Farben und Zeichen der Trauer
Neumärkische Zeitung 22./23. November 1930
Wie alles auf Erden ständigem Wechsel unterworfen ist, und das, was der Mensch ersinnt, von Veränderung zu Veränderung schreitet, haben auch die Farben und Zeichen der Trauer eine Geschichte, die von manchem Wandel immer neu zu erzählen weiß. Wohl ist die Trauer an die Verstorbenen uralt und findet sich schon in den frühesten Menschheitsepochen; aber wie die einzelnen Völker und Geschlechter trauerten, das bedingten das geistige Niveau der Zeiten, die Umgebung und die besonderen Lebensumstände. Aus abergläubischen Vorstellungen ging der Brauch des Trauerns mindestens ebenso hervor, wie aus dem Bedürfnis, den Schmerz über den Verlust eines Angehörigen zum Ausdruck zu bringen. Wo man sich, wie das Alte Testament es erzählt, zum Zeichen der Trauer das Haupt mit Asche bestreute, oder das Haar sauste und die Kleider zerriß, mag der Anteil echten Schmerzes überwogen haben.
Die Trauerkleidung selbst fand aber ihren Ursprung bei heidnischen Völkern in Vorstellungen, die im Aberglauben wurzelten und die den Menschen mit Scheu und Furcht vor dem Tode, als etwas Unfaßbarem erfüllten. Allgemein glaubten unsere heidnischen Vorfahren, daß die Seele eines Verstorbenen nach dem Tode umgehe, die Stätten besuche, in denen ihr träger bei Lebzeiten geweilt hatte. Vor dem Geist eines solchen Toten empfanden die Menschen jener Zeit große Furcht, und es bedeutete Unglück, wenn ein Lebender einer umgehenden Seele begegnete. Man suchte sich deshalb vor der Gefahr, von einer solchen Seele erkannt zu werden, zu schützen und sah in gewissen Farben der Kleidung und in bestimmten Formen der Gesichtsverhüllung das sicherste Mittel dagegen. So entstand die Trauerkleidung in ihrer ursprünglichen Form und Bedeutung.
Der Schleier, wie überhaupt das Verhüllen des Gesichtes spielte von Anfang an darin eine gewichtige Rolle. Nicht so sehr die Farbe. Die wechselten häufig und ging durch alle Stufen, abgesehen vom rot und grün. Farben, die stets ein Sinnbild des Lebens und der Hoffnung waren. Daß die Farbe als nebensächlicher befunden wurde, lehrt die Geschichte des alten Sparta, wo die Männer in Schwarz trauerten, die Frauen in der Trauer weiße Gewänder anlegten. Andere Völker nahmen grau oder gelb als Trauerfarbe, so die Kelten, und es ist bezeichnend, daß bei den Nachkommen der Kelten, den Bretonen in Westfrankreich, die gelbe Haube bei den Frauen im Trauergefolge vor noch nicht langer Zeit zu treffen war.
Auch blau und violett war und ist in manchen Ländern die übliche Trauerfarbe. In Deutschland herrschte lange Zeit die weiße Farbe als das Zeichen der Trauer, wohl bedingt durch die Natur, wenn sie zur Ruhe geht, unter einer weißen Schneedecke begraben liegt und der Schnee als das Leichentuch der Natur angesehen wird. Von diesem Zeichen der Natur her wurde bei uns die Trauerfarbe durch Jahrhunderte hindurch bestimmt; weiße Gewänder, Tücher, weißverhängte Zimmer waren in Niederdeutschland noch vor wenigen Jahrzehnten in Trauerhäusern oder bei Leichenbegängnissen anzutreffen. Ähnliche Gedanken wie unsere Vorfahren mögen auch die Kelten bewogen haben, gelb als Farbe der Trauer zu wählen, denn die Übereinstimmung mit dem in der Natur zur Herbstzeit vorherrschenden Gelb in den großen Laubwäldern der von den Kelten einst bewohnten Landstriche.
Wechselten schon die Farben, so gaben Art und Charakter der Trauergewänder, ihr Schnitt und ihre Aufmachung ein noch verschiedeneres Bild in den einzelnen Zeitabschnitten. Hierbei sprach bald die Mode mit, als man im Mittelalter anfing, dieser Tatsache mehr Rechnung zu tragen. Die Frauen leisteten sich in der Ausstattung, dem Zuschnitt und den Stoffen der Trauergewandung oft einen überflüssigen Luxus und trieben einen Aufwand, der mehr als einmal ein Einschreiten der Obrigkeit durch Bestimmungen und Verordnungen nötig machte. So wurde im 17. Jahrhundert in Leipzig den Frauen das Tragen der langen „Maulschleier“ behördlich untersagt, und ähnliche Verordnungen, die zur Einfachheit bei den Schleiern aufforderten, sind bekannt. Man Verargte es den Frauen, daß sie dünne, lange geklärte Schleier bevorzugten, statt sich mit schwäbischen Leinwand zu begnügen.
Da man auch mit Trauerbinden unnötigen Aufwand trieb, selbst in den schweren Zeiten des 30jährigen Krieges, verbot man damals das Tragen dieser Binden mancherorts ganz. Es war damals im Grunde dasselbe, wie heute. Was vergangen war, galt als die „gute alte Zeit“ und es leuchtete manchem wohllöblichen Stadtrat nicht ein, daß Zeiten und Sitten Änderungen brachten, auch in den Gewohnheiten der Trauerkleidung.
War im frühen Mittelalter die Mönchskutte das ersehnte Totengewand, selbst für Frauen, weil es den damit Bestatteten Vergebung aller Sünden bringen sollte, so hätte man eine solche Anspruchslosigkeit am liebsten für immer beibehalten mögen. Daß man mit den Trauergewändern und Hauben so verschwenderisch war, und ebenso die Trauermahlzeiten zu wahren Gelagen anwachsen ließ, das erschien den Behörden als eine Unsitte und deshalb ging man dagegen vor. Eine braunschweigsche Verordnung aus dem beginnenden 18. Jahrhundert beleuchtet diese Verhältnisse außerordentlich. Sie besagt, daß gerade ein Mißbrauch aus dem Betrauern der Verwandten geworden war, der viele Familien in Schulden stürzte weil man die größten Ausgaben nicht scheute. Daher wurden in dieser Verordnung die Zeit der Trauer und der Umfang, in dem Verwandte, Dienstboten usw. um einen Verstorbenen trauern durften, genau festgesetzt. Ein Übermaß an Äußerlichkeiten und mancherlei wenig taktvolle Begebenheiten in dem Zeremoniell der Trauerbräuche müssen jedenfalls häufig eingetreten sein, sonst hätte man nicht dergleichen Verfügung erlassen.
Die Gegenwart ist in dieser Beziehung doch einsichtvoller als die Menschen jener Zeit es waren. Wir trauern heute nicht, um einem äußerlichen Brauch damit Genüge zu tun. Noch weiter entfernt sind wir von dem Standpunkt unserer ältesten Vorfahren, die alle Verhüllungen und Trauerzeichen ablegten nach einer Zeit, wo die Seele nicht mehr die Kraft hatte, umzugehen. Uns ist heute die Trauer eine sittliche Pflicht, die wir mit umso größerer Hingabe leisten, weil wir frei von allen abergläubischen Zwangsvorstellungen sind und uns die Trauer um Angehörige und Nahestehende Sache des Herzens geworden ist.
-M.H.-