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Landsberg a.Warthe
(Gorzów Wielkopolski)
228 Jahre Schützengilde Woldenberg.
Weihe der neuen Schießstände.
Neumärkische Zeitung   17. September 1927

Am Sonntag und Montag feiert die Schützengilde ihr 228jähriges Bestehen. Zugleich werden die neuen Schießstände im Gehege eingeweiht. Kein schönerer Platz konnte für die Stände gefunden werden. Unmittelbar an der Stadt, liegen sie im herrlichen Walde, nicht weit von den Sport- Turn- und  Tennisplätzen. Zähe Arbeit hat es gekostet, endlich so weit zu kommen. Wer vor einigen Wochen sich das Gelände ansah, glaubte niemals, daß alles bis zum Jubelfeste fertig werde. Hier konnte man sehen, daß der eiserne Wille eine Macht ist. Bereits die ersten Aussteller sind eingetroffen und die Stadt hat für Volksbelustigung einen weiteren Platz zur Verfügung gestellt. Aber noch darüber hinaus zeigt die Stadt, daß sie gewillt ist, den Schützen etwas zu bieten; so stiftete sie einen Wanderorden und einen Ehrenpokal. Auch vom Ehrenausschuß und anderen Spendern sind eine Anzahl zum Teil sehr wertvolle Preise gestiftet worden. Diese sind im Schaufenster des Kommandeurs Kaufmann Gustav Prochnow, Richtstraße, und bei Kaufmann Georg Rubensohn in der oberen Richtstraße ausgestellt. Wenn der Wettergott nun ein Einsehen hat, wird das Jubelfest das werden, was es früher den Woldenbergern und der ganzen Umgebung gewesen ist, nämlich ein Volksfest im Sinne des Wortes. Einen schönen Eindruck macht der Neuerbaute Pavillon des Kommandeurs der Gilde, Kaufmann Gustav Prochnow, der infolge seiner Urwüchsigkeit weit über die Grenzen unserer Stadt als „Schützen- Onkel“ bekannt ist. Nachstehend ein kurzer Auszug aus der Geschichte der Schützengilde Woldenbergs. Über die Entstehung der Woldenberger Schützengilde ist Genaues nicht bekannt, da sich keinerlei Urkunden erhalten haben. Sicher fällt sie aber in die frühe Zeit unserer Stadt. Das so genannte Vogelschießen mit der Armbrust war weit verbreitet und ist sicher nicht nur als Sport gepflegt worden, sondern diente bei der damaligen öffentlichen  Unsicherheit dazu, die Bürger in der Handhabung jener Waffen besonders zu vervollkommnen, um Stadt und Eigentum zu schützen. Später, unter der Regierung Johann Georgs, traten an die Stelle der veralteten Armbrust das Feuerrohr und Blei. Es erfolgte auch (nach dem Geschichtsschreiber Paul van Nießen) eine Neuordnung, der neumärkischen Gilden. Das Interesse für das Büchsenschießen muß aber bei der Bürgerschaft ziemlich nachgelassen  haben, denn es bedurfte allerlei Mittel, um es wieder zu heben. Man merkt, daß auch der Regierung eine Ertüchtigung der Bürger im Waffenhandwerk angelegen war. Zwar ist auch hierüber bei uns nichts erhalten geblieben, doch nach dem Protokoll von 1599 ist bei einer ganzen Reihe von Städtern der Wunsch vorhanden, daß der Landesvater für erfolgreiches „Puchsenschießen“ eine Prämie aussetzte, um die Leute in Übung zu erhalten. Diese Prämie bestand in der Befreiung des Schützenkönigs vom Jahresschießen und der „Ziese“ für vier Gebräu Bier; die Gilde gab außerdem „eine Ehle lündisch Tuch dem, der dem Schirme am nächsten getroffen“; das Rathaus stellte eine Tonne Bier. In dem Rezeß von 1664 finden wir folgendes von der Schützengilde (nach van Nießen): „Daß diese bei der Stadt hier bevor gewesen sein soll, hat weder der Rat noch die Ältesten aus der Gemeinde „Ichtwas“ etwas zu sagen gewußt, derowegen sie miteinander überlegen mögen, ob es ihnen zuträglich sein werde, solche Gilden einzurichten und um deren Konfirmation bei der gnädigsten Herrschaft untertänigst Ansprechung zu tun.