[../adb/ihv_1892.html]
[../adb/impressum.html]
[../bilder/ihv.html]
[../stradfen/ihv.html]
[../geschichte/ihv.html]
[./ihv.html]
[Web Creator] [LMSOFT]
Landsberg a.Warthe
(Gorzów Wielkopolski)
Brenckenhoffs Werk
Der Kolonisator der Neumark
Neumärkische Zeitung    8. September 1927

Dem „Reichslandbund“, dem Organ des Reichslandbundes (Berlin SW 11, Dessauerstraße 26), entnehmen wir folgenden von Dr. Boetticher verfaßten Aufsatz:

Einer der bedeutendsten und erfolgreichsten Gehilfen Friedrich des Großen bei seiner Kolonisations- und Landeskulturwerk war Franz Balthasar Schönberg von Brenckenhoff. Er stammt aus dem Anhaltischen und hat seine Lehrzeit in wirtschaftlichen Fertigkeiten beim Fürsten Leopold von Dessau, dem alten Dessauer, durchgemacht. Er erwarb sich die ersten Erfahrungen in der Bruchmelioration, als ihm sein Fürst, der Nachfolger Leopolds, die Oberaufsicht über die Kultivierung der Elbniederung anvertraute. In dieser Zeit hat Brenckenhoff den Grund zu seinem großen Vermögen durch Pachtung anhaltinischer Domänen gelegt, wozu ihm der Landesherr selbst die Mittel vorschoß. Im Siebenjährigen Kriege wußte er die Konjunktur des Krieges für sich auszunutzen, indem er durch Getreide- und Pferdelieferungen für Preußen große Gewinne einstrich. Als im Herbst 1760 vor der Schlacht von Torgau die Österreicher vor dem heranrückenden Preußenkönig fluchtartig abzogen, wußte Brenckenhoff die österreichischen Heeresvorräte, einschließlich der besonderen großen Brotvorräte, den Preußen in die Hände zu spielen. Dadurch zog er die Aufmerksamkeit Friedrichs d. Großen auf sich, der ihn alsbald in seinen Dienst nahm. Besonders sollte ihm Brenckenhoff bei der Bekämpfung des Notstandes in den durch den Krieg und die russischen Verwüstungen am meisten heimgesuchten Gebieten von Hinterpommern und der Neumark behilflich sein. Die Tätigkeit Brenckenhoffs, der vom Könige mit umfassenden persönlichen Vollmachten ausgestattet war, gliederte sich in drei Teile: erstens Heilung der Kriegsschäden, zweitens die Hebung und Erweiterung der Bodenwirtschaft, zum Teil auch des Handels und des Gewebefleißes, und drittens die Neubesiedlung. Damit erhielt Brenckenhoffs Leben die entscheidende Wendung. Der König ließ ihm großherzig eine außerordentliche Selbständigkeit in seinem Wirkungskreise. Brenckenhoff erfaßte seine Aufgabe mit Feuergeiste seiner Natur. Er hat nicht nur Kriegsschäden geheilt, sondern darüber hinaus ein großartiges Meliorationswerk für Pommern und die Neumark aufgebaut. Neben seiner Tätigkeit zur Belebung der Bodenwirtschaft ging die Organisierung der Einwanderung, die Brenckenhoff im Sinne des Königswortes „Menschen erachte ich für den größten Reichtum“ betrieb. Um Kolonisten zu gewinnen, wurde damals eine ähnliche Tätigkeit entwickelt, wie bei dem Werben der Rekruten. Man lockte die Ansiedler durch vielerlei Vergünstigungen an, so durch Militärfreiheit für sie und ihre Söhne, durch Freiheit von Einquartierungen, durch Zollfreiheiten, Gewährung von Freijahren und freiem Bauholz. Brenckenhoff hat in Pommern in den Jahren 1763 bis 1779, wie H von Petersdorf in seiner Biographie über ihn angibt, 11285 Kolonisten angesiedelt. Im Netze- und Warthebruch legte er gegen hundert Bauernkolonien mit 11429 Seelen an. Die Ansetzung einer Kolonistenfamilie verursachte etwa 600 bis 1000 Taler Kosten. Diese Siedlungen hatten zur Folge, daß sie in späterer Zeit die Bildung einer viel größeren Zahl bäuerlicher Besitzungen ermöglichten. Ohne diese friederizienische Kolonisation wäre, wie Schmoller dargelegt hat, gegenwärtig eine ungleich größere Menge von Tagelöhner vorhanden, und der mittlere Bauernbesitz viel schwächer. Ein besonderes Gebiet der Tätigkeit erhielt Brenckenhoff, durch die erste Teilung Polens. Der König vertraute ihm die Verwaltung des Netzedistrikts an, ehe dort irgendwelche Behördenorganisation geschaffen war. Friedrich erkannte, daß das erfindungsreiche Organisationstalent gerade in einer Zeit des Überganges besonders geeignet war, die Dinge in Gang zu bringen. Das Hauptkulturwerk Brenckenhoffs war die Anlage des Bromberger Kanals, durch den die Brahe mit der Netze, d.h. die Weichsel mit der Oder verbunden wurde. Durch die Anlage des Kanals wurden auch viele Ländereien urbar gemacht. Bei seiner amtlichen kolonisatorischen Tätigkeit hatte Brenckenhoff auch Glück in seiner persönlichen Vermögenslage. Von dem großen Vermögen, das er aus Dessau mitbrachte, erwarb er in der Neumark die Güter Breitenwerder und Lichtenow. Das Gut Hohen- Carzig nahm er in Pacht und schlug hier seinen gewöhnlichen Wohnsitz auf. In Pommern erwarb er die Seemühler Güter, ferner