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Landsberg a.Warthe
(Gorzów Wielkopolski)
Unsere Familiennamen
Neumärkische Zeitung   2. März 1931

Ein Streifzug durch die deutsche Kulturgeschichte
Von Dr. Karl Neurath

Das Einwohnerbuch einer Stadt gilt im Allgemeinen nur als Nachschlagewerk, mit dem man sich nicht länger beschäftigt, als unumgänglich notwendig ist. Kaum einer unter den vielen tausenden täglichen Benutzer wird auf den Gedanken kommen, daß ein solches Werk nicht nur Auskunft über Behörden, Einwohner und Straßen gibt, sondern auch ein kulturpolitisches und volkskundliches Lesebuch von wesentlicher Bedeutung ist. Dem oberflächlichen Betrachter ein buntes Gemisch bekannter und unbekannter, verständlicher und unverständlicher Namen, erschließt sich dem Auge des tiefer eindringenden Betrachters aus der verwirrenden Mannigfaltigkeit der Benennungen das reiche Gefühlsleben unseres Volkes, das zum Unterschied von den nüchternen Römern, aber in Übereinstimmung mit den empfindlichen Griechen ein großes Gefallen an hochgekonnten Namen hat, aber auch gerne den Beruf, die Abstammung oder Herkunft zur Bezeichnung von Personen verwendet, ein ganz besonderes Vergnügen aber an Übernamen und Spitznamen hat. Der ganze Werdegang unseres Volkes tut sich auf, wenn man Namen sieht, wie Bode, Budde, Buss, Busse, denn sie alle hängen eng zusammen und gehören mit einer großen Reihe ähnlicher zu einer Namensgruppe, die aus dem gotischen Zeitwort biudan, althochdeutsch biotan, mittelhochdeutsch bieten, herzuleiten ist, im Sinne von gebieten und entbieten. Sie gehen ausschließlich auf alte Vornamen zurück, etwa Bodfried, Boemar, Bodwin oder deren Kurzform.
Eine Menge jener schönen altdeutschen Vornamen erscheint noch vollkommen deutlich wie Hildenbrand, Amelung, Dietrich, andere als Weiterbildung der kosenden Kurzformen, manche aber auch abgeschliffen, verstümmelt oder gänzlich unkenntlich. So entsteht aus dem ahd. Ricohard neben Richard auch Richert, Riegert, Reichard, Rickert, Ritsert und viele andere. Aus Liutbald sind über zwanzig nhd. Namen abzuleiten, ohne die durch verschiedene Rechtschreibung entstandenen Formen. Für Godeberath hat Pauli 6000 Ableitungen ermittelt. Noch stärkere Umwandlungen haben die kirchlichen Personennamen erfahren, die zu Familiennamen geworden sind, da sie sich das Volk mundgerecht gemacht hat. So entstehen Namen wie Barthel, Meves (Bartholomäus), Ambrosch, Brose (Ambrosius), oder gar Gruner, Harms Nuß, Rones u.a. aus Hieronymus.
Die dritte Gruppe der Familiennamen geht auf alte und neue Berufe zurück, denn um bei wachsender Bevölkerungszahl die vielen Konrads und Hänse unterscheiden zu könne, setzt man einfach die Beschäftigung hinzu, sogar schon bei den Goten, wo sich in sonst lateinischen Urkunden schon ein Nerila bokareis also ein Merila Schreiber neben anderen solchermaßen näher bestimmten Personen befindet. Weidner und Weidmann ist die älteste Bezeichnung des Jägers. Aschenbrenner erinnert an jene alten Zeiten, wo es noch ein solches Gewerbe gab, das ganze Waldstrecken berufsmäßig in Asche legte, um diese für Salzsiedereien und Glashütten zu gewinnen. Zu den Berufsnamen gehört auch der Pfotenhauer, der Mann, der die Pfoten oder Pfetten, selbst Fittiche, die Querbalken eines Hauses zuhaut oder der Splettstößer, der Splitter, Späne verkauft. Der Ahn des berühmten Theologen Pfleiderer war ein derber Kriegsmann, der die Bleiden, die Wurfmaschinen bediente. Damit sind wir bei den Namen angekommen, die auf das alte deutsche Waffenhandwerk zurückgehen und die eisenklirrende Herrlichkeit des Mittelalters wach halten. Das ganze Gepräge fürstlicher Hofhaltungen tut sich vor uns auf. Da gibt es Herolde und Heyducken, Kämmerer und Vogler, Finkler und Falkner. Es gibt Kaiser und Könige Kurfürsten, Pfalzgrafen, Herzöge, Fürsten, Prinzen, Grafen, Junker, aber diese Namen sind einigermaßen schwierig.
