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Landsberg a.Warthe
(Gorzów Wielkopolski)
Tamsel.
Neumärkische Zeitung   15. Mai 1926

Ein malerischer Flecken bei Küstrin.

Der Herr, der im Zuge mir gegenüber sitzt, jenem Zuge, der nach Küstrin mich führen soll, liest halblaut seiner Begleiterin diese Zeilen vor: „Grüß Gott dich. Heimat ! Nach langem Säumen in deinem Schatten wieder zu träumen- erfüllt in dieser Maienluft- eine tiefe Sehnsucht mir die Brust!“ Nicht allzu viele jedoch treibt es an diesem schönen Vorsommertage in die Mark; nur spärlich sind die Abteile besetzt. Die Berliner bevorzugen die Partien, die über den Westen hinausführen: manche scheuen den Weg bis zum Bahnhof. Küstrin ist erreicht, eine wundervolle Wegstunde, die nordöstlich von der Stadt führt, läßt Tamsel, das Ziel des Tages, finden. Wer das Oderbruch, zwischen Falkenberg und Freienwalde kennt, wird hier zum Vergleich angeregt; wie dort bewaldete Berge, hügelig oder steil ansteigend, grüne Schluchten. zu Füßen üppiger Wiesengrund und Wasser. Ab und zu Ortschaften eingebettet. Gesegneter, fetter Boden, auch das Warthebruch ! Feldarbeiter, die Gerätschaften über der Schulter, Kiepen tragende Frauen, bewegen sich auf dem Acker; die Sonne steigt höher. Tamsel taucht auf. Waldhügel umschließen es von Norden; nach Süden hin liegt die Landschaft offen. Silbern leuchten die Flußarme der alten Warthe, aus dem saftigen Grün der Wiesen. Wie mögen die Linden, die den Wegrand säumen, hier in einigen Wochen duften! Wie die kleinen Walderdbeeren, die jetzt in den Knospen stehen, leuchten! Der Laubwald ist köstlich; Ahorn und breitästige Rüstern stehen im Frühlingsschmuck; die rote Blutbuche dunkelt dazwischen. Das tiefe Grün der Tannen, die feinfiedrigen Birken passen sich stimmungsvoll dem Gesamtbilde ein; ein leiser Harzgeruch schwebt in der Luft. Ich stehe vor dem „Außen-Park“. Ein kleiner, griechischer Tempel, aus der Rokokozeit, grüßt von dem hellen Platze oben, von einem Halbkreis  von Blattpflanzen umgürtet. In einem der großen Holzkübel nistet ein Vogelpärchen, und aus allen Zweigen zwitschert der Jubel dem Sommer entgegen. Gewundene Pfade leiten zu einem Aussichtspunkt: Chronos, Gott der Zeit, hält hier Wacht. Tief hinein in das Land saugt sich der Blick. Am Horizont Sonnenburg, die alte Johanniterstadt, der Sitz eines Ordens. Niedersteigend durchbricht eine Schlucht die Hügelwand. Die Straße unten weist nach dem historischen Zorndorf. Ein Obelisk erinnert an den Sieg des Prinzen Heinrich 1758. Die Inschrift ist in französischer Sprache eingemeißelt. Das Dorf zieht sich eigenartig hin, „Wie ein Quersack“, sagt Fontane, „oben und unten breit; in der Mitte schmal und eng.“ Denn das Schloß schneidet mit dem großen Park das Dorf in zwei Teile. Aber ungehindert durchqueren ihn Bewohner und Wanderer, denn Schloß und Dorf halten gute Gemeinschaft. Aber nicht nur Naturschönheiten birgt Tamsel; es ist historischer Boden, der von Preußens schönster Vergangenheit zu künden weiß. Einige Jugendjahre des Alten Fritz gingen hier in idyllischer Ungetrübtheit hin. Hier lebte die schöne Frau Wresch, in deren Gegenwart der junge, heißblütige Prinz, die Schwere der Küstriner Verbannung vergaß. Er zählte damals neunzehn Jahre, die fröhliche Frau  vierundzwanzig Jahre. fast ein halbes Jahr jubeln ihr Verse und Briefe Friedrichs zu. Oben im Schlosse zeigen Ölgemälde ihre Schönheit; und unten in der Unterirdischen Gruft, steht zwischen Prachtsärgen auch der ihre. Gedenktafeln und Statuen zieren den Innenpark. Am Ende des Dorfes steht ein alter, gotischer Bau, ein Werk Schinkels, die Kirche Malerisch fügt sich das Bild dem einfachen schmucklosen Schloß an, das eine wertvolle Bildersammlung birgt. Über all dem Sehen ist es Abend geworden; das Auge ist von Schönheit erfüllt; die müden Füße suchen die Kleinbahn, die uns bald nach Küstrin zurückbringt. Ein herrliches Stückchen Natur in der Mark, und fast ein verkanntes.