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Landsberg a.Warthe
(Gorzów Wielkopolski)
Verein für Geschichte der Neumark besucht Frankfurt (Oder)
Neumärkische Zeitung 18. Juni 1931
 
„Sonntag in Frankfurt an der Oder!“ Diese Parole hatte der Verein für Geschichte der Neumark zum 14. Juni ausgegeben. Der Wanderung von Reitwein über Podelzig nach Lebus folgte so als Ergänzung der Besuch in der Hauptstadt des Regierungsbezirks, die als ältere und berühmtere Schwester Landsbergs stets ein viel besuchtes Ziel sein wird.
Nicht im engeren Sinne „historisch“ konnte diesmal der Gang durch die Stadt gehalten sein. Dazu bietet sie künstlerisch einfach zuviel, und dies auch nur an Proben zu erläutern, machte sich das langjährige Vorstandsmitglied; Regierungsbaurat Dr. Ing. Berger- Schäfer, zur besonderen Aufgabe.
Er zeigte zuerst die Altstadt. Wie von selbst schien es sich beim Gange vom Bahnhof zu machen, daß er nach einigen Worten über die neue Form der Bahnhofsstraße zunächst auf den Schinkelschen Theaterbau, die Lenneschen Gartenanlagen und die neue Regierung hinwies. Dann führte er weiter in die Altstadt und begann mit dem Kleistmuseum. Er darf es getrost seine Schöpfung nennen. So findet der Kenner hier das einzige sicher echte Kleistbild, eine Rauchsche Büste Friedrich Wilhelms II., und für wissenschaftliche Arbeit bietet der Bücherschrank Kleists Werke in den verschiedensten Ausgaben mit den meist unbekannten Kompositionen und dazu die reiche Literatur. Vorbei am Hause von Kleists Braut, Wilhelmine von Zenge, eilen wir zur Feuerwache. Sie hat sich eine vornehme Residenz ausgesucht; denn der Bischof von Lebus hatte sich hier dicht bei der Marienkirche ein steinernes Haus als Quartier bauen lassen. Welcher Mühe aber hat es bedurft, um wenigstens einiges von dem Alten aus künstlerischer Verwahrlosung zu retten. Jetzt zeigt sich wieder die schöne alte Balkendecke, vor allem der Empfangsraum der Bischöfe in seiner alten Form.
Schon wegen des Gottesdienstes blieb die Besichtigung der Kirche dem Nachmittag vorbehalten. Jetzt ging es auf den Markt, der mit seinen alten Häusern ein noch nicht zu sehr getrübtes Bild der früheren Zeit gibt. An Größe hat er freilich sehr verloren; der Häuserblock der „Sieben Raben“ neben dem Rathause und dessen geschickten Erweiterungsbau lassen aber noch genug übrig, um auch darin die großräumige Anlage der deutschen Stadt zu zeigen. Das alte Rathaus hat gewiß nicht gleich die heutige Form erhalten, doch hat es Frankfurt bald dazu gebracht und damit seinen raschen Anstieg bewiesen. Die Gotik mit raschen Zutaten, auch einem Renaissancegiebel an der Seite, beherrscht das Äußere. Es mag fraglich bleiben, ob der Turmgeschmückte Nordgiebel schöner ist als der einheitlichere im Süden.
In dem ausgedehnten Gebäude bedarf es schon genauer Kenntnis, wenn man sich zurechtfinden soll. Oft möchten wir stehen bleiben, aber es können uns nur noch einige Proben von der Schönheit des Hauses gegeben werden, so das Trauzimmer, die Arbeitszimmer des Oberbürgermeisters wie des Stadtschulrats, wo schon so manche für Frankfurt und den Osten überhaupt wichtige Fragen geklärt worden ist.
Woher stammt der Reichtum dieser Stadt? Das sagen uns die zahlreichen Meßhöfe, von denen wir noch zwei besichtigen. Das wird sofort klar; hier pulste ein ungeheurer Verkehr. Wer den Tausch der Waren zu nutzen verstand, mußte zu Gelde kommen.
Bei Baltzer im Garten an der Oder war gut rasten. Ruderboote flitzten zur Regatta vorbei. Die imposante, heute schon alt anmutende Brücke ließ den starken Verkehr des Sommersonntags über sich fluten. So dachten wir ein Weilchen nur an die Gegenwart, ließen es uns trefflich munden und plauderten, bis es hieß; fertig zum Abmarsch. Nur im Vorbeigehen sahen wir die Gedenktafel für Ernst von Wildenbruch, die frühere Nikolaikirche als Zentrum der alten Siedlung und gegenüber das wie üblich turmlose Minoritenkloster, die Kollegienstraße mit ihren zwar interessanten, aber etwas kümmerlichen alten Häusern, die stattliche Universität als Straßenschluß. Auf dem Poetensteig ging es trotz der Mittagshitze hinauf zur neuen Georgenkirche. Zweifellos war es höchste Zeit, die verkommene alte an der Berliner Straße zu ersetzen. Der bekannte Kirchenbaurat Steinberg stellte den Neubau auf einen kleinen Vorsprung und sicherte ihm dadurch eine prächtige Fernwirkung. Auf einer Nadel schwebt eine schwere Kugel, darüber ein Kreuz. Die Kugel selbst aber, auch das Mauerwerk des Turmes sind schwerer Backsteinbau. Drinnen ist alles auf Altar, Kanzel und Orgel gerichtet. So hell und geräumig die Kirche sonst ist, dort wirkt sie eng und überladen, und auch im Außenbau will der Anbau an die Rundung nicht gefallen. Für Steinberg selbst scheint die Landsberger Lutherkirche einen Schritt weiter zu bedeuten, da Turm wie Kanzel, Altar und Orgel hier besser wirken. Aber freilich, auch jetzt fehlt noch manches. Die Hauptsache ist; der Weg zu einer neuen Lösung ist beschritten.
Auch die alte Marienkirche dient jetzt dem Protestantismus. Gebaut ist sie als katholische Andachtskirche. Riesenhaft gleich der Umfang - 2200 Plätze bei 8000 Einwohner - riesenhaft die Erweiterung durch den Chor mit den prächtigen alten Glasfenstern und durch zwei neue Seitenschiffe. Schwierig bei dieser Hallenkirche die Dachfrage. Man baute eben schräg nach außen hoch. Dafür lief das Regenwasser trotz aller Vorsichtsmaßnahmen auf den Boden und die Kirche. Kaiser Karl IV. schenkte aus anfechtbaren Gründen ein Portal, dazu baute man eine Kapelle. Die reiche Baugeschichte zeigt sich gleich im Äußeren, aber auch im Innern. So konnte ein altbemaltes Gewölbe freigelegt werden. Wie für die Antike bedarf unsere Vorstellung von den mittelalterlichen Bauten einer Berichtigung. An dem Aufgang zur Orgelempore grüßen neue Bilder des Professors Brendel zur biblischen Geschichte, aus gutem Herzen heraus geschaffen, in einigem sicher auch gelungen.
Alt- Frankfurt in seiner Kunst hatten wir so aus den entscheidenden Werken kennen gelernt. Mehr an einem Tage zu bieten wäre vermessen gewesen. Es ging noch etwas ins Grüne über den Eichwald zur Buschmühle. Auf der Heimfahrt und zu Hause befestigte sich aber zunächst mehr gefühlsmäßige Eindruck. Es war der in sich geschlossenste Ausflug, den der Verein gemacht hat.                -Dd.-