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Landsberg a.Warthe
(Gorzów Wielkopolski)
Nach der Schlacht bei Zornsdorf
Neumärkische Zeitung   28. August 1931

Russische Heerhaufen kamen vom Memel westwärts gezogen. Schrecken und entsetzen waren der Horden Wegbegleitung, und Schutt und Asche die Spuren, die sie in der Neumark hinterließen. Die Brandfackel lohte aus Dörfern und kleinen Städten auf und unter der Gier und Zerstörungswut raublustiger Kosaken zitterten die wehrlosen ostmärkischen Bauern bis Küstrin hinauf, wo die Festung durch Bomben in Brand geschossen wurde. Bis an einem Augusttage des Jahres 1758 Friedrich des Großen Truppen in Eilmärschen von Schlesien anrückten und den Feind zwischen Warthe und Oder stellten. Am 25. August streiften des großen Friedrichs Blicke über das Quadratfeld bei Zorndorf, und gegen seine Schläfen hämmerten die Nerven. Russische Reiterei war fliehenden preußischen Bataillonen auf den Fersen. Da stiegen die Retter des Tages, Seydlitz, die Gardes du Corps und Regiment Gensdarms, wie aus dem Boden gestampft, aus der Tiefe des Zabergrundes auf und brachten die Entscheidung. Und wilde Tiere, wie Friedrich die Russen nannte, flüchteten ostwärts durch die Neumark und zerstörten noch einmal, was ihnen unter die Hände und Füße kam.
Langsam, gesenkten Hauptes, ritt Friedrich mit seinem Stab über die blutige Walstatt. Der Schmerz biß sich in sein Herz hinein, als er in Tamsel einrückte und Schuttwerk und Trümmerhaufen fand. Er löste sich aus seiner Umgebung und schritt nachdenklich durch den Park von Tamsel. Von seinem dreieckigen Montierungshut hingen einige losgerissene Kordons herunter, auf der blauen Montierung mit den roten Aufschlägen und auf dem Kragen lag eine dicke Staubschicht, und die schwarze Samthosen waren glatt und fahl.
An einer einsamen Stelle unter buschigem Grün, mit dem Ausblick nach der mattgelben Schloßfassade, blieb er gebeugten Rückens verweilend stehen und entblößte sein Haupt. Dann ließ er sich Tisch, Papier und Feder kommen und schrieb einen Brief:

   a Tamsel, ce 30. d’ Aou 1758.  
„Madame je suis venu ici... Ich habe mich nach der Schlacht vom 25. hierher begeben und eine volle Zerstörung an diesem Orte vorgefunden. Sie mögen versichert sein, daß ich alles Mögliche tun werde, um zu retten, was zu retten ist. Meine Armee hat sich genötigt gesehen, hier in Tamsel zu fouragieren, und wenn freilich die verdrießliche Lage, in der ich mich befinde, es ganz unmöglich macht, für all den Schaden aufzukommen, den die Feinde (vor mir) hier angerichtet haben, so will ich wenigstens nicht, daß es von mir heiße, ich hätte zum Ruin von Personen beigetragen, denen gegenüber ich die Pflicht, sie glücklich zu machen, in einem besonderen Grade empfinde. Ich halte es für möglich, daß es Ihnen selbst, Madame, eben jetzt am Notwendigsten gebricht, und diese Erwägung ist es, die mich bestimmt, auf der Stelle die Vergütung alles dessen anzuordnen, was unsere Fouragierungen Ihnen gekostet haben. Ich hoffe, daß sie diese Auszeichnung als ein Zeichen jener Wertschätzung entgegennehmen werden, in der ich verharre als Ihr wohlgewogener Freund.        Friedrich.“


