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Landsberg a.Warthe
(Gorzów Wielkopolski)
Sterbende Worte
Neumärkische Zeitung    14. August 1931

Von Max Grube  (Meinigen).
Die Sprache ist ein lebendiges Wesen und ändert sich beständig, vor allem strebt sie nach Kürze, die stummen „e“ in den Endungen der Haupt und Zeitworte sind aus der Umgangssprache fast ganz verschwunden: Wir gehen kaum mehr, wir gehen - nicht mehr dem Lichte, sondern dem Licht entgegen. Nur dem Schriftsteller, der auf rhythmischen Wohlklang Gewicht legt, tut  dieses Stumme „e“ noch gute Dienste.
Aber nicht nur die Form der Worte verändert sich, oft auch ihre Bedeutung.
Der Schelm und der Schalk waren einst gar üble Gesellen. Man denke nur an Luthers Schalksknecht. Jetzt sind sie heitere Gesellschafter geworden. Die Hausangestellte würde wahrscheinlich sofort kündigen, wenn man sie eine Magd nennen wollte - ob es auf dem Lande noch Kuhmägde gibt und nicht vielmehr Kuhangestellte, weiß ich nicht -, und doch war Magd vor Zeiten etwas Hohes: Marie, reine Magd!
Frauenzimmer wurden die adeligen Damen der Burg genannt, nach ihrem Aufenthaltsorte. Heute ist es ein Schimpfwort wie Dirne und Bube, die nur mundartlich ihre liebenswürdige Bedeutung behalten haben.
Der liebe Gott wird immer noch Herr genannt, obwohl ihn viele nicht mehr als Herrscher anerkennen wollen, Herr dünkt sich jetzt jedermann.
Die Beispiele ließen sich leicht vermehren, aber die Tatsache ist ja bekannt genug.
Seltener denkt man daran, daß manche Worte ganz aus unserem Sprachschatze zu verschwinden drohen. Ich meine nicht veraltete Wortformen. Was es heißen soll: Der Farr löckt wider den Stachel, wissen wohl nur die Religionslehrer und einige Leute, die noch in der Bibel lesen. Der Leu und der Aar kommen nur noch in Geschichten und im Kreuzworträtsel vor. Kein Mensch tritt im Zoo vor den Leuenzwinger. Aber kann sich jemand entsinnen, z.B. das Wörtlein - auch eine veraltete Form - bieder oft in den Mund genommen zu haben? Dann höchstens mit leisem Spott; Ein biederer Bauer, ein biederer Handwerker, Recht wackre (früher wackere) Leute, die jedoch auf besondere Bildung, auf höhere Geistesgaben keinen Anspruch erheben dürfen. Einst war der Biedermann der höchste Ehrentitel, den man einem Bürger beilegen konnte.
Tugendsam sagt man nicht mehr, dafür tugendhaft. Wollte aber jemand eine Dame seiner Bekanntschaft ein edles, tugendhaftes Weib nennen, so würde es ausgelacht werden. Wir reden von Tugenden, womit schätzenswerte Eigenschaften gemeint sind; Tugend als Inbegriff der Sittlichkeit, Vaterlandsliebe, Menschenliebe, nach der zu ringen dem 18. und dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts als höchste Aufgabe erschien - in diesem Sinne wird das Wort wohl kaum noch gebraucht. Der Tugendbund, der kurz vor den Freiheitskriegen gegründet wurde, - als Schüler durften wir diese Benennung nicht gebrauchen, wir mußten Befreiungskriege sagen -, würde heute nicht mehr verdächtigt und verfolgt werden, sondern an der Lächerlichkeit seines Namens zugrunde gehen. Ob die Mehrzahl der Menschen in jenen Tagen besser gewesen ist als in unseren? Eine wohl aufzuwerfende Frage, aber die Tugend war doch wenigstens das allgemein anerkannte Ideal.
Das „Ideal“ gerät auch allmählich in eine ziemlich verborgende Ecke unserer Umgangssprache. Als Beiwort wird es noch häufig angewandt, wobei es nur gleichbedeutend mit „musterhaft“ ist: ein „idealer“ Gatte. Man hört wohl auch die „ideale“ Küche eines Restaurants rühmen oder eine „ideale“ Skibahn. Wie wir in der Schule gelernt haben, soll das Wahre, Gute, Schöne unser Ideal sein.