Daß Bibel und Kirche stark auf die Namensgebung gewirkt haben, ist selbstverständlich, und wie bei Hofe ist auch hier alles vertreten, was man sich denken kann. Der nicht seltene Name Herrgott gehört aber nicht hierher. Er ist mit größter Wahrscheinlichkeit aus dem altdeutschen Namen Herigaud vererbt. Wo aber leiten sich alle die Päpste die Bischöfe, die Erzengel, die Propheten und die Prediger her? Es können Spitznamen sein, aber das ist nicht sehr wahrscheinlich. Ich vermute, und Behaghel unterstützt mich darin, daß es sich hier um Namen handelt, die auf die alten deutschen Weihnachtsspiele und Osterspiele zurückgehen. Der Mann, der den Pharao spielte, ist stolz darauf, spielt den großen Mann auch im Leben, und schon hat er den Namen Pharao weg.
Von den biblischen Namen hat Johannes die weiteste Verbreitung gefunden; viele Hunderte von deutschen Familiennamen gehen auf den Prediger in der Wüste zurück, darunter die seltenen Burhenne, Gaudian, Händel, Jäschke u.a. Die vielen Namen aus dem griechischen und römischen Altertum sind Namen von Heiligen und Blutzeugen, die man aus dem Kalender nahm, wie man auch einzelne Tagesnamen daraus ableitete, z.B. Ostertag, Pfingsten, Quatember, Allerheiligen und ähnliche. Weitaus größer ist die Zahl der Herkunftsnamen, und zwar jeglicher Art. Da gibt es Ländernamen, wie Baier, Fries, Holste, Sachs, Heß, gibt es Ortsnamen wie Allwendiger, Hitzegrad, Mailänder, Spangenberg, Tannenhäusr, Zoolikofer, es gibt aber auch Namen, die von der Wohnstätte abgeleitet sind; Aufdemgarten, Ausdermühle; Barnhagen, Zumbusch, Zuntbach, Torbecke.
Dann kommen die Verwandtschaftsnamen, die besonders in Niederdeutschland sehr verbreitet, aber in ihrer Entstehung noch ziemlich unklar sind. Einige gehen wohl auf Eigenschaften zurück, es kann sich aber auch um Übernamen oder Spottnamen handeln, um nähere Kennzeichnungen in Urkunden vielleicht, wofür mancher Umstand zu sprechen scheint. Dies Vieldeutigkeit, der Fachmann nennt sie Konkurrenzen, erschwert die Forschung ungemein, aber immerhin sind wir in den letzten Jahrzehnten doch erheblich weiter gekommen, als man noch vor einem Menschenalter hoffen durfte.
Auch Werkzeuge und Kleidungsstücke müssen zur Namensgebung herhalten. Womit einer umging, danach wurde er zu Zeiten genannt. Pfeffersack, Schaumlöffel, Kessel, Roilwagen, Feuerhaken, Beil sind Beispiele für die eine, Blaurock, Holzschuh, Eisenhut, Lodderhoß für die andere Art. Gerock aber stammt vom ahd. Gerhoh.
