Märkische Hochzeitsgebräuche Teil II.
Neumärkische Zeitung 15. Oktober 1927
Von Ida Wegner.
Auch der Hund wird als Eheorakel gewertet. Man sagt in der Gegend von Guben, daß ein Verlöbnis oder eine Ehe auseinander geht, wenn sich der Hund zwischen das Paar drängt und nicht an der Außenseite des einen oder anderen Teiles geht. Ein Hund „festigt“ ein Verhältnis, wenn er das Paar im Kreise öfter umgeht. Stellt sich der Hund zu dem einen oder anderen Teil feindlich, dann gilt dessen Charakter als nicht einwandfrei, zum mindesten ist seine Treue anzuzweifeln. Beißen sich am Hochzeitstage die Hofhunde, dann gibt es in der Ehe viel Zank und Streit. Aus dem Geschlecht des unterlegenen Tieres kann man ersehen, ob der Mann oder die Frau als Sieger aus dem Ehekampf hervorgehen werden. Entsteht die Beißerei der Hunde dadurch, daß fremde Tiere auf dem Hof kommen und die Hofhunde angreifen, dann wird der Unfrieden in der Ehe durch fremde Menschen verursacht. Aus dem Geschlecht des Hundes kann man auf eine Frau oder einen Mann schließen. Unterliegt der fremde Hund, bleibt der Ehemann oder die Ehefrau dem Fremden gegenüber Sieger, siegt er, dann gelingt es dem Störenfried die Ehe zu zermürben, womöglich zu trennen. Auch aus dem Verhalten der Hochzeitsgäste untereinander, schließt man in Landsberg auf die Ehe. Sind sich die Gäste untereinander sympathisch gesonnen, dann wird die Liebe zwischen dem jungen Ehepaar lange bestehen. Stehen sich die Gäste aber neidisch oder gar feindlich gegenüber, dann werden diese Untugenden sehr bald in der jungen Ehe Wurzeln schlagen. Man muß daher, wenn man dies vermeiden will, sehr vorsichtig in der Wahl der Gäste sein, welche man zu laden beabsichtigt und man läßt durch gute Bekannte zuvor unter der Hand sondieren, wie sich die ins Auge gefaßten Gäste untereinander gesonnen sind. Man hat hierbei nicht allein auf offene Feindschaft zu sehen, sondern auch auf Gehässigkeit, die im Stillen ihr unsauberes Wesen treibt.
Rote Kartäusernelken im Blumenstrauß einer Brautjungfer bezeugen, daß sie sehr geliebt wird und daß sie nach der Braut die erste aus dem Kreise der Brautjungfern sein wird, welche in den Stand der ehe tritt. Befindet sich aber in einem Blumenstrauß der Braut oder der Brautjungfern ein Strauß Rosmarin, so deutet dies den frühen Tod der Eignerin an oder auch des Spenders, der um die geliebte in den Tod geht. Zieht die junge Frau in ein Haus, unter dessen Dachfirst Schwalben nisten, so bedeutet dies viel Glück. Kommt sie aus einem Hause, unter dessen Dachfirst Schwalbennester sich befinden, so bringt sie das Glück in das neue Haus und ist es in Zukunft von ihrer Person abhängig, sagt man um Oderberg. Verirren sich in dem Brautschleier schwarze Fäden, die man bei dem Anstecken des Schleies entdeckt, dann bedeutet dies eine unglückliche Ehe und einen tragischen Abschluß derselben. Verletzt sich diese Person, welche der Braut den Schleier aufsteckte mit der Nadel, so bedeutet dies ebenfalls Unglück, so endet die Ehe in Blut, heißt es in der Uckermark. Dieser Glaube ist wohl auch in anderen Teilen des Reiches verbreitet, denn es heißt von der letzten russischen Zarin, der blonden Hessentochter, daß sich eine der Kammerfrauen mit einer Nadel verletzte, die im Schleier vergessen war. Hierdurch gerieten leuchtend rote Blutflecke auf den Schleier, welche die Braut im Spiegel gewahrte. Eine abergläubische Angst befiel sie und sie rief: „Meine Ehe wird in Blut enden!“ Inder Tat hat sich diese böse Ahnung erfüllt, denn die Zarin wurde ein Opfer des Bolschewismus. Aus dem Verhalten der Brautleute selbst am Hochzeitstage schließt man auf die gegenseitige treue. Wendet sich der eine oder andere Teil in der Unterhaltung viel an Personen des anderen Geschlechts, so soll man nach Meinung der Woldenberger auf Untreue und Vorliebe für Veränderungen schließen. Ist die Aussteuer nicht rechtzeitig fertig und hat die Braut in den letzten Tagen vor der Hochzeit an dieser noch zu arbeiten, so soll dies anzeigen, daß sie auch in der Ehe niemals mit ihren Pflichten fertig werden wird. Die Verhältnisse werden ihr über den Kopf wachsen, sagt man um Wittenberge.
