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Landsberg a.Warthe
(Gorzów Wielkopolski)
Der Verein für Geschichte der Neumark in Drossen,
der Stadt der Maiblumen, die diesjährige Frühlingsfahrt
Neumärkische Zeitung   18. Juni 1929

Die Ausflüge des Vereins für Geschichte der Neumark sind Erlebnisse. Sie bringen die Heimat nahe und lassen die Liebe zur Heimat tiefer und aufrichtiger Werden. Kein Wunder, wenn da jede Fahrt des Vereins von den Mitgliedern und von Heimatfreunden überhaupt freudig begrüßt wird und man gerne an ihnen teilnimmt.
Das Ziel der diesjährigen Frühjahrsfahrt des Vereins war die Maiblumenstadt Drossen. Am vergangenen Sonntag, in aller Frühe, versammelten sich die Teilnehmer am Postamt in Landsberg (Warthe), von wo aus in einem Postauto mit Anhänger die Reise angetreten wurde. Über Königswalde und Zielenzig führte der Weg, vorbei an freundlichen Dörfern, durch weite wogende Kornfelder und wunderbare Nadelwälder. Und als die Nadelwälder nach zweistündiger Fahrt zurücktraten, da lag tief im Tal, rings von Gärten und Wiesen umgeben, die Maiblumenstadt Drossen. Der wuchtige Turm der Jakobikirche grüßte von weitem und lud lächelnd in das Paradies, das still und verträumt daliegt, als ginge das sausende Leben achtlos an ihm vorüber. Im Rathaus - mitte vorigen Jahrhunderts erbaut - entbot Bürgermeister Semtner den Gruß der Bevölkerung. Anschließend zeichnete der Bürgermeister in großen Umrissen ein Bild vom Werden der Stadt und der Tätigkeit seiner Bewohner. Drossen liegt an einer Endmoräne. Im Westen zieht sich, von bewaldeten Bergen umrahmt, eine lange Seenkette, Reste der Eiszeit, hin, im Norden und Osten wird die Stadt von hohen, mit Laub- und Nadelwald bepflanzten Bergen umgeben. Die Stadt ist uralt. Aus einer Siedlung hervorgegangen, erhielt sie um 1250 Stadtrechte. Die Hussitenstürme hat sie mannhaft überwunden und den Markgrafen Hans von Sagan schickte sie mit „verbrannter Nase“ wieder Heim. Verheerende Feuerbrünste haben wiederholt der Stadt schweren Schaden zugefügt. Reste der alten Zeit sind die noch vollständig erhaltene Stadtmauer mit Wachhäusern und Türmen, die Jakobikirche und einige Häuser aus der Zeit vor der Reformation. Seit 70 Jahren zählt die Stadt 3000 Einwohner. Wie andere Städte mit gleicher Einwohnerzahl ringt Drossen um seine Existenz. Ganz besonders hart wirkt sich auch der verlorene Krieg aus. Die einst so blühende Maiblumenzucht wurde durch den Krieg restlos vernichtet. Jetzt ist man wieder im Aufbau begriffen, und man hofft mit Hilfe der Maiblumen, die in erster Linie nach Amerika ausgeführt werden, die Bevölkerung am Platz zu halten und die Stadt neuer Blüte entgegenzuführen. Es ist ein gewagtes Experiment, möge es gelingen zum Wohle der Stadt, zum Wohle unserer bedrängten Ostmark.
Im Anschluß an die Begrüßung im Rathaus wurde, unter fachkundiger Führung von Lehrer i.R. Prenzel, die Stadt besichtigt. Drossen macht einen stillen, friedlichen Eindruck. Schlicht und einfach sind die zweistöckigen Häuser, die im Stile der 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts erbaut sind, aber doch einladend und vertraut. Rings um die Stadtmauer gibt es reizende Spaziergänge mit herrlichen Ausblicken auf die Umgebung und vor allem auf den Werder mit seinen Obstbäumen und Maiblumenplantagen. Bemerkenswert sind die Straßen der Stadt, die unregelmäßig verlaufen, und besonders die beiden Marktplätze.
Nach einem Imbiß in der Bierstube von Eylenfeldt wurde die Jakobikirche aufgesucht. Beim Eintritt in das sehenswerte Gotteshaus grüßte Orgelspiel, und der Kirchenchor erfreute mit herzerfrischendem Gesang. Pastor Wöller grüßte im Namen der Kirchengemeinde. Dann übernahm Architekt Thysius die Führung. Die Jakobikirche wurde 1298 erbaut. Sie ist ein spätgotischer Ziegelbau unter Benutzung von Granitquadern eines frühgotischen Baues. Wiederholt wurde sie um- und ausgebaut und sollte Mitte des vorigen Jahrhunderts wegen Baufälligkeit abgerissen werden. Das Innere der Kirche ist heute ganz einfach. Der viergeschossige Altar stammt aus dem Jahre 1627. Er ist außerordentlich reich mit geschnitzten und bunt bemalten Reliefen des Erlösungswerkes geschmückt. Die Kanzel ist im Jahre 1619 errichtet und der Taufstein stammt aus dem Jahre 1600. Den größten Wert besitzt die Kirche in ihrer Bibliothek, in der sich neben einer ganzen Reihe uralter Predigtbücher eine handgeschriebene Bibel aus der vorreformatorischen Zeit befindet.
Nach einer kurzen Besichtigung der St. Gertrudenkapelle wurde im Hotel „Zur Sonne“ das Mittagsessen eingenommen. Am Nachmittag wurde ein Spaziergang um den wundervoll gelegenen Greibensee gemacht. Dann ging es zur Aufbauschule, die im ehemaligen Seminar untergebracht ist. Orgelspiel eines Schülers grüßte beim betreten der Aula. Lange weißgedeckte Tische luden freundlich ein, und Schülerinnen reichten Kaffee und Kuchen, während das Anstaltsorchester, unter ganz hervorragender Leitung von Musiklehrer Billain, verschiedene Darbietungen formvollendet zu Gehör brachte. Direktor Kulmeyer entbot den Gruß der Anstalt und verstand, in gedankenreichen Worten den Baustil der Gotik mit der Widererstarkung des Vaterlandes in Verbindung zu bringen. Nach einer Besichtigung der traulich eingerichteten Anstaltsräume wurde die Rückfahrt nach Landsberg, nachdem zuvor noch die Schwanenberge bestiegen worden waren, angetreten. Über Radach und Kriescht ging es heim, die Herzen voll Dank für das Gesehene und Erlebte, voll Dank für die überaus herzliche und gastfreundliche Aufnahme durch die Stadtverwaltung, die Kirchengemeinde und die Aufbauschule.     -Frn.-