Damit sind wir eigentlich schon mitten in den Spottnamen, die eine lustige Bereicherung durch die von allerlei Speisen abgeleiteten Familiennamen erfahren. Hierher gehört Johann Gensfleisch, zum Gutenberg, Dann Truckenbrot, Schweinebraten, Schlegelmilch, Sauerwein, nicht aber Trautwein oder Reichwein, die mit der alten Silbe win; Freund zusammengesetzt sind. Knoblauch und Butterweck sind die Namen bekannter gelehrter, noch bekannter aber ist der Hans Wurst, der Spaßmacher der deutschen Bühne, der in merkwürdiger Übereinstimmung damit in Frankreich Jean Potage und in England John Plumpudding heißt. Eine besonders  witzige Gruppe dieser Spottnamen sind die weit verbreiteten Satznamen, die Hauschild, Fleugimtanz, Schauinsland, Trinsaus, die sprachlich mit Vergißmeinnicht, Stelldichein, Trösteinsamkeit und ähnlichen zusammenfallen. Man hat von diesen merkwürdigen Namen an dreihundert gezählt, die Gelehrten sind sich aber auch noch nicht einig darüber, wie sie entstanden sind, auch die Bedeutung ist vielfach noch strittig, wie etwa bei Klebsattel, dessen niederdeutsche Formen, wie Klevesaal, darauf hinweisen, daß es sich jedenfalls nicht um einen Mann handelt, der am Sattel klebt. Einer der berühmtesten Träger eines Satznamens ist Klaus Störtebecker, der auch in hochdeutscher Form als Stürzebecher und Stürzdenbecher vorkommt.
Wie es mit den an Münzen erinnernden Namen steht, ist noch wenig geklärt. Wucherpfennig und Schimmelpfennig sind natürlich davon abzuleiten, ob aber Schilling, Kreutzer, Heller auch dazu gehören, ist noch recht zweifelhaft. Vilmar  hat 20 aufgezählt, von denen inzwischen eine große Reihe ausgefallen ist, da sie wie das niederdeutsche Dreier (Dreher) anders zu erklären sind.
Bleiben noch die verwelschten Namen, mit denen sich lateinfrohe Gelehrten von ihren ungebildeten Mitbürgern unterscheiden wollten, ohne an den Spott der Nachwelt zu denken. Aus einem einfachen Kurz wurde ein hochmögender Curtius, aus einem gewöhnlichen Schneider ein gewichtiger Textor, aus einem schlichten Holzmann ein aufgeblasener Xylander. Der übersetzungswütige Ahn sei Sprachforschers Cascorbi ist ein ganz harmloser Kaskob (Käsekorb) gewesen, aber wie ein wackerer Chesnecophorus wirklich geheißen hat, das weiß heute kein Mensch mehr. Nur angedeutet ist mit diesen knappen Bemerkungen der noch längst nicht in seinem ganzen Umfang bekannte Reichtum des deutschen Namensschatzes, nur gestreift die mannigfaltigen Wurzeln der deutschen Namengebung.
Man unterscheidet ganz allgemein drei Schichten. Die wichtigste ist die der alten germanischen Vornamen. Darauf folgt die der fremden Vornamen, die fast ausschließlich der Bibel entnommen sind, und schließlich die weit jüngere der unterscheidenden Bezeichnungen. Wir sehen daran die ganze Entwicklung unseres Volkes von seiner heroischen Zeit mit ihren schönen, hochsinnigen Heldennamen, denen dann eine kleine Auswahl kirchlicher Vornamen folgt, zum größten Teil bald eingedeutscht wird und mancherlei Umbildungen erfährt. Bemerkenswert ist, daß bis weit in die Reformation hinein auch in der Kirche die deutschen Namen herrschten, und daß z.B. der urdeutsche Name Karl erst im 17. Jahrhundert allgemein Eingang fand, nachdem Karl Borromäus als Heiliger einen Kalendertag erhielt. Auf diese beiden Namensschichten folgten dann die des Bürgertums, die man dem Beruf, dem Geburtsort, dem Wohnsitz oder einer auffälligen Eigenschaft entlehnte. Das bedingte natürlich eine gewisse Nüchternheit, aber dafür tritt nun der Witz hervor, der sich in den Satznamen am kecksten offenbart, während sich die Herren Gelehrten vornehm zurückziehen und sich gespreizt als alte Römer gebärden.
Ein Spiegelbild unseres Volkslebens von eindringlicher Beredsamkeit, durchaus kein totes Wort, ein solcher Name, sondern blutvolles Vermächtnis unserer Ahnen, wohl wert, daß man sich damit beschäftige, um allmählich den Schleier zu lüften von all den vielen Rätseln und Unklarheiten, die noch zu lösen sind, ehe diese reiche und schöne Welt ganz erschlossen ist.