Um Straußberg weiß man, daß man am Hochzeitskleide nichts trennen darf. Fehler, die man bei seiner Herstellung macht, muß man bis nach der Hochzeit lassen. Würde man vorher auch nur einen einzigen Stich trennen, so bedeutet dies die Trennung der Ehe oder des Verlöbnisses in letzter Stund. Daselbst sagt man auch, wenn eine Schneiderin bei der Anfertigung des Brautkleides sich in die Finger sticht, dann bedeutet dies eine leidenschaftliche Liebe des Bräutigams, die er gegen seine Braut empfindet. Hingegen ist man um Zossen der Meinung, daß es Tränen zu bedeuten habe, wenn sich eine Schneiderin beim Anfertigen eines Brautkleides öfter in die Finger sticht. Bricht gar eine Nadel durch, dann bedeutet dies die Trennung. Bricht die Nadel aber in drei Teile, dann zeigt dies an, daß noch ein anderer Mann die Braut liebt und im Stillen um sie wirbt. Nähert sich das Fest dem Ende, dann tanzt man der Braut den Kranz und dem Bräutigam den Strauß ab. Hierbei werden beiden Teilen die Augen verbunden, während die Brautjungfern und Herren einen geschlossenen Reigen um sie bilden und das bekannte Brautlied aus dem Freischütz singen: „Wir winden dir den Jungfernkranz usw.“ Hierbei haben Braut und Bräutigam nach einer Person aus dem Reigen zu fassen und der, den sie erhaschen, wird der erste sein, der in den Stand der heiligen Ehe eintritt. Man versicherte mir in der Nähe von Frankfurt, daß dies Orakel zuverlässig sei. Nicht allein Schnee und Regen sollen über den Ausgang einer Ehe berichten, sondern auch Sonne und Sturm. So glaubt man im Kreise Weststernberg, daß Sonnenschein am Hochzeitstage eitel Glück und Freude für die Ehe verspricht, während stürmisches Wetter eine stürmische Ehe ankündigt. Hier versucht man das Schicksal insofern günstig zu beeinflussen, daß man am frühen Morgen des Hochzeitstages festlich geputzte Kinder zu dem Brautpaar schickt, welche ihnen den ersten Morgengruß darbringen müssen. Der Braut schickt man einen kleinen Knaben, und dem Bräutigam ein kleines Mädchen.
In Sommerfeld pflanzt die Braut eine beliebige Blume in den Topf oder in den Garten und beobachtet ihre Entwicklung bis zum Eheschluß. Aus dieser schließt man ebenfalls auf den Ausgang der Ehe. Entwickelt sich die Blume in jeder Hinsicht zur Zufriedenheit, dann wird die Ehe eine glückliche. Bleibt die Blume oder auch eine beliebige andere Pflanze, die man zu diesem Zweck eingesetzt hat, zurück, dann läßt das Glück der Ehe zu wünschen. Geht die Pflanze gar ein, dann kommt es in den meisten Fällen schon vor Eheschluß zum Bruch. Auch aus den Regenfällen, die in der Zeit von der Verlobung bis zur Hochzeit stattfinden, schließt man auf das Glück der Ehe. Fällt der Regen so, daß er die Fenster der Braut peitscht, dann bedeutet dies Widerwärtigkeiten und Sturm in der Ehe, welche die junge Frau zu tragen haben wird. Kommt der Regen aber von der anderen Seite des Hauses, sodass die Fenster der Braut nicht oder doch nur weniger von den Güssen betroffen werden, dann wird die Ehe eine glückliche sein, meint man um Rheinsberg. Auch die Träume in dieser Zeit werden als Eheorakel gewertet und entsprechend ausgelegt. Günstige Träume bedeuten Glück und schlimme Träume werden als Warnung aufgefaßt, glaubt man um Spremberg. So zahlreich diese Gebräuche sind, so habe ich immer wieder feststellen müssen, daß man an ihre Richtigkeit und Wirkung unbedingt glaubt. Mag der „aufgeklärte“ Mensch der Jetztzeit über diese Bräuche denken wie er will, sie sind ein Stück Sittengeschichte der Alten und viel besser als viele Neuerungen, die man hier und da einzuführen versucht.
So macht sich in einigen Kreisen des Regierungsbezirkes Stade der Hochzeitsball als wenig geschmackvolle Errungenschaft breit. während man nach alter Sitte die Hochzeitsfeier im Kreise guter Freunde und Bekannten begeht und in ihr ein Familienfest erster Ordnung sieht, das in der Regel ja nur einmal im Leben vorkommen soll.