Ein Bote des Königs überbrachte am selben Tage an Frau von Wreech, die sich nach der Flucht aus dem Schloß von Tamsel auf einem der benachbarten Güter befand.
Der König befahl, daß man ihn eine Stunde allein lasse. Er setzte sich auf eine Steinbank und blickte sinnend in die Weite. Und rund um ihn versank die grausige Gegenwart, und die Vergangenheit stieg auf und mit ihr ein Reigen leuchtender Erinnerungen an eine Zeit, in der er als Prinz, kaum neunzehnjährig, auch an dieser gleichen Stelle oft gesessen hatte. Hinter ihm lag die schwere Zeit der Verbannung auf der Festung Küstrin, vor ihm das harte Leben, dessen Ernst bei angestrengter Arbeit auf der Kriegs- und Domänenkammer nach des Königs Willen seinen Anfang nahm. Die Arbeit und Muße aber ließen auch die Arrestzeit wieder verblassen, und der junge Fritz wurde heiter und froh, als er auch in die Küstriner Umgebung streifen konnte, und in Tamsel als Prinz von Preußen in seinem Dulderjahre erwünschte „Aufheiterung in ländlicher Stille“ fand. Hier widerfuhr dem Prinzen ein großes Erlebnis. Die Liebe zu der schönen Schloßherrin von Tamsel senkte sich in sein Herz, und die Muse küßte lächelnd seine Stirn. Tamsel wurde dem Prinzen, dessen bisherige Jugend hinter Mauern eingezwängt worden war, die Insel der Kalypso. Die Reize der Schloßfrau schlugen sein Herz in feste Bande und zogen ihn immer wieder nach Tamsel. Die schöne Frau von Tamsel aber war hier seit sieben Jahren schon Gemahlin des Obersten Wreech und hatte ihm fünf Kinder geboren. Verrückend in der Schönheit und liebenswürdig in ihrem Wesen, war sie mit 23 Jahren reifer als der Prinz, dessen Liebesleidenschaft sie als Huldigung entgegennahm. Beneidet und verleumdet von etlichen Damen der Küstriner Gesellschaft, duldete sie des Prinzen Nähe, der sie als Kusine anreden durfte. In dem Prinzen regte sich der Poet; in Oden, Stanzen, Hymnen und Sonetten schüttete er seine innersten Gedanken und Gefühle aus und ließ sie nach Tamsel flattern.
„Denn Göttin- gleich, wortraubend standst du da“. Sie antwortet mit überlegenem Verständnis in Briefen und auch in Sonetten. „Welch Wunder trug sich zu? Was ist’s, das sich begab? Es steigt ein Königssohn ein Prinz, zu mir herab, besingt in Liedern mich... Du gabst mehr Ehre mir, als je mein Herz erfuhr, Und all mein Sein ist Dank und stille Huld’gung nur.“
Frau von Wreech war es auch, die zuerst den Namen „le grand Friederic“ dem jungen Fritz und nachmaligen Schlachtenlenker gab.
Die Tage von Tamsel, die Zeit der ersten und wohl auch der einzigen Liebe des Prinzen haben ihn heiter gemacht. In Verehrung und Liebe war ihm die junge Schloßherrin eine Freundin, die seinen Geist und seine Seele in tönenden Schwingungen versetzte. Eins wußte vom andern, daß es nicht Sinn noch Zweck hat, trügerischen Hoffnungen zu leben. Sie aber fanden sich immer wieder, um in geistiger Verwandtschaft hier Ruhe, Glück und Zufriedenheit und da Huldigung zu empfangen. Hart griff die Stunde in des Prinzen Dasein, als er nach Berlin zurückkehren mußte, um einer Prinzessin die Hand zum Bunde zu reichen. Am 23. Februar schrieb er noch mal einen Brief in französischer Sprache, den Abschiedsbrief, an seine Freundin in Tamsel: „Alles, was von Ihnen kommt, entzückt mich durch Geist und Grazie. Doch genug - ich brech ab, seh ich Sie im Geiste doch erröten. Ihre Bescheidenheit aber jedes weitere verlegen werden zu ersparen, und zugleich von dem Wunsche geleitet, Ihnen einen neuen Beweis meines blinden Gehorsams zu geben, schicke ich Ihnen, was Sie von mir gefordert haben.“
Und er nahm ein kleines Porträt und fügte es dem Briefe bei, und ein Abschiedssonett in dessen Endversen er mit dem Liede Zwiesprache hält:

„Doch halt, o Lied, verrate nicht zu viel,
Verberge lieber hinter heitrem Spiel,
Den Schmerz des Abschieds und des Herzens Wunder;
Verberge Deiner Wünsche liebstes Ziel,
Verschweige, daß nur eine Dir gefiel,
Um die Du sterben möchtest jede Stunde.“
Des Prinzen Liebestraum war ausgeträumt...

Erst nach 26 Jahren betrat der große König wieder den Park, als Mord und Kriegsgeschrei das Land erfüllten, als die Bewohner geflohen, das Schloß geplündert war und im Park der Lehrer lag, von den Russen erschlagen. Friedrich der Große glaubte mit bescheidenen Mitteln geschlagene Wunden heilen und im Kleinen mit dem Wiederaufbau beginnen zu müssen. Er hatte den Willen, und der machte stark.