[../adb/ihv_1892.html]
[../adb/impressum.html]
[../bilder/ihv.html]
[../stradfen/ihv.html]
[../geschichte/ihv.html]
[./ihv.html]
[Web Creator] [LMSOFT]
Landsberg a.Warthe
(Gorzów Wielkopolski)
Was die alte Dorflinde in Vorbruch erzählen kann
Neumärkische Zeitung    2. Oktober 1927

Neulich war der Pfleger für Naturschutz unseres Kreises, Herr Lehrer Schröter aus Hohenkarzig, in unserem Ort, um die Dorflinde auf dem alten Kirchplatz zu besichtigen. Nach einer Bekanntmachung im „Amtlichen Kreisblatt“ ist, wie wir neulich auch mitteilten konnten, der Baum jetzt unter Naturschutz gestellt. Die Linde ist ein sehr schön entwickeltes Exemplar, dessen Alter auf zirka 300 Jahre geschätzt wird. Der Stammumfang des Baumes beträgt 6 Meter. Mit seinem weithinausragenden Geäst beschattet er fast den ganzen Friedhof. Auf Freud und Leid hat der Baum 300 Jahre herabgesehen. Während Menschengeschlecht um Menschengeschlecht heranwuchs und wieder verschwand, hat er aus ihrer Asche die Kraft genommen, sich immer stolzer und höher emporzustrecken. Wenn die Linde reden könnte, wie viel hätte sie uns zu erzählen; ist sie doch Zeuge der ganzen Geschichte unseres Dorfes gewesen. Sie muß gleich nach der Gründung des Dorfes, im Jahre 1606, gepflanzt worden sein. Sie sollte wohl ein Schmuck des neuangelegten Friedhofes werden. Bevor sie festgewurzelt war, hat sie schon viel Kummer und Herzeleid mit ansehen müssen. Wurde doch das Dorf gleich in den ersten Jahren seines Bestehens von den wilden Völkern des Dreißigjährigen Krieges heimgesucht. Unwillig wird der junge Baum seine Wipfel geschüttelt haben, als er sehen mußte, wie die Kaiserlichen und Schweden abwechselnd sengend und mordend durch das Dorf zogen und die mit so vieler Mühe errichteten Häuser in Flammen aufgingen. Als 1633 der Kommandant von Driesen den Befehl zum durchstechen der Holländerbäume gab, spülten die Wogen der Netze um die Wurzeln der Linde, sie in ihrem Wachstum bedrohend. Auf nur zehn halbverfallene Hütten konnte der Baum herabblicken, als das dreißigjährige Morden ein Ende nahm. Mit Bewunderung wird er die halbverhungerten Menschen betrachtet haben, die ganz verwildert aus den Sumpfdickichten hervor kamen, um wieder ihre Felder zu bestellen. Tief haben sich die Narben des Grauens in die Rinde des Baumes gegraben. Doch auf Kummer folgt auch Freude, das ist Erdenschicksal. so kann uns die Linde für die folgende Zeit frohe Nachrichten zuflüstern. Wie ein Loblied wird ihr Rauschen klingen; wie ein Loblied auf den Herrscher, der das Dorf in seiner Entwicklung so zu fördern wußte, daß in wenigen Jahren aus einer wüsten Trümmerstätte ein blühender Ort wurde. Hat der Baum doch gesehen, wie die Männer des Dorfes nach dem großen Kriege mit besorgten Mienen Rat hielten, wie sie sich gegen die Übergriffe des Amtmannes in Driesen wehren sollten, der sie zu Frohnarbeitern herrabdrücken wollte, da ihre Privilegiums- Urkunden während des Krieges verloren gegangen waren. War er doch dann auch Zeuge gewesen, wie die Bewohner aufjubelten, als auf ihrer Beschwerde der Große Kurfürst alle ihre Rechte dazu verliehen hatte, wie der Fürst ihnen jahrelang die Abgaben erließ, als der Damm bei einer Überschwemmung gebrochen war, wie er ihnen Land schenkte und Bauholz zum Kirchenbau. Nun bekam der Baum getreue Nachbarschaft, wurde doch 1683 unmittelbar zu seinen Füßen die erste Kirche erbaut. zwar war es nur ein kleines Fachwerkkirchlein, das der 75jährige Baum noch überragte, ohne Turm und Glocken; doch freute sich der Baum mit den Bewohnern des Dorfes, als der erste Pfarrer Joachim Baticke das Gotteshaus weihte. Nun begannen Jahre fleißiger, stiller, aufbauender Arbeit für Dorf und Linde. Manches Paar sah die Linde an ihrem Stamm vorbei frohbeglückt zum Altar schreiten. Über jeden Täufling breitete sie segnend die Äste, bevor er vom Pfarrer den Segen Gottes empfing. Sie rauschte ihre Glückwünsche über die Kinder bei der Konfirmation und sah voll Teilnahme in die frohen oder ernsten Gesichter der Kirchgänger. Traurig bewegte sie den Wipfel, wenn der Sarg mit müden Erdenpilger an ihren Wurzeln eingesenkt wurde, wenn auch seine Asche dem Baum neue Lebenskraft verlieh. Von einem frohen Tag hat der Baum noch zu berichten: Es ist der 7. Mai 1734; der Tag, an dem der Schulze Michel Kahl die Gemeinde unter der Linde versammelte, um ihr den am Tag vorher in Cüstrin unterzeichneten neuen Erbzinskontrakt vorzulesen. Mit