Kirchliche Feste und heimischer Volksbrauch
Neumärkische Zeitung 3. Juni 1931
Von Bruno Giersche
Dort oben im nördlichen Teile der Grenzmark Posen - Westpreußen gibt es unter der katholischen Bevölkerung manch alten, sinnigen Volksbrauch, der eng verknüpft ist mit den kirchlichen Festen.
Da nehmen z.B. am Palmsonntag die Gläubigen einen kleinen Strauß blühender Palmweiden in die Kirche mit, die dort von dem Geistlichen geweiht werden. Diesen Strauch hebt man dann daheim, an bevorzugtem Platze, das ganze Jahr auf.
Am Fronleichnamsfeste werden außerhalb der Kirche vier Altäre errichtet und mit jungem, blanken Birkengrün reich geschmückt. Nach beendeter Prozession nehmen die Gläubigen von diesem Grün ein paar Zweiglein heim. Es ist dies der so genannte „Maienstrauch“, der gleichfalls bis zum nächstjährigen Festtage aufgehoben wird. In verschiedenen Ortschaften unserer nördlichen Grenzmark schreibt man dem „Maienstrauch“ besondere Kräfte zu. Manche Landfrauen entzünden von ihm ein kleines Feuer und halten darüber den Korb mit den eben ausgeschlüpften Güsseln. Dann sollen die Tiere niemals Schaden nehmen und gut gedeihen.
Zum Abschluß der Fronleichnamswoche fertigen unsere Grenzmärker einen kleinen Kranz aus blühendem Mauerpfeffer oder aus Thymian an. Auch diese Kränzlein werden vom Geistlichen geweiht und daheim an bevorzugter Stelle aufbewahrt. Dem Volksglauben nach sollen sie Haus und Hof vor Blitz und Feuerbrunst schützen.
Am Karsamstag, wenn die Kirche Wasser und Dornen weiht, nehmen die Gläubigen Weihwasser und ein Zweiglein geweihter Dornen mit nach Hause. Den Dornen schreibt unsere hiesige Bevölkerung die gleiche geheimnisvolle Kraft zu, wie dem oben erwähnten „Maistrauch“. Darum entzündet unsere Landfrau das schützende Segensfeuer für das junge Federvieh auch oftmals an den geweihten Dornen.
Zum Erntedankfest nimmt unsere ländliche Bevölkerung ein Sträußlein der verschiedensten Ähren ins Gotteshaus mit. Dort wird es ebenfalls geweiht und daheim sorgfältig aufbewahrt. Die große Pietät unserer Bevölkerung diesen geweihten Gegenständen gegenüber kommt darin zum Ausdruck, daß man sie nach Jahresfrist nicht achtlos entfernt, sondern sorgfältig verbrennt. Das Weihwasser aber, das man am Karsamstag aus der Kirche heimgebrachte, findet bei jedem besonderen Familienereignis seine sinnige Anwendung. Ziehen der Sohn oder die Tochter in die Fremde, so segnet sie die Mutter damit in der Abschiedsstunde. Stirbt ein Familienmitglied, so zeichnet man ihm damit ein Kreuz auf die Stirn. Der Bauer segnet damit sein neues Haus, seine neue Scheune, seinen Stall. Er sprengt auch ein Tröpflein in den leeren Taß, der das erste Fuder der neuen Ernte aufnehmen soll. Er segnet damit auch sein Vieh, damit es gut gedeihen möge und von Krankheit und jeglichem Unheil verschont bleibe.
Dieser sinnige Brauch des Segnens wird in unserer Heimat bei anderen kleineren Anlässen auch ohne Weihwasser geübt. Dann wendet man nur den Segen in der dreifachen Kreuzform an. Diesen Brauch trifft man auch zuweilen bei unserer evangelischen Landbevölkerung an. Wenn die Hausfrau das Brot anschneiden will, so zeichnet sie zunächst mit der Messerspitze drei Kreuzlein auf die Unterseite des Brotes. Schüttet sie beim Einsäuern das Mehl über den Teig, so ritzt sie mit dem Finger ebenfalls drei Kreuze in das Mehl. Drei Kreuze zeichnet sie auch vor die geschlossene Backofentür, hinter der soeben der letzte Laib verschwunden ist. Und der Brotsegen, den sie hierbei spricht, ist wie ein Gebet:
„Leiw Brot is im Auwä
Leiw Gott scha’t bewau’rä.
Rinnä as eä Lossblatt;
Riutä as eä Polgrad.
All dei dauävo ätä,
Sa’ leiw Gott behütä!“
Auf hochdeutsch:
„Das liebe Brot ist im Ofen
Der liebe Gott soll es bewahren,
Hinein wie ein Laubblatt;
Heraus wie ein Pflugrad.
Alle, die davon essen,
Soll’ der liebe Gott behüten!“
Ein Volksschlag, der so ernst und sinnig wie die grenzmärkische Bevölkerung durch seinen Alltag geht, der so fest und zäh an altererbtem Brauch und alter Sitte hält, der steht auch fest auf seiner Scholle und zu seiner Heimat.