Rudolf Kögel
Neumärkische Zeitung 17. Februar 1929
Zu seinem 100. Geburtstag am 18. Februar.
Als der alte Kaiser Wilhelm im Jahre 1863 seinen Neuernannten Berliner Hofprediger fragte, wo er geboren sei, und als Antwort erhielt: „In Birnbaum, in der Provinz Posen“, antwortete er mit gutmütigem Spott: „Auch’ ne schöne Gegend!“. Aber Kögel ließ auf seine Heimat nichts kommen und erwiderte: „Majestät, der alte Minister von Stein hat dort sein Gut gehabt und der alte Blücher hat an ihn geschrieben, ob er ihm nicht auch ein Gut bei Birnbaum kaufen könnte.“
Der Mann, der der gefeierteste Prediger seiner Zeit war, hat das schlichte Haus in der Lindenstadt nie vergessen und wohl gewußt, daß in der Heimat die Wurzeln seiner Kraft lagen. So widmet er seine schlichten Gedichte nicht nur dem Vaterhaus und der Mutter, sondern auch dem alten Kantor, der ihm den ersten Religionsunterricht gab und ihm die Heiligkeit des Gotteshauses nahe brachte.
Am 18. Februar 1829 ist Rudolf Kögel als Sohn des zweiten Birnbaumer Geistlichen, der in der Landgemeinde Lindenstadt wohnte, geboren. Am Tage nach seiner Geburt erschien Frau von Rappart aus Pinne, die gemeinsam mit ihrem Mann für das religiöse Leben der ganzen Gegend viel bedeutet hat, im Pfarrhause und segnete den Neugeborenen. Zwar wurde er als Gymnasiast in den franckeschen Stiftungen in Halle erzogen, aber seine Kanzelpredigt hielt er doch wieder in der Heimat auf einem der bekannten Pinner Missionsfeste. Für sein erstes Pfarramt wurden ihm zwei Vorschläge gemacht. Entweder sollte er als Hilfsprediger des Gesandtschaftsgeistlichen nach Rom, oder er sollte als Pfarrverweser die religiös und häuslich arg verwahrloste Gemeinde in Rakel übernehmen. Es hat dem jungen Pfarrer gewiß keinen leichten Kampf gekostet, aber er entschloß sich doch für die Pflicht in der Heimat, für Rakel. Kögel fühlte sich durchaus nicht in Spott und Schande oder in der Verbannung. Er hatte ein reiches Arbeitsfeld in der Gemeinde, in der besonders Trunksucht und Spiel herrschten. Kögels Säemannsarbeit in seinen erschütternden Bußpredigten und vertiefenden Bibel- und Missionsstunden ist es mit zu verdanken, daß wenige Jahrzehnte später Rakel der Ausgangspunkt für eine reiche und gesegnete Erweckungsbewegung werden konnte.
Nur drei Jahre hat er allerdings in Rakel wirken können, dann wurde er nach den Haag als Prediger der Neueingerichteten deutschen Gemeinde berufen. Auch dort blieb er nur sechs Jahre. Seine große Predigtaufgabe verschaffte ihm bald den Ruf als Hof- und Domprediger nach Berlin. 1873 wurde er zum Schloßpfarrer ernannt, 1879 Generalsuperintendant der Kurmark, 1890 Oberhofprediger, 1884 Mitglied des Staatsrates. Der kaiserlichen Familie stand er als Seelsorger sehr nahe und war auch am Sterbebett des greisen Kaisers zugegen. Aber dieser glänzenden Laufbahn folgte ein dunkler und qualvoller Lebensabend. Den 62jährigen befiel eine fortschreitende Lähmung, die ihn in den letzten Jahren ganz an den Stuhl fesselte. In dieser langen Leidenszeit hat sich sein Christentum erst so recht bewährt. Seine Frau, die Pflegerin in seiner Hilflosigkeit, schreibt darüber: „Sein beredter Mund verstummte und doch hielt er eine Predigt, die größer, eindrucksvoller war, als die glänzendste Rede im Dom.“
Am 2. Juli 1896 wurde er von seinem Leiden erlöst. Kögels Predigttätigkeiten am Berliner Dom sind noch ebenso unvergeßlich wie seine zahlreichen Gedichte, von denen einige auch vertont worden sind. So dichtete er am Grabe seiner Mutter das kleine Lied: „Zionstille soll sich breiten um meine sorgen, meine Bein.“ Mit seiner Mutter ist er stets besonders innig verbunden gewesen. Ihre letzte Mahnung an ihm war: Rudolf soll nicht hochmütig werden. Und dieses Wort konnte der gefeierte Prediger und Freund des Kaisers wohl gebrauchen. Den letzten Vers seines Heimatliedes hat die rumänische Königin Carmen - Sylva auf den Friedhof der Heimatlosen, auf der Insel Sylt setzen lassen:
„Wir sind ein Volk vom Strom der Zeit,
Gespült ans Erdeneiland,
Voll Unfall und voll Herzensleid,
Bis heim uns holt der Heiland.
Das Vaterhaus ist immer nah,
Wie wechselnd auch die Lose,
Es ist das Kreuz von Colgatha,
Heimat für Heimatlose.“
Unsere Provinz Brandenburg wird Dr. Kögel, einst auch Generalsuperintendent der Kurmark, nicht vergessen.