Wie der Schulmeister von Sonnenburg Pfarrer in Lindow wurde.
Neumärkische Zeitung 29. Dezember 1926
Anno 1615 waren es bereits 6 Jahre, daß der „Wohlgelagerte“ George Liebstroh den Schuldienst in Sonnenburg ausübte und die heranwachsende Jugend nach besten Wissen und Können in die Geheimnisse mannigfaltiger Wissenschaft einweihte. Wie es vor 300 Jahren mit der Gelehrsamkeit eines Schulmeisters bestellt war, ergibt eine Beschwerde der Zielenziger Schneiderinnung an den damaligen Herrenmeister des Johanniter- Ordens. Sämtliche Meister des Gewerbes der Schneider zu Zielenzig beklagten sich bitter darüber, daß der Küster von Laubow „gleichfalls Schneiderarbeit verfertige“ und sie in ihrem Handwerk schädige. Die Lehrer waren damals dem Bürger und Bauern eine Last, da sie von der Gemeinde unterhalten und bezahlt werden mußten. Die Bezahlung war gering und vielfach war es üblich, daß das arme Dorfschulmeisterlein abwechselnd von Haus zu Haus wanderte und bei dem einen oder anderen Besitzer sein karges Mittagsmahl einnehmen mußte. Die Allgemeinheit war sich eben noch nicht bewußt, was eine gute Schulbildung für eines jeden Menschen Zukunft bedeutet. So wurde manchem alten arbeitsunfähigen Handwerker, manchem abgedienten Soldaten, der selbst nicht vollständig lesen und schreiben konnte, die Heranbildung der Jugend anvertraut. Vielfach nur deshalb, um in der Gemeinde keinen unnützen Esser zu haben. Was nun für ein Mann der Lehrer Georg Liebstroh war, und was für eine Vorbildung und Kenntnisse er besaß, ist nicht festzustellen. Vielleicht war er eine rühmliche Ausnahme unter seinen Standesgenossen. Zu selbiger Zeit war Jonas Matthias im Ritterlichen- Ordensdorfe zu Lindow als Pfarrer angestellt. Er war im Dienste alt und grau geworden, hatte die Seelsorge zur Zufriedenheit seiner Gemeinde ausgeübt und wollte sich zur Ruhe setzen. So bat er denn beim Ordensamte Sonnenburg untertänigst um einen Amtsvertreter, da er „hohen Alters und Lebensunvermögenheit halber dem Ministerio länger vorzustehen nicht vermöchte und also ihm seinen Pfarrdienst in Kurzem zu erlassen auf gewisse Bedingung, damit er nur die Zeit seines notdürftig alimentation haben Könnte.“ Diese Gelegenheit benutzte George Liebstroh. Er bewarb sich um die freiwerdende Pfarrstelle, weil „er nunmehr im sechsten Jahre bei der Schule allhier nach seinem Vermögen, bestes Fleißes aufwartet, große Mühe und Arbeit gehabt und einmal solcher gern und zum Kirchendienst befördert sein wollte.“ Er bat, es möchte ihm doch „aus Gnaden solcher Pfarrdienst auf künftige Resignation des genannten alten Pfarrers oder auf dessen Todesfall- welches Gott lange verhüten wolle“, verschrieben werden und er vor anderen zu solchem Kirchendienste befördert werden. Und siehe da, er hatte Erfolg. Aus dem Schulmeister wurde ein Pfarrer. Von Gottes Gnaden George Albrecht Markgraf zu Brandenburg, Herzog zu Preußen, Herrenmeister des Ritterlichen St. Johanniter- Ordens in der Mark, Sachsen, Pommern und Wendland stellte den „wohlgelahrten, auch lieben und getreuen Liebstroh“ als Pfarrer in Lindow an. Die Anstellungsurkunde enthielt die folgende Begründung: „Wenn wir denn solch fein untertäniges Ansuchen für billig erachtet, zumal, weil wir dahero, daß er sich zum öfteren zuvor mit Predigten öffentlich hat hören lassen und soviel wir vernommen, daß er zum Predigerdienst genugsam qualificiert sein möchte, und über dies, daß er sich bei seinem Schulamte getreu und fleißig, wie auch still und gottesfürchtig bisher verhalten.“ Liebstroh war also nach alledem ein anerkannt tüchtiger und guter Mensch. Trotzdem verfehlte sein Patronatsherr aber nicht in der Anstellungsurkunde einen beachtenswerten Zusatz zu machen. „Jedoch mit solchem Anhange, daß er seines Studys forthin fleißig nachgehen, sich öffentlicher Laster und unordentlichen Lebens enthalte, der Jugend mit gutem Exempels und fleißiger Institution vorangehe und beides im jetzigen seinem Schuldienst, wie auch hernach bei künftigen seinem Pfarrdienste christliches und unströfliches Lebens jederzeit befleißige.“ Dessen zu Urkundt Datum Sonnenburg 30. Oktober 1615. So geschehen an George Liebstroh. -Hoffmann.-