Heinrich Zille in unserer Ostmark
Neumärkische Zeitung 23. August 1929
Daß der vor kurzem verstorbene Heinrich Zille auch eine Zeitlang in Frankfurt a.d. Oder gelebt hat, wird wenig bekannt sein. Sein Aufenthalt, der allerdings nicht ganz freiwillig war, dauerte zwei Jahre, er hat nämlich als Grenadier beim Leibregiment hier von 1880 bis 1882 seiner Dienstpflicht genügt. Zille als Soldat! Ein Bild, das man sich einigermaßen schwer vorstellen kann!
Uns liegen ein paar von Zille eigenhändig geschriebene Ansichtskarten vor, die er in den ersten Jahren des Weltkrieges an einen Stammtisch im Restaurant „Zum Elefanten“ in der Breiten Straße richtete. Auf der einen heißt es „War von 80- 82 in Frankfurt a.d.O., weiß aber nicht, wo der Elefant ist“. Der übrige Inhalt der Karte ist witzig und wohlgelaunt, es handelt sich meist um „Liebeszigarren“, die anscheinend an „Korle“, die von Zille geschaffene Soldatentype in „Bading in Frankreich“ usw., gesandt werden sollten. Und in dem Zille - Buch finden wir auf S. 389 die Wiedergabe einer zum ersten Male veröffentlichten Bleistiftzeichnung „R - raus - s!“, auf der ein Soldat beim Herannahen eines Offiziers die Wache herausruft; es ist offenbar der alte Kasernenhof der „Leiber“ an der Logenstraße dargestellt, denn im Hintergrund erhebt sich unverkennbar Turm und Dach der Marienkirche. Somit ist die Unterschrift des Bildes „Wachruf aus der Sonnenburger Zeit“ irrig. Ostwald erzählt in dem Kapitel „Heinrich Zille und die Soldaten“, daß Zille auch beim Kommiß seine Zeichenkunst pflegte und sich dadurch bei Vorgesetzten Ansehen und Achtung verschaffte. Manche Geländeskizze, die nach den größeren Übungen die Herren Leutnants dem Obersten vorlegten, stammte vom Grenadier Zille. Sonst ist von irgendwelchen Frankfurter Erinnerungen in diesem Buche nicht erwähnt. Aber Zille war als Soldat auch in Sonnenburg. Mehrmals war er mit einem Zug auf einige Wochen zur Wache in das Zuchthaus Sonnenburg kommandiert. „Schließlich wurde ich so eine Art Vertrauensmann für unseren Leutnant (v.L.). Der war ein ganz versoffenes Huhn und schickte mich vor allem immer nach Bier. Aber weil ich ein Wappen für ihn malte, ließ er stets zwei Glas Bier holen, so daß auch ich nicht Durst zu leiden brauchte. In der Sonnenburger Kirche hängen Wappen von den Familien, von denen ein Mitglied zum Johanniterorden gehörte. Da hatte denn mein Leutnant auch ein Wappen seiner Familie entdeckt. Und das mußte ich ihm abmalen. Das war mir natürlich lieber als die Bewachung der armen Deibels im Zuchthaus. Wenn ich nun in der Kirche arbeitete - an dem Wappen - bis zur Dämmerung, stand immer eine andere von den vielen Pastorstöchtern an der Kirchentür: „Papa läßt bitten zum Kaffee!“ Der Pastor rauchte seine lange Pfeife, die Töchter strickten oder machten die damals beliebte Spritzmalerei. Ich saß dazwischen, nicht als Kommiß, sondern ich gehörte dazu. So lernte ich auch die Seiten vom Leben kennen. Dann erzählte er, wie bei der Zuchthauswache die Unteroffiziere auf dicken Filzsohlen zur Kontrolle kamen. Wenn die Posten nicht gleich das Gewehr fällten und anriefen, wurden sie angegeben. Und er erzählt von dem Versuch eines Zuchthäuslers, ihn durch Anreden zu dem verbotenen Antwortgeben zu veranlassen; Zille ging nicht darauf ein, hat den Kerl aber auch nicht gemeldet, obwohl dieser ihm zubrabbelte: „Ick bin ooch aus Frankfurt - ick seh doch, daß du’n Leiber bist...“ das „Zille- Buch“ bietet übrigens für jeden Freund des verstorbenen Zeichners eine Fundgrube in Text und Bild. Über 200 Zeichnungen, die Meisten noch unveröffentlicht; aus dem „Milljöh“, aber auch Aktzeichnungen, Landschaftsstudien aus früherer Zeit. Kapitel aus Zilles Leben, und eine unendliche Fülle von Anekdoten, kleine Erlebnisse und Beobachtungen; die Berliner Kleinbürger- und Verbrecherwelt, wobei es natürlich nicht ohne Kraßheiten abgeht; im ganzen aber wird durch dies Buch bestätigt, daß Zilles Zeichenstift nicht streitzüchtig, parteilich oder bösartig ist, sondern daß das große Mitleid eines guten Menschen ihn von dieser Unter- und Hinterwelt erzählen läßt; und durch einen leisen Unterton von Humor versteht er die Erschütterung künstlerisch zu mildern. Gewiß ist in den letzten Wochen manches Überschwängliche und Übertriebene von Zille gesagt und geschrieben worden; aber lange ist es her, daß ein deutscher Zeichner so volkstümlich geworden ist, wir brauchen nicht gleich an Ludwig Richter zu denken, aber ein gewisser, wenn auch nicht immer appetitlicher Ausschnitt aus dem Volksleben hat in Zille seinen beherrschenden Darsteller gefunden. -ree-