Federköste im neumärkischen Dorf
Neumärkische Zeitung 14. Februar 1929
Erweckt dieses trauliche Wort nicht noch heute in der Brust derer, die aus neumärkischem Bauerngeschlecht stammen, viel frohe Erinnerungen aus der seligen Jugendzeit? Wenn die Mutter schon tagelang vorher in dem alten Backofen dort hinten im Garten unzählige braune, süß duftende Blech- und Napfkuchen buck, um die Helferinnen beim Federreißen nach getaner Arbeit gastfrei zu bewirten! Wir Kinder sahen damals jeder „Federköste“ mit denselben Erwartungen entgegen, die wir nur ganz großen Festen entgegenbrachten. Und wer zur Jetztzeit durch die vom eisigen Ostwind durchzogenen, stillen Dorfstraße des Abends wandert, hört wieder aus den Bauernhöfen frohes Lachen und lustiges Erzählen. Dort drinnen sind viele fleißige Hände beim Federreißen beschäftigt. Dieser Brauch, der wahrscheinlich als Fortsetzung der ehemaligen flachsbrech- und Spinnstubenabende aufzufassen ist, wird wohl auch in unsern neumärkischen Dörfern sich von Geschlecht zu Geschlecht weiter erhalten. Das ganze Jahr lang hat die Hausfrau die Gänse- und Entenfedern sorgfältig aufbewahrt. Gibt es doch für die Aussteuer der Kinder Betten zu beschaffen, von denen jedes zwei „Stand“ mindestens erhält. Jeder Sachkundige kann daher ermessen wie viel Federn, Arbeit und Mühe es erfordern, um diese zukünftigen „Ruhestätten“ zu beschaffen. Pünktlich um 7 Uhr stellen sich abends die zur „Federköst“ gebetenen Frauen in der wohlig durchwärmten Wohnstube ein. Der große Eßtisch ist an beiden Enden ausgezogen und steht vor dem Familiensofa, auf dem die ältesten „Herrschaften“ Platz nehmen. In der Mitte des Tisches liegt ein Haufen ungerissener Federn. Jede der Frauen nimmt sich von dort eine Handvoll auf ihren Platz, und dann geht die Arbeit an. Fleißig regen sich all die vielen Hände. Doch „wenn gute reden sie begleiten, so geht die Arbeit munter fort“. Dieses Dichterwort findet seine vollste Berechtigung bei der Federköste. Ebenso unermüdlich wie die Finger, regen sich auch die Zungen. Und an Gesprächsstoff mangels ja nicht. Zunächst wird flüchtig die Politik gestreift; dann kommt man vom Wetter auf das Staatmachen einiger Familien und ist endlich glücklich beim lieben Nächsten angelangt. Doch muß man sich wundern, wie oft die aus der Runde gemachten Bemerkungen und gefällten Urteile den Nagel auf den Kopf treffen. Der als „Besprochene“ liegt derweil schon längst im warmen Bett. Als er gerade am Einschlafen ist klingen ihm auf einmal beide Ohren, als sei in jedem ein Glockenspiel. Entsetzt zieht er sich die Bettdecke über den Kopf und seufzt: „Auf welcher Federköste haben sie mich nur schon wieder vor! Der Hausherr hat sich gewöhnlich schon gleich beim Anfang des „Reißens“ möglichst unauffällig aus der Stube gemacht. Entweder hat er sein Bett aufgemacht, oder er ist zu einem Nachbarn oder zum Gasthof gegangen. Allmählich aber naht die Mitternacht, und das Pensum des Abends ist beendet. Schnell wird der Tisch gesäubert und mit einem weißen Tuch gedeckt. Tassen und Teller mit Bergen von Kuchen werden aufgetragen und endlich bringt die Hausfrau die gewaltige dickbäuchige Kaffeekanne, deren starkduftender Inhalt die durch Arbeiten und Erzählen erschöpften Lebensgeister der Frauen aufs Neue belebt. Wacker wird dem Dargebotenen zugesprochen. Darauf hüllt sich jede in die mitgebrachten Mäntel und Tücher, ein kurzer Abschied und bald liegt das alte Gehöft wieder stumm und dunkel an der verschneiten Dorfstraße.