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Landsberg a.Warthe
(Gorzów Wielkopolski)
Von Solitaire, dem Zecher
Neumärkische Zeitung  17. Dezember 1930

Otto Franz Gensichen, der den meisten Landsbergern ja nicht unbekannt ist, hat vor Jahren einmal für unseren Solitaire (Woldemar Nürnberger) eifrig die Werbetrommel geschlagen. So erschien im Jahre 1914 ein Artikel in der „Vossischen Zeitung“ von ihm, in dem Gensichen über den Dichter und Menschen Solitaire plaudert. Da von dem Menschen Solitaire nicht allzu viel erhalten ist, sollen die paar vorhandenen Brocken der Nachwelt überliefert werden. Wir entnehmen aus diesem Grunde den Aufsatz von Gensichen nachstehende Zeilen: „Mit Nahrungssorgen hatte Nürnberger ersichtlich nie zu kämpfen. Seine ärztliche Praxis erstreckte sich hauptsächlich, denen er, wie stadtbekannt war, sehr oft nicht nur kein Honorar abnahm, sondern aus eigener Tasche noch Beihilfe gewährte. In den besseren Familien wirkte er nicht als Arzt. War es Vorurteil gegen seine Sonderlingsart und seinen Ledienstand oder Mißtrauen gegen seine Vorliebe zur Flasche? Denn wie sein Vorbild Hoffmann (gemeint ist der Dichter) war auch Nürnberger ein seßhafter Zecher und untergrub vielleicht auch wie jener damals frühzeitig seine Gesundheit.
Von seinen Leistungen beim Trinkgelage will ich hier nur eine erzählen, die damals allgemeines Aufsehen erregte. Als trinkfester Zecher auf weite Meilen in der Runde galt der katholische Probst Pawelke zu Schwerin an der Warthe, ein riesenstarker Mann von scheinbar übermenschlicher Körperkraft. Ein gerechter, hilfsbereiter, einsichtiger Mann von großer Kanzelberedsamkeit, war er der erkorene Liebling seiner Gemeinde, seiner Diözese. Kleinere Zwistigkeiten oder Übertretungen pflegte er bei den niederen Ständen dadurch zu begleichen, daß er die Schuldigen auf sein Zimmer beschied, dort ein gründliches Verhör mit ihnen vornahm und ihnen anheimgab, ob er sie zur Bestrafung durch Geldbuße oder Gefängnis dem Gericht anzeigen oder ob er selbst den Rechtsspruch fällen  und die zuerkannte Strafe in einer genau  bestimmten Tracht Prügel selbst vollstrecken sollte. Fast immer bevorzugten die Schuldigen das patriarchalische Verfahren letzterer Art, und mancher Sündenbock unter der meist polnischen Herde lernte die gewaltigen Fäuste des Seelenhirten gründlich kennen.
Damals führte noch keine Eisenbahn von Schwerin nach Landsberg, und wenn Probst Pawelke die etwa 24 Kilometer herüber kam, so fuhr er in seinem eigenen Gespann. Sein Absteigequartier in Landsberg war stets der feudalste Hof „Zur Krone“, wo auch die Offiziere der Garnison viel verkehrten. Eines Tages saß Nürnberger in der „Krone“ alleine bei seiner Flasche, und fern von ihm, an einem anderen Tisch, drei Offiziere. Soeben rief einer der Offiziere: „Kellner, eine Flasche Champagner und drei Gläser!“, als Probst Pawelke eintrat und den Auftrag durch die Worte ergänzte: „Kellner, einen Humpen und drei Flaschen Champagner!“ Prompt erfüllte der Kellner beide Befehle und stellte vor Pawelke den großen Prunkhumpen, den die „Krone“ besaß. Pawelke goß alle drei Flaschen zugleich in den sie bequem fassenden Humpen und leerte ihn, zur Erquickung nach der langen Fahrt, noch früher, als die drei Offiziere ihre eine Flasche ausgetrunken hatten. Nürnberger kannte bisher den Probst nicht, beobachtete den Vorgang mit wachsendem Staunen und rief schließlich bewundernd: „Beneidenswerte Genußfähigkeit! Das kann nur der Probst Pawelke aus Schwerin sein!“ Auf Pawelkes Bejahung setzten beide Zecher sich zu einander und eröffneten ein Trinkgelage, wie es die „Krone“ vorher und später nie erlebte. Aber die „siegreiche Kirche“ triumphierte auch hier. Während bei grauendem Morgen Probst Pawelke aufrecht und sicher in sein Schlafzimmer ging, fand Nürnberger nur in bedenklichen Zickzacklinien und unter Führung des Hausknechts den Weg zu seinem „Stillleben“.