[../adb/ihv_1892.html]
[../adb/impressum.html]
[../bilder/ihv.html]
[../stradfen/ihv.html]
[../geschichte/ihv.html]
[./ihv.html]
[Web Creator] [LMSOFT]
Landsberg a.Warthe
(Gorzów Wielkopolski)
Märkisches Badeleben
Neumärkische Zeitung   17. Mai 1930

Von Bibliotheksrat Dr. Hans Jessen

Nach einem berühmten Ausspruch soll der Verbrauch an Seife der beste Gradmesser der Kultur sein. Nun ist der Gebrauch der Seife allerdings erst spät nachweisbar, aber die Badelust ist älteren Datums. Schon Cäsar und Tacitus berichteten über die Gewandtheit der Germanen im Schwimmen. Unter den großen Kaisern des Mittelalters zeichneten sich besonders Karl der Große, Otto II. und Friedrich Rotbart durch ihre Schwimmkunst aus.
Die Seen und Flüsse genügten mit dem Fortschritt der Kultur nicht. Man errichtete Badestuben, die auch im Winter geöffnet waren. Ihr Besitzer, der Bader, wurde bald ein einflußreicher Mann, der nicht nur die Schönheitspflege, sondern auch die gesamte Heilkunst beherrschte. Allerdings haben die Bader lange Zeit um ihre rechtliche Anerkennung kämpfen müssen. Sie gehörten zunächst zu den „unehrlichen“ Leuten. Erst 1525 wurde ihr Gewerbe in Berlin und Köln zum Handwerk erklärt und die Art der Meisterprüfung geregelt.
Die Badestuben waren meist sehr einfach eingerichtet. Das zum Baden nötige Gefäß war zunächst kreisrund. Unsere Taufbecken in den Kirchen erinnern an die alte Form. Im Laufe der Zeiten wurde aus dem „Badefaß“ ein hölzerner Zuber, der bei Vornehmen schon Beine erhielt und sich so der heutigen üblichen Form annäherte. Außerdem gehörte dazu ein großes Becken, in dem das Wasser über offenem Feuer erwärmt wurde. Für Schwitzbäder verwandte mahn Kufen über die ein Zelt gespannt wurde.
So einfach die äußere Einrichtung war, umso größer der Luxus, der beim Baden getrieben wurde. Um die Geruchsnerven zu erfreuen, wurden Rosenblätter auf das Wasser gestreut. Die schöne Sitte Ludwigs des Frommen, nach jedem Bade seine abgelegten Kleider den Armen zu schenken war zwar abhanden gekommen. Aber daß zu jedem Bad ein neues Hemd und ein neuer Hut gehörten, wurde umso eifriger verfochten. So wurde es in der Mark üblich, daß die gesamte Hochzeitsgesellschaft zum Baden von der Braut eingeladen und mit den nötigen Hemden beschenkt wurde. Kurfürst Joachim verbot zwar diese für die jungen Eheleute kostspielige Sitte im Jahre 1551, aber er hatte damit wenig Erfolg. Der hohe Rat der Stadt Berlin bestimmte 1580, daß die Braut nur den Bräutigam, ihren Schwiegervater und die Schwägern zu Bade führen sollte. Da diese Hochzeitsbäder oft stundenlang dauerten, wurde zwischendurch den Badenden Speisen gereicht. Kurfürst Joachim Friedrich hat solche Schmausereien bei 3 Thalern Strafe 1604 verboten.
Vornehme Leute hatten natürlich zu Hause ihre eigene Badestube, die sie ihren Freunden und Verwandten gern überließen. Als diese Sitte überhand nahm, reichten die Bader eine große Beschwerdeschrift über die Hausbadereien ein. Kurfürst Joachim II. verbot darob 1564 die Badeeinrichtungen in Privathäusern.
In einem Punkte zeichneten sich die märkischen Badestuben von denen anderer Länder aus. Auf die Trennung der Geschlechter wurde großer Wert gelegt, und ein Berliner Badegast mußte wegen eines unziemlichen Scherzes sein Leben lassen, obwohl er der Sekretär eines Hochvermögenden Herrn war.
Im 18. Jahrhundert nahm die Badelust merklich ab. Die neue Lehre von der Übertragbarkeit von Krankheiten und Ansteckungen nahm so manchem Besucher der öffentlichen Badestuben die Lust an diesem Vergnügen, das man früher zu den sieben Erdenfreuden zählte. Die Braut schenkte zwar ihrem Ehegemahl zur Hochzeit noch ein Hemd, aber das Bad fiel fort. Die Badestuben gingen allmählich ein. Erst durch die Romantik, die die Naturfreudigkeit der Deutschen neu beseelte, setzte eine stärkere Begeisterung für das Baden ein. Immer mehr und mehr wurden häusliche Badeeinrichtungen Mode. Die Städte förderten durch Anlage von großen Anstalten den Schwimmsport. Heute steht die Mark mit ihren zahlreichen Seen wohl an der Spitze der deutschen Provinzen in Hinsicht auf die in ihr stattfindenden Bäder. Sie und nicht die Reichshauptstadt ist, wenn wir uns zu dem anfangs erwähnten Ausspruch bekennen, der Mittelpunkt der deutschen Kultur.