frohem Rauschen fiel die Linde damals in den Jubel ein, als der Schulze verkündete, daß sie alle in Zukunft als freie Bauern auf eigener Scholle stehen würden. Dumpf hören wir es aber jetzt wieder in den Wipfeln rauschen. Trauerkunde hat der Baum zu melden von den Gräueln der Russen im Siebenjährigen Kriege. Mußte er doch mit ansehen, wie siebzigjährige Männer von diesen Unmenschen mit Spießen totgestochen und auf den Mist geworfen wurden, wie eine Wöchnerin an den Haaren vor die Tür geschleift wurde, daß sie starb, wie Raub, Mord und Brandstiftung fast täglich das Dorf in Aufruhr brachte, bis die Bewohner ihre Häuser verließen und mit ihrem Vieh einen Unterschlupf in der wüsten Wasserwildnis an der Netze suchten. Mit ohnmächtigem Grimm sah die Linde im Jahre 1760 eine ganze russische Armee zu ihren Füßen lagern. In das Hosianna des Friedensgeläut stimmte der Baum begeistert mit ein. Großes hat der Baum nun zu berichten, sah er doch ein Stück Heimatgeschichte von großer Bedeutung sich zu seinen Füßen abspielen. Sah er doch von seiner fast 200jährigen Höhe, wie die Arbeiterbataillone Franz Balthasar Schöneberg von Brenkenhoffs heranrückten, um mit Wagen, Karre, Spaten und Picke eine Provinz im Frieden zu erobern. Stolz berichtet uns der Baum, daß Männer, wie Friedrich der Große und Brenckenhoff unter seinem Wipfel rasteten, nachdem sie von einer Inspektionsreise durch das trocken gewordene Bruch zurückkehrten. Von seiner Höhe sah der Baum neue Dörfer in der Umgebung wie Pilze aus der Erde schießen. Ein denkwürdiger Tag war es für ihn, als die Bewohner des Neugegründeten Dorfes Neukarbe in seinen Schattenkreis traten, um in dem kleinen Kirchlein Erbauung zu suchen. Fast doppelt so groß war jetzt die Zahl der Wanderer, die Sonntag für Sonntag in stummen Ernste dem Gotteshause zustrebten, das die Fülle der Besucher nicht fassen konnte. der Baum rauschte zufrieden, als bald darauf ein neues Gotteshaus erstand, größer und schöner als das erste, aber doch in seinem Schatten stehend, von ihm Stolz überragt. Wie horchte der Baum auf, wie unter seinem Stamm das in einem hölzernen Glockenstuhl hängende Glöcklein die Bewohner zum ersten Kirchgang rief und die neue Orgel in der Kirche in mächtigen Akkorden die Ehre Gottes verkündete. Wie Waffengetöse klingt es jetzt aus dem Blätterrauschen, wie der Baum von seinem 200jährigen Geburtstag erzählt (1806). sah er doch, wie ein Heer voll Siegeszuversicht auszog und einige Wochen später in zügelloser Auflösung die nahe Driesener Straße zurückwogte, wie ein Königspaar in maßloser Trauer in einer Kutsche an ihm vorbeijagte und bald darauf andere Soldaten, die in fremder Sprache redeten, sich unter seinem Wipfel versammelten, um von dort aus sich in die Häuser zu zerstreuen. Herden von Vieh wurden trotz des Protestes der Bauern unter der Linde zusammengetrieben und dort geschlachtet. Widerwillig und voll Abscheu trankt der Baum das Blut und duldete ergeben, daß ihm die Bewohner noch jahrzehntelang den Namen „Blutlinde“ gaben. Drohend schüttelte die Linde die Zweige, als sie den Urheber all des Unheils, den finsteren Korsen, in einer Kutsche vorbeijagen sah. Wie horchte der Baum auf, wie nach einigen Jahren wieder französische Scharen sich in seinem Schatten zu Gaste luden, das letzte Schwein aus dem Stalle holten und wie dieselben Soldaten nach einigen Monaten halbverhungert und erfroren zurückkehrten. Selbst in seinem Winterschlaf hörte er den Lärm der zum Kampfe ausziehenden Bauern. Im Sommer, zu neuem Leben erwacht, hörte er freudig die Siegesnachrichten, die der neue Schulmeister der Gemeinde unter seinem Wipfel verkündete. Von dem großen Friedensfest kann uns der Baum erzählen und dann von langen Jahren des Friedens.  Eine neue Zeit begann. An den neu erstehenden stattlichen Bauernhäusern sah die Linde, daß sich der Wohlstand des Dorfes hob. Traurig war sie, als das Kirchlein zu Ihren Füßen abgerissen wurde und 100 Meter weiter westlich eine neue Kirche erstand, die mit ihrem 40 Meter hohen Turm sie überragte. Wie erschrak sie, als eines Tages das Dampfroß vorbeijagte und sie bis in die tiefsten Wurzeln erbeben  ließ, doch sah sie bald, daß dieses Ungetüm ein Segen für die Bewohner war. Noch ein paar Mal sah sie die jungen Männer zum Kampf ausziehen, doch niemals hat sie den Feind gesehen. Viel Kummer und Freude hat sie auch weiterhin beschattet und steht noch heute stark und groß.    R. März.