“ - Eine eigentliche Gilde hatte also nicht bestanden und wenn etwas Ähnliches vorhanden gewesen war, so hatte der dreißigjährige Krieg jegliche Erinnerung daran gelöscht. Aus dem Jahre 1699 finden wir wieder folgende Urkunde: „ Unser Gruß zuvor, lieber Getreuer; wir haben auf unterthänigstes Ansuchen der Schützengilde zu Woldenberg gnädig servieret, derselben jährlich zehn Thaler zum Königsgewinst, aus der dortigen Accisekasse reichen zu lassen, welches wir Dir hierdurch bekannt machen und dabei gnädigst anbefehlen wollen, bei besagter Buße die Verfertigung zu thun, daß der Schützengilde solche zehn Thaler jedesmal zu gehöriger Zeit gegen Quittung ausgezahlt worden sind. Gegeben zu Cöln, den 30. Juny 1699, Friedrich der Dritte, Churfürst.“
Nach van Nießen wurden im Anfange des achtzehnten Jahrhunderts sämtliche dienstfähigen Leute entrolliert und aus ihnen eine Miliz gebildet. Die Schützengilde wandelte sich dadurch in die Bürgerwehr um. 50 Gewehre, Fahnen, Trommeln und Degen wurden aus Cüstrin angewiesen, die Accisekasse zahlte jährlich eine Prämie von 28 Taler, und die Leute wurden, von der Werbung befreit, mußten aber städtischen Wachdienst tun. Sehr groß müssen die Leistungen im Schießen nicht gewesen sein, denn es galt als besonderes Glück, wenn überhaupt nur die Scheibe getroffen wurde, Friedrich Wilhelm I., dem dies Treiben spielertsch erschien und daher zuwider war, löste die Wehren wieder auf, aber die Liebe zum Soldatenspiel war einmal zu tief eingewurzelt, und so erfolgte im zweiten Schlesischen Kriege anläßlich eines Tartareneinfalles eine Erneuerung der Schützengilde, und seitdem hat sie ununterbrochen bestanden. Der Alte Fritz bewilligte Servisfreiheit, freie Mast für ein Schwein, die Nutzung des Wutziger faulen Sees (der seitdem Königs oder Schüttensee genannt wird) und aus der Stadtkasse ein jährliches Bargeschenk von 12 Talern. Diese Vorrechte wurden bis ins 19. Jahrhundert behauptet; zwar versuchte man im Jahre 1798 die 12 Taler der Gilde zu kürzen, was aber mißlang.
Im Jahre 1806 wurden die Satzungen erneuert; die Gilde zählte nur 28 Mitglieder, sechs davon konnten ihren Namen nicht schreiben (van Nießen). Seit der Erneuerung waren es 1807 nur noch 26 Mitglieder. In den nun folgenden Friedensjahren scheint sich das Leben innerhalb der Gilde ruhig und ohne besondere Aufregung abgespielt zu haben. Erst aus dem Anfang der vierziger Jahre berichten Protokolle wieder etwas. Es scheint damals der Brauch aufgekommen zu sein, den besten Schuß im Namen des Königs zu tun und dies der Regierung zu melden, wohl in Erwartung irgendeines Gnadenbeweises. Die Regierung wiederum scheint sich nicht darüber schlüssig gewesen zu sein, was sie in diesem Falle zu tun habe, denn in einer allerhöchsten Kabinettsorder vom Jahre 1841 wird jede Schützengesellschaft, die Anzeige darüber machte, daß der beste Schuß im Namen des Königs abgegeben sei, angewiesen, auch mitzuteilen, ob sie schon früher eine Königs- Gnaden- Erweisung erhalten habe, und worin solche bestanden. Es ist nicht zu erfahren, was die Gilde darauf antwortete. Aber im Jahre 1842 besagt eine gleiche Kabinettsorder, daß die Einsendung der Prämie künftig unterbleiben soll.
