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Landsberg a.Warthe
(Gorzów Wielkopolski)
Verkartung
Neumärkische Zeitung 7. Februar 1935

Von Ludwig Finckh

Die neueste Ausgabe des „Deutschen Ahnenbuches“ (Verlag für Sippenforschung und Wappenkunde, C.A. Starke, Görlitz) leitet der schwäbische Dichter und Familienforscher mit nachstehender Betrachtung ein.
Im Haus der Sippenforschung zu Berlin am Schiffbauerdamm gibt es Maschinen, die uns die Ahnen sichern. Dort werden Kirchenbücher abgelichtet: aus einem alten Kirchenbuch werden drei neue gemacht. Das Verfahren ist sehr einfach, Photographie durch Maschinen Blatt für Blatt. Es ist schön, solch ein neues Kirchenbuch zu sehen. So kann es nicht mehr verloren gehen. Denn es wird nun auch verzettelt. Jeder Name hat seinen Zettel. Jeder Buchstabe hat sein Fach. Wer etwas wissen will, erhält Antwort: Birnbaum, B, BI hier: Birnbaum, Andreas, 1497.
So soll jedes Kirchenbuch im Reich verdreifacht werden, verewigt. Vorüber die Zeit, da es auf dem Speicher moderte, vergilbte, verbrannte, verschleudert wurde. Man wird in Zukunft, wenn alles abgelichtet ist, Zusammenhänge haben.
Im Dreißigjährigen Krieg starb ein Zweig einer Sippe aus, verschollen in Württemberg. Nein, er starb nicht aus. Ein Glied wurde versprengt nach Thüringen, niemand wußte etwas davon. In Thüringen leben Nachkommen. Das Kirchenbuch zeigt es. Wer wußte davon?
Zusammenhänge im ganzen Reich werden aufgedeckt werden, die vorher unbekannt waren. Darum ist diese Verkartung notwendig. Und viel Geld wird gespart. Man wird dann nicht mehr lange und mühevoll selbst suchen müssen, immer wieder neu, immer wieder das gleiche von anderen Menschen, es liegt schon alles bereit. Die Kosten der Ablichtung lohnen sich tausendfach.
Die alten Kirchenbücher hatten es einfach; es gab vier oder fünf Berufe: Handwerker (Bäcker, Schuster, Schneider, Weber, Zimmerleute), Gelehrte (Magister, Lehrer, Pfarrer), Handelsleute, Beamte.
Mit der Zeit wuchs die Menschheit. Sie machte sich den Platz streitig. Mehr Menschen, mehr Bedürfnisse. mehr Köpfe, mehr Erfindung. Neue Berufe entstanden. Das neuere Kirchenbuch verzeichnet Fabrikarbeiter, Techniker, Monteure, Ärzte, Rechtsanwälte, Photographen, Buchdrucker.
Und die Menschheit wuchs weiter, wir werden sehen warum.
Das neueste Kirchenbuch schrieb auf: Schofför, Flieger, Luftschiffer, Kinoleute, Rundfunksprecher.
Warum wuchs die Menschheit?
Vor 200 Jahren mußte eine Mutter zwölf Kinder gebären, um vier davon durchzubringen. Die anderen starben. Die ärztliche Wissenschaft war noch nicht entwickelt. Es war eine Verschwendung von Kraft und Blut, und von Zeit. Aber man hatte es ja. Wie werden künftige Kirchenbücher aussehen, in 200 Jahren?
(Leicht gekürzt)