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Landsberg a.Warthe
(Gorzów Wielkopolski)
Familienforschung bei Namensänderung
Neumärkische Zeitung 1. Februar 1935

Wer heute einen guten deutschen Namen trägt, kann deshalb noch nicht mit Sicherheit annehmen, daß seine Vorfahren genau so hießen. Wenn jemand „Alt“ heißt, so kann es sein, daß einer seiner Ahnen in der Reformationszeit, der als „Althaus“ geboren wurde, dies mit „Altus“ (natürlich verkehrt) verlateint hat, und daß dann später das „us“ wieder fallen gelassen wurde, ohne daß man sich der verlorenen zweiten Silbe „haus“ erinnert hätte. Altus könnte sich aber auch einer genannt haben, der eigentlich „Hoch“ hieß, dann hätte er wenigstens richtig übersetzt.
Dieses Beispiel gibt einen Vorgeschmack von den Hindernissen, die manchmal die Familienforschung und Stammbaumergänzung durch vorausgegangene willkürliche Namensänderungen erschweren können. Einen anschaulichen Begriff davon gab Prälat Dr. Dr. D. Diehl in einem Vortrag über die Latinisierung deutscher Familiennamen in der Hessischen familiengeschichtlichen Vereinigung. Seine zahlreichen Beispiele, die in der Aussprache von anderen Mitgliedern der Vereinigung ergänzt werden können, erstreckten sich vorzugsweise auf die in Kirchenbüchern, Universitäts- und Pädagogsmatrikeln unseres Rhein- Mainischen Gebietes vorkommenden Namen. Latinisiert wurden sie - mehr noch in reformiert als in lutherisch gesinnten Gegenden - von den angehenden Jüngern der höheren Geistesbildung zumeist in dem letzten Viertel des 16. Jahrhunderts und dann immer wieder von 1634 ab, teils weil ihnen der angestammte Name aus irgendeinem Grunde nicht mehr genehm war, teils aber auch, weil die in lateinischer Sprache gehaltenen Matrikeln wenigstens lateinisch klingende Namen verlangten, die dann von den Akademikern beibehalten wurden. Dazu kam, daß die üblichen Hochzeits und sonstigen Festgedichte lateinisch verfaßt waren, wobei der Name des Gefeierten nicht gut eine Ausnahme machen konnte.
Bestand die Latinisierung nur in der Anhängung einer lateinischen Endsilbe (Adamus, Mollerus, Bestius, Buschius, Curtius, Ochsius oder Ochsenius, Fresenius usw.) oder wurden nur Anfangsbuchstaben wie das W in Gu (Guernerus, Guagnerus, Guandschreiberus), D in T verwandelt (Thilo aus Dill), so macht die Zurückverfolgung keine Schwierigkeiten. Sie beginnen da, wo eine Schreibübersetzung vorliegt und besonders, wo später ins Deutsche falsch zurückübersetzt wurde. Oben ist schon ein Beispiel gegeben, wieso Althaus zu Alt wird. Weiteres sind, Leuerle - Leurelius - Leuer, Moterer - Moterus - Moser. Aus Knebel wird Knebellius und Knevellus, aus Lotze Lucius, Lotzius und Lotigius. Es kam vor, daß in einer Familie mehrere Brüder ihre Namen auf verschiedene Art latinisierten. Umgekehrt kann z.B. Myllius auf Müller, Moller, Müll, Moll, Mul und Muli zurückgehen. Die häufig falsche Vollübersetzung findet zunächst bei Namen statt, die ein Handwerk oder einen ähnlichen Beruf bezeichnen, neben Müllerus findet sich da Molius und Molitor. Der Sohn eines Mannes namens Schreiber macht sich zum Ceriba oder Cerbenius (aber auch Prätorius), der eines Schmidt zu Faber, Fabricius oder Alutarius, der eines Schneider zu Sartorius, anscheinend aber auch zu Castricius, Agricola braucht wiederum nicht auf Bauer, sondern kann auch auf Landmann, ja auf Fuhrmann zurückweisen. Der Vater eines Vitriarus kann Glaser geheißen oder auch diesen Beruf ausgeübt haben. Hospes wird statt aus Gast (wie es richtig wäre) aus Wirt, Rasor, Tonsor aus Scherer, Pistor und Pistorius aus Bäcker, Rex und Gegius aus König. Wie leichtherzig bei den Immatrikulationen vorgegangen wurde, zeigt der verbürgte Bericht, wonach Melanchthon (Schwazert) in Wittenberg einem Studenten namens Wankelriet, diesen anzüglichen Namen ins Gegenteil zu übersetzen, nämlich in Constans (standhaft), was dieser aber ablehnte.
Wenig beliebt waren auch die Säugetier- und Vogelnamen. Neben Kalbius und Ochsius ergibt sich so aus Krebs Cancer, aus Bär Ursinus, aus Hirsch Hirstenus, Hirstius, Cervinus, aus Fuchs Bulpius, aus Atzel Elster, Pica, aus Taube Columbinus, aus Stork Ciconis, Pelagus Adebar, aus Hahn Gallus, aus Greif Gryphius. Dazu kommen die Benennungen nach Orten oder Ländern (Helvetius, Ruthenius, Saxo, Hassus, Confluentius, Colonus oder Colonius), was zur Folge hat, daß die ursprünglichen deutschen Namen wohl in keinem dieser Fälle Schweizer, Galizier, Sachs, Heß, Koblenzer, Kölner gelautet haben, sondern daß ihre Träger von dort stammten. Da ist denn freilich für die Ahnenforscher guter Rat teuer. Dazu kommen die Körperbezeichnungen wie Capito (Köpflein), Brachipodius (Kurzschenkel), Calvinus (Kahl - natürlich falsch), ferner die an Gegenstände des häuslichen Bedarfs anknüpfenden Namen wie Scapelli und Capellinus aus Schemel (Schawellche), die Farbbezeichnungen wie Aldinus oder Candidus (Weiß), Bruno (Braun) Niger und Nigrinus (Schwarz). Nicht zu rudizieren sind Angelus (Engel), Dämon (Teufel), Florus (Blum), Fortunatus (Glück), Amicus (Freund), Hibernius (Winter), Fidelius aus Hausmann und aus dem Vornamen Feigel, Acularius aus Schreiner, Kistner, Kastner oder Kästner, Prätorius aus Schreiber, Schultheiß oder Schulze, Bietor aus Bender, Küfer, Kiefer oder Büttner.
Besondere Kuriosa stellen folgende Übersetzungen und Rückübersetzungen dar. Aus einem gewissen Blei wurde latinisiert Plumbum, was dann im Niederdeutschen als Plaumbaum (Pflaumenbaum) verdeutscht wurde. Und ein Eppelmann ergab nach der lateinischen Durchgangsstation (dem kaiserlichen Feldmarschall Peter Melander) einen Holzappel, der wiederum der nassauischen Stadt und ehemaligen Grafschaft den Namen gab, während der Flecken vor seiner Erwerbung durch Melander (1643) Esten hieß. Man sieht, ganz so einfach ist die Fahndung nach den Ahnen mitunter nicht.