1843 bekam die Gilde neue Uniformen und neue Bewaffnung. Ganz ohne Kampf scheint es dabei nicht abgegangen zu sein, denn ein recht großer Teil stimmte dagegen, anläßlich der Aufnahme neuer Mitglieder, taten sich tiefe Zerwürfnisse auf, die so schwer waren, daß sie sogar zu einer Spaltung führte; die älteren Mitglieder unter dem Tischlermeister Holz sonderten sich von den jüngeren, die es mit dem Vorstande hielten, ab und bereiteten dadurch und durch andere Streitigkeiten, dem damaligen Bürgermeister Milserstädt viel Ärger. Besonders drastisch tritt dies anläßlich des Besuches Friedrich Wilhelms IV. hervor. Die jüngeren Schützen hatten schon vom Magistrat die Erlaubnis erhalten, sich am Hohen und Niedertor sowie am Markte in „Schlachtordnung“ aufzustellen, als die alten Mitglieder mit Holz darum nachsuchten, sich am Gehege aufstellen zu dürfen, da sie dort mit „völliger“ Musik einen Parademarsch vollführen wollten. Obwohl dies abgeschlagen wurde, beharrten sie in einem recht widerspenstigen Schreiben auf ihrem Vorhaben und gaben sich erst zufrieden, als der Bürgermeister mit strengen Gegenmaßnahmen drohte. Schließlich wurden die „alten“ Mitglieder aus der Gilde ausgeschlossen. - Es lag eine Erregung in der Luft, die auch das Wasserglas seinem Sturm erleben ließ. 1844 fand eine Verlegung des Schießstandes auf dem Platze am Woldenberger Fließ (jetzt alter Schützenplatz) statt. Vorher hatte man aber längst des Fließes in der kurzen Allee, nach dem Bahngleis zu, geschossen. Ältere Bürger können sich noch des Sternes entsinnen, der dort für den Königsschuß aufgestellt war. Die Anlegung des neuen Standes in der natürlichen Bucht am Kirchhofe wurde trotz Schießrichtung auf die Schlanower Straße unbedenklich gestattet, wenn nur gewisse Vorsichtsmaßregeln getroffen würden. Dazu verpflichtete man sich auch. 1845 ist den Schützen durch Allerhöchste Kabinettsorder untersagt worden, über dem Graben verstorbener Kameraden Ehrensalven abzugeben, auch wenn niemand dadurch gefährdet würde. - Bisher mag dies wohl üblich gewesen sein, und man wollte in Zukunft, wahrscheinlich allein ehemaligen Heeresangehörigen diese Ehre zukommen lasse. Jedenfalls ist der Grund der Order nicht ganz ersichtlich. 1845 wurde die Satzung wieder erneuert.
1849 kam General Wrangel durch unsere Stadt und nächtigte hier auch. Ihm wurde von der Gilde ein Zapfenstreich dargeboten 1880 erwarb sich die Gilde ein Schützenhäuschen (jetzt Witwe Kleemann). 18989 wird Kaisers Geburtstag zum ersten Mal durch gemeinsamen Kirchgang gefeiert. 1905 wurde das zweihundertjährige Bestehen der Gilde festlich begangen. In den folgenden Jahren verstärkte sich die Gilde mehr und mehr. Sie weist jetzt 65 Mitglieder auf, ohne die Jungschützenabteilung, die im Frühjahr 1927 neu eingerichtet wurde, und 24 Mann stark ist. Es seien hier die Kommandeure der Gilde genannt: Bürgermeister Milserstädt (um 1843), Hotelbesitzer Gabriel (1888), Tierarzt Borstorff (1869), Bürgermeister Menger (1870), Kaufmann Georg Borstorff, Müller Gericke, Schneidermeister Petznick, Rentier Benzlaff, Kaufmann Gustav Prochnow, der sie heute noch kommandiert. - Der gegenwärtige Führer der Jungschützen ist Ackerbürgersohn Willi Mobrenski. Ältester Schützenbruder und Ehrenmitglied ist augenblicklich Rentner Johann Raske, der im 79. Lebensjahre steht und schon 1921 seine 50jährige Mitgliedschaft feiern konnte. Schützenkönig war er1905, bester Schütze von Woldenberg 1913. Es folgen dann ebenfalls als Ehrenmitglieder Schützenbruder Bursche (76 Jahre alt), Schützenbruder Benzlaff (69 Jahre alt). Die Schützengilde besitzt mehrere Orden und Ehrenzeichen, die sich immer im Besitze des jeweiligen Schützenkönigs befinden. Die älteste Münze stammt aus dem Jahre 1772. Die Vorderseite weist ein Stadtrelief mit vielen Türmen auf, einen Fluß mit Schiffen und Brücke. Die Rückseite zeigt den preußischen Adler. Um den Rand laufen lateinische Sinnsprüche. Aus der Zeit von 1841 stammt ein Reichstaler mit dem Bilde Friedrich Wilhelms III. - Eine Huldigungsmünze trägt das Jahr 1816 und eine andere das Jahr 1840, das Jahr der Thronbesteigung Friedrich Wilhelms IV. Ein großer Stern aus Silber mit dem Bilde Friedrich Wilhelms III. ist aus dem Jahre 1815 überkommen.