausnahme bildete Driesen. Als Festung blieb es verschont von all den Gräueln der Feinde und bot vielmals in den kritischen Zeiten den umliegenden Bewohnern Schirm und Schutz. Wohl betrat kein Fein während des 30jährigen Krieges den Driesener Boden. Dafür aber herrschten Not und Entbehrung im Innern der Stadt. Eine Folge des Fehlens sämtlicher Lebensmittel. die Umgebung war verwüstet und konnte den Verteidigern nicht mehr liefern. Darum war es sehr schwierig, die nötige Anzahl Verteidiger hierher zu beordern. Wohl zogen diese steht vom Sammelpunkte Arnswalde aus, um vor Driesen Halt zu machen und zurückzueilen. Der Chronist berichtet: „Es graute ihnen vor diesem Orte!“ Wohl waren die Tapferen beim dritten Male in der Festung angekommen; aber sie hatten nicht mit dem Driesener Grauen gerechnet. Am nächsten Morgen waren die Wälle leer. Der Kommandant klagt: „Wie Schelme sind sie über die Werke gesprungen und entlaufen.“
1639 nahte auch der Festung Schicksal! Durch Verrat des Hauptmanns Laurisky vom Regimente Jung- Kracht, das in der Festung lag, fielen diese und die Stadt in Schwedens Hände. Der Kommandant Ludwig von der Groeben ist auch nicht ganz schuldfrei zu sprechen; denn er kümmerte sich viel mehr um die schönen Töchter einer in der Stadt lebenden Witwe als um die Instandhaltung und Bewachung der ihm anvertrauten Feste. So allein war es möglich, daß Laurisky ungehindert sein Bubenstück vorbereiten konnte. Am frühen Morgen des 27. November 1639 nahte der schwedische Oberst Gordon, Nahm ungehindert die polnische Brücke und bemächtigte sich schnell der Festungswälle auf dieser Seite, da die Verteidiger ihnen wenig Widerstand entgegen setzten. Wohl focht der aus der Stadt herbei geführte Kommandant mit zwanzig getreuen Soldaten wie ein verzweifelter, doch erreichte er nur, daß er seine Schande, seine Pflichtvergessenheit nicht zu überleben brauchte. Zusammen mit den zwanzig Getreuen wurde er niedergeschlagen. In Schwedens Hand blieb unsere Stadt zehn Jahre bis 1649. Als letzte neumärkische Stadt wurde sie erst ein Jahr nach dem Friedensschluss von Münster und Osnabrück geräumt. Den Schweden zur Ehre muß man anerkennen, daß sie in Driesen Manneszucht hielten. Der schwedische Oberst Gordon tat sogar noch ein gutes Werk, indem er den Holm - das heutige Rittergut Holm - roden und dort ein Vorwerk anlegen ließ. Erst allmählich erholte sich das gewerbliche Leben wieder von den Wunden, die ihm der 30jährige Krieg geschlagen hatte. Aus der Zeit um 1650 stammen die Privilege der Leinweber, Böttcher, Schumacher, Schmiede usw. - Am 11. April 1652 brannte die Stadt vollständig nieder. Auch Kirche, Schule und Rathaus wurden vernichtet. Für den Heimatforscher ist es am schmerzhaftesten, daß bei diesem Brande auch das städtische Archiv, das sicher eine große Anzahl wertvoller Schriftstücke aufzuweisen hatte, ebenfalls ein raub der Flammen wurde.
Ein Jahrhundert später: 1756.
ein neues Wetter zieht sich um Preußen zusammen und droht, es zu vernichten. Nur in der bittersten Not kann der von Feinden umringte Preußenkönig zur Hilfe herbeieilen. 1758 erscheinen die Russen zum ersten Male vor Driesen, um aber von dem Freiregimente von der Hordt zurückgeschlagen zu werden. Das Vorwerk und die Scheunen vor der Stadt gehen in Flammen auf und erhellen den Rückzug der Russen nach Polen hinein. Doch bald sollte das Unglück nahen. Hordt muß sich nach Küstrin zurückziehen; Driesen fällt in die Hände des russischen Oberst Molira, der aber eine verlassene Stadt vorfand. In die Brüche waren die meisten Bewohner gestoben um erst allmählich wieder zurückzukehren. Die Gemeinde weigerte sich die ebenfalls geflohenen beiden Prediger wieder anzunehmen. Erst einem benachbarten Pfarrer gelang es die Einigung herbeizuführen, nachdem die beiden Geistlichen vorher öffentlich gelobt hatten, fortan in jeder Gefahr der Gemeinde die Treue zu halten. Die Russen hielten Driesen von 1758 bis zum Friedensschlusse 1762 besetzt. Ununterbrochen zogen feindliche Scharen durch und saugten die Bewohner bis aufs Blut aus. Während in den ersten Jahren der Major Völkersam auf Zucht und Ordnung achtete und jede Übertretung seiner Kosaken streng bestrafte, riß bei seinem Nachfolger Zügellosigkeit und Gewalttätigkeit ein. Es war der Oberst Kalpankoff, der von 1761 hier Kommandant war und selbst ein zügelloses Leben führte. Stets betrunken, erhielten alle Leute die sich zu ihm wagten, Ohrfeigen. Am tollsten trieb er es an einem Tage, als Rittergutbesitzer von Brandt- Wutzig und Stadtforstmeisters von Korff bei ihm zu Gast waren. Dem Sohn des jüdischen Kaufmannes Jakob hing er sein Kruzifix um und zwang ihn, während er von Kosaken durch die Straßen der Stadt geführt wurde, es zu küssen. Bald darauf verprügelte er etliche Kosaken, die erst durch den Bürgermeister Eiffert von ihren Peiniger gerettet wurden. Spät abends fand man den Oberst vollständig betrunken und eingeschlafen auf der Straße liegend, so daß man ihn erst wieder in seiner Wohnung tragen mußte. Ein altes Sprichwort sagt: „Wie der Herr, so’s Gescherr.“ Die Charakterlosigkeit die sittliche Minderwertigkeit des Führers übertrug sich auf seine Truppen.