die Güter Schwenz, Groß- Wunnaschin und Teile von Klein- Wunnaschin. Dazu kamen die ihm vom König am Weihnachtstage des Jahres 1776 geschenkten Kolonien Brenckenhoffsthal und Papsteinstal im Lauenburgischen. Diese ausgedehnten Besitzungen wurden landwirtschaftliche Musteranlagen, die außergewöhnliche Erträge brachten. Über Brenckenhoffs vielseitige und eindringliche Landeskulturarbeiten sind erstaunlich geringe Berichte und Überlieferungen vorhanden. Der Hauptgrund liegt wohl darin, daß Brenckenhoff, als ein vom Könige mit einer bedeutungsvollen Sonderaufgabe betrauter hoher Beamter, in der Regel an den König unmittelbar berichtete und ihm alljährlich bei den Besichtigungsreisen persönlich über die Fortschritte seiner Arbeit Vortrag hielt. So mag sich mancher schriftliche Bericht erübrigt haben. Umso beachtlicher ist die Veröffentlichung einer Denkschrift Brenckenhoffs an das Generaldirektorium vom Jahre 1776, worin er im Zusammenhange über seine Tätigkeit in Pommern von 1762 an berichtet. Es ist das Verdienst von Dr. Fritz Gurschmann, Professor der Geschichte an der Universität Greifswald, diese Denkschrift des berühmten Kolonisators erläutert und in einem Sonderheft der „Deutschen Siedlungsforschung“ (1927) veröffentlicht zu haben. Das Schriftstück mit seinen Beilagen gibt an Zahlen und Tatsachen viel Interessantes über die innere Koloniation und über die Meliorationen in Pommern. Darüber hinaus bezeichnet Curschmann die Denkschrift Brenckenhoffs als außerordentlich bezeichnend für die Sinnesart des Verfassers, „eines typischen Vertreters jener Art von Aufklärern, die in unruhevollem Eifer, Idealisten sicher im Sinne ihrer Zeit, nicht schnell genug diese schlechte Welt veredeln und verbessern konnten.“ Überhaupt mischen sich in der Persönlichkeit Brenckenhoffs, uns befremdlich, aber doch im Stile des 18. Jahrhunderts, höchst sonderbar die Eigenschaften des Charakters und der Begabung, bald erscheint er uns als phantastischer Glücksritter, bald als gewissenhafter Beamter und leidenschaftlicher Wirtschaftler; bald als spekulativer und erfolgreicher Kriegslieferant, der aber seine Gewinne wieder leichthin im Dienste des großen Kulturwerkes ausgibt, das ihm der große König aufgetragen hat. Der geniale Geldmann konnte sich an eine geregelte Kassenführung nicht gewöhnen und warf die verschiedenen Posten für seine privatwirtschaftlichen und für die amtlichen Unternehmungen vielfach durcheinander. Neben den glänzenden und nachwirkenden Erfolgen seiner Landeskulturarbeit verlor sich der unternehmungslustige und allzeit optimistische, oft auch phantastische Brenckenhoff in viele kostspielige und fehlgeschlagene Unternehmungen, so daß er wirtschaftlich zusammenbrach. So geschah das Tragische, daß das Dasein dieses so ungemein schöpferischen Wirtschaftgeistes, dem der große König seine ganze Huld und sein volles Vertrauen geschenkt hatte, schließlich mit einem schrillen Mißklang ausging. Brenckenhoff fühlte, daß er vor dem Bankrott stand, und zugleich auch, daß seine physischen Kräfte zur Neige gingen. Am 21. Mai 1780, wenige Stunden vor seinem Tode, diktierte er jenes erschütternde Schreiben an seinen König und Herrn, er habe im königlichen Dienste sich aufgerieben; durch seine Neuschöpfungen seien viele Menschen glücklich geworden. Auch aus eigenen Mitteln habe er dabei zugesetzt, jetzt aber vermöge er nicht mehr Rechnung abzulegen, die Kassen seien in Unordnung, es sei ein Fehlbetrag vorhanden.
Es war aber auch die Wahrheit, wenn er angab, bei seinen Unternehmungen zum Besten des Staates viel zugesetzt zu haben; W. Raude urteilt, daß Brenckenhoff mehr Geld zugesetzt habe, als sich der seinem Tode als fehlend herausstellte. Jedenfalls überstieg der Wert seiner Besitzungen reichlich den Fehlbetrag, der nach seinem Tode ermittelt wurde.
Friedrichs des Großen Zorn war schrecklich. In seinem Vertrauen zu den Menschen an sich karg, sah er sich von dem Manne, dem er so weitgehend vertraut hatte, bitter enttäuscht. Brenckenhoffs Güter wurden weit unter ihrem Wert versteigert, damit der Fehlbetrag gedeckt würde. Erst durch den Nachfolger des Königs wurden den Hinterbliebenen Brenckenhoffs erträgliche Verhältnisse zugebilligt. Wenn auch dem bedeutenden Gehilfen des Großen Königs bei dem großen Landeskulturwert die Verbindung amtlicher und geschäftlicher Tätigkeit zum Verhängnis wurde, so ist doch zu übersehen, daß die geniale kolonistische Tätigkeit Brenckenhoffs nicht den nachwirkenden Erfolg hätte haben können, wenn sie in engen Bürokratischen Schranken verlaufen wäre, wenn ihm nicht die freiere Bahn für die Entfaltung des großen Kaufmanns zu Hilfe gekommen.