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Landsberg a.Warthe
(Gorzów Wielkopolski)
Zur blühenden Heide ins Sternberger Land.
Säpzig und die Kannenberg. (Cüstrin)
Neumärkische Zeitung 9. September 1927

Die Heide Blüht! Da hält’s uns nicht länger mehr in den kahlen Räumen des Schulgebäudes. Wandertag! So tönt’s bald freudestrahlend von Mund zu Mund. Und unser Ziel? Die Kannenberge bei Säpzig. Etwas abseits zwar von den Hauptverkehrsstraßen, daher auch ein wenig beschwerlicher zu erreichen, wenn man sich nicht dem langsam, aber sicher durch den Bruch führenden Zügle anvertrauen will. Aber das stört uns nicht. Gibt’s doch für 13- und 14jährige Jungen überhaupt keine Schwierigkeiten. Kein Weg zu  weit, kein Abhang zu steil, kein Graben zu breit, aber auch - kein Hosenboden zu standhaft. Und so geht’s denn in der Frühe eines Spätsommertages hinaus aus der „ Stadt der Brüder“. Klar blauer Himmel über uns, die nötige Wanderzehrung mit uns  und ferienfröhliche Stimmung in uns! Gen Südosten lenken wir zunächst unsere Schritte, in flottem Marschtempo hindurch durch die meilenweite Niederung: Trotz des hochsommerlichen Wetters dringt kein Sensenklang an unser Ohr, kein mit duftenden Heu beladener Wagen zieht heimwärts. Schlammassen und Hochwasser machen, abgesehen von den eingedeichten Gebieten, eine Ernte vorläufig noch unmöglich. Hart neben den Gleisen der Sonnenburger Bahn führt uns der Weg an Neu- Amerika, einer nicht etwa an amerikanischen Verhältnissen erinnernden Siedlung vorüber bis zur Haltestelle „Am Kanal“. Schon grüßen die Berge des Sternberger Höhenlandes zu uns herüber. Bald wird der Kanal überschritten, und durch echten Brandenburger Schnee nähern wir uns Säpzig. Im Schatten hoch sich türmender Heuhaufen wird vor dem Dorfe zum ersten Mal gerastet. Der zweistündige Marsch hat alle hungrig gemacht. Wie schmeckt da alles von Muttern eingepackte Frühstück, die Äpfel und Birnen als Nachtisch. Durch das im tiefsten Frieden liegende Dörfchen ziehen wir dem am Fuße der Kannenberge liegenden See entgegen. Über schwankenden Boden hinweg, an den von dichtem Schilf umrandeten Ufern entlang, haben wir bald unser Wanderziel erreicht. Und nun lustig hinauf auf die violett- lila leuchtende, über und über mit Heidekraut bestandene Höhe! Schnell wird der Rucksack abgehängt, und dann liegt alles lang gestreckt im Schatten einiger Kiefern. So schön haben sich’s die wenigsten hier vorgestellt. Tausende zarter Glöckchen läuten um uns; in einem Meer von Heidekraut versunken, von Faltern umschwirrt, von emsig suchenden Bienchen das Schlummerlied gesummt. Als wir nach kurzer Ruhe Umschau halten, welch prächtiges Landschaftsbild zeigt sich uns da. Unter uns die leicht gekräuselten Wellen des Säpziger Sees, von dessen kräftigem Blau sich der grüne - leider immer umfangreicher werdende - Schilffkranz und die leuchtenden roten Ziegeldächer scharf abheben. Von rechts her grüßt Sonnenburg mit seinem vierkantigem Turm, und im Nordwesten, jenseits des weiten Bruches, die Heimat Cüstrin, deutlich erkennbar die einzelnen Stadtteile mit ihren typischen Wahrzeichen; dort die Türme der Altstadt, hier die Friedenskirche der Neustadt und ganz im Osten die Gebäude der Pionierkaserne mit ihren in Sonnenglut getauchten Fenstern. Und über dem allem ein blauer, von keinem Wölkchen getrübten Augusthimmel. Fröhliches Spiel läßt die Zeit schnell verrinnen. Und als auch die reichhaltige Mittagsmahlzeit verzehrt ist, wird aufgebrochen. Diesmal wählen wir von Säpzig aus den Weg durch das Wiesengelände. Gleich hinterm Kanal, wo bei der glühenden Hitze noch einmal gerastet werden muß, lockt ein Feldweg zum Weiterwandern. Schon glauben wir ein gutes Stück des Rückweges dadurch abgeschnitten zu haben, da wird’s mit einem mal sumpfig; vor uns und an den Seiten sperren Gräben unseren Weg. Hohes Gras an den Ufern erschwert das Abspringen. Doch schon sind die Ersten drüben. Ganz ohne unfreiwilliges Bad geht’s freilich nicht ab. Wenn auch Schuh und Strümpfe - bei einigen sogar die Hosen - ein wenig mit lehmigem Bruchwasser getauft sind, die Stimmung wird dadurch nicht beeinträchtigt. „Ich bin ein lust’iger Wandersmann“, so klingt’s bald wieder aus den jugendlichen Kehlen. Als wir in Neu- Amerika wieder festen Boden unter den Füßen spüren, sind alle Spuren der tückischen Gräben längst verschwunden. Mit leerem Ränzel geht’s frischen Muts der Heimat zu.  -H-