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Landsberg a.Warthe
(Gorzów Wielkopolski)
Märkischer Johanniszauber
Neumärkische Zeitung   23. Juni 1931

Johanniszauber! Sommersonnenwende!       Von Hermann Bink

Wir feiern heute diesen Tag, den Todestag Baldurs, und die angezündeten Johannisfeuer sollen uns an den Scheiterhaufen Baldurs und an den erreichten Höchststand der Sonne erinnern, während die von den Bergen herabrollenden Feuerräder die jetzt niedergehende Sonne darstellen sollen. Der Sonnenkult ist alt wie die Welt:

„Glorreicher Ball! Du Götze
Der frühesten Welt, des kräftigen Geschlechts
Der unerkrankten Menschheit, jener Riesen,
Den Früchten aus Umarmungen der Engel
Mit Jungfrauen, schöner als sie, die einst
in ewiger Irrsal Geister selbst verlockten.
Glorreicher Ball, den man verehrt, bevor
Enthüllt war das Geheimnis deiner Schöpfung!“

Viele alte Bräuche und Sitten haben sich bis heute noch erhalten. Am Johannistage werden durchweg in der Mark allerhand heilsame Kräuter gesammelt, weil man die Meinung hat, daß nur die an diesem Tage gepflückten die gehörige Wirkung tun. Manche müssen mit der Wurzel stillschweigend in der Mitternachtsstunde gegraben werden. Dazu gehört Reinfarrn, daß nur in der Nachtstunde von 11 - 12 Uhr blüht, wenn man es bei sich trägt, unsichtbar macht.
In der Johannisnacht muß auch die Glücksader Wünschelrute geschnitten werden, und zwar von einem Haselstrauch. Man muß zu diesem Zweck rückwärts auf den Haselstrauch zugehen, stillschweigend mit den Händen zwischen den Füßen durchfassen und so einer gabelförmige Rute abschneiden. Will man sehen, ob man Wirklich eine solche geschnitten habe, so brauche man sie nur ins Wasser zu halten: wenn sie da wie ein Schwein jappst, so ist es eine Glücksrute. Mit ihr kann man dann Schätze, die in der Erde verborgen sind, finden.
Das Johanniskraut gilt in der Mark vielfach als Wunden heilend. „Johannishand“, in der Prignitz auch „Christushemd“ genannt, liefert pulverisiert ein sehr zweideutiges Geheimmittel, vertreibt Wahnsinn, Krämpfe, unglückliche Liebe.
Tief auf dem Grunde des Heiligen Sees liegen Glocken, die vor alter Zeit versunken sind. Manchmal kommen sie zum Vorschein, und einige Leute haben sie auch schon sprechen hören am Johannistage. Da sagte eine zur andern: „Anne Susanne, Wiste mett to Lanne?“ worauf die andere antwortete: „Nimmermeh!“ Dann sanken sie, nachdem sie noch einmal angeschlagen, wieder in die Tiefe.
Schätze brennen besonders in der Johannisnacht, und wer es versteht, kann sie heben.
In Perleberg heißt es: Will man einen Kobold haben, so muß man am Johannistag zur Mittagszeit zwischen 12 und 1 Uhr in den Wald an einen Ameisenhaufen gehen, darauf wird man einen Vogel sitzen finden, zu dem man gewisse Worte sprechen muß, dann verwandelt es sich in einen kleinen Kerl und springt in einen bereit gehaltenen Sack, in dem man ihn mit nach Hause nimmt, wo er alle ihm aufgetragene Arbeit aufs schnellste verrichtet.
Am Johannistage muß man die Kinder entwöhnen, dann haben sie später Glück, sagt man.
Einen eigenartigen Zauber üben heute noch die Johannisfeuer aus. Von Hügel zu Hügel lodern die Flammen, Paare springen hindurch, um sich durch die reinigende Kraft und Glut vor Krankheit zu schützen, mit lodernden Fackeln umgeht man das Feuer und dreht sich im Reigen. Manchmal wälzt man auch ein Rad durch die Flammen. Hervorgegangen scheint das Johannisfeuer aus dem alten Notfeuer, welches man durch Reiben heilkräftiger Hölzer gewann, um sich in der glutvollen und gefährlichen Zeit der Sommersonnenwende gegen Seuchen und Mißwachs zu schützen. Unsere Vorfahren warfen Tiere und Eier in das Feuer um Hagel und Gewitterschäden von den Feldern fernzuhalten. Drachen und böse Geister, die in der Luft hausen, sollten dadurch abgehalten werden.
Große Bedeutung hat der Johannistag bei den Johannislogen der Freimaurer überall erlangt, die an diesem Tage ihr höchstes Fest des Jahres zu begehen pflegen, das Johannisfest aber vielfach Rosenfest genannt, weil die Logenbrüder mit drei verschiedenfarbigen Rosen zur Feier erscheinen. St. Johannis gilt als Schutzpatron der Bauleute.