Die „Alte Sorge“ der Landsberger Stadtväter
Neumärkische Zeitung 5. Juni 1935
Nicht unerheblich ist die Zahl der Ausflügler und Fremden, die alljährlich während der Sommermonate unser Dorf aufsuchen, um sich hier zu erholen und die eine gute und dankbare Erinnerung an Altensorge und seine nähere Umgebung bewahrt haben. Die Chronik weiß über Altensorge folgendes zu berichten:
Am 6. August 1319, kurz vor seinem Tode, schenkte Markgraf Waldemar der Große der Stadt „Neuen Landsberg" (Landsberg) das etwa 1 ½ Meilen südlich der Netze gelegene Dorf Glinik (damals wurde die Warthe bei Landsberg allgemein als Netze bezeichnet). Der Name Glinik ist slawischen Ursprungs (pomeranisch- slawische Bezeichnung für Lehmlager, Tonlager, Tongrube- Glinka). Ein Teil der südwestlichen Feldmark Dechsel wird auch heute noch im Volksmund mit „Gleining“ bezeichnet, was sich höchstwahrscheinlich an Glinik anlehnt. Glinik war in seiner südlichen Ausdehnung bewaldet und von einem See bewässert; der nördliche Teil war ein mit Buschwerk bestandener Sumpf, in dem Raubzeug aller Art hauste. Anbaufähig war nur ein kleiner Streifen. Unfruchtbarkeit und Knappheit des Bodens veranlaßten auch die ersten Bewohner, diesen Platz bald aufzugeben und einen besseren zu suchen. So wurde Glinik wüst und unbewohnt. Die Stadt Landsberg legte dann ein Vorwerk an. Die Bewirtschaftung erwies sich jedoch im Laufe der Zeit als äußerst unrentabel und machte den Stadtvätern allerhand Kopfzerbrechen, so daß man sich daran gewöhnte, in Bezug auf dieses Vorwerk nur noch von der „Alten Sorge“ zu sprechen, woraus der Name „Altensorge“ entstanden ist. Im Jahre 1763 gab die Stadt Landsberg die Bewirtschaftung des Vorwerkes ganz auf. Wald und See wurden aber weiter von der Stadt bewirtschaftet und verwaltet. Altensorge zählte damals 20 Kossäten, die alle Untertanen der Stadt Landsberg waren. Brenkenhoff, der sich um die Urbarmachung des Warthe- und Netzebruchs die größten Verdienste erworben hat, wandelte das Vorwerk in ein Koloniedorf um. Die Erträgnisse des Bodens waren mehr als mäßig, so daß die Leute nur recht dürftig ihr Dasein fristen konnten. Was den Kampf um das tägliche Brot ganz besonders erschwerte, waren die Folgen des Russeneinfalles, die auf dem Rückzug von der Schlacht bei Zornsdorf im Jahre 1758 mordend und brennend die Neumark durchzogen und auch Altensorge zum größten Teil niederbrannten und verwüsteten. Allmählich entstand aus Schutt und Asche ein neues Dorf, das den geschlossenen Dorfcharakter wahrte. Alle Dörfler waren Ackerbürger außer Schmied, Müller und Förster. Jeder besaß einen Ackerplan außerhalb des Dorfes von 40 Morgen (einer Hufe), eine Heidekavel und eine Wiese. Den geschlossenen Dorfcharakter wahrte Altensorge bis zum Jahre 1818. Bei zunehmender Bevölkerung machte sich ein Mangel an Existenzmöglichkeiten bemerkbar - Industrie und Handwerk lagen damals noch sehr im Argen - und so mußte zu einer Aufteilung im Dorfe geschritten werden. Allerdings war die Ansiedlung im Dorf selbst nicht mehr möglich, und so entstanden auf den außerhalb des Dorfes liegenden Ackerplänen die Ausbauten. Die nicht auf diese Weise versorgten Kinder mußten, soweit sie nicht in der eigenen Wirtschaft beschäftigt werden konnten, ihren Unterhalt aus Lohnanstellungen im Sommer und Waldarbeiten im Winter ziehen. Diese Erwerbsmöglichkeiten haben sich so bis auf den heutigen Tag erhalten
Zuerst gehörte Altensorge zur Parochie Dechsel, später wurde ein eigenes Pfarrhaus und eine Kirche als Fachwerksbau gebaut. Die Kirche befand sich gegenüber der heutigen massigen Kirche auf dem freien Platz neben der Schule, auf dem sich jetzt das Kriegerdenkmal befindet. 1797 erfolgte die Einweihung von Pfarrhaus und Kirche. Die Schutzherrschaft über die Kirche wurde dem Magistrat Landsberg übertragen. Zur Parochie Altensorge gehörte außerdem Kattenhorst, Hagen, Bürgerbruch, Schönwald, Blockwinkel und Liebenthal, von denen Blockwinkel, Hagen und Schönwald später eigene Kirchen erhielten, aber weiterhin bei der Parochie blieben. 1897 wurde der alte Fachwerksbau abgerissen, und es entstand auf dem gegenüberliegenden freien Platz, der bis zum Jahre 1860 als Friedhof benutzt worden war, die jetzige massive Kirche.
Unvergeßlich in der Geschichte des Dorfes Altensorge ist der 7. Februar 1909, der Tag des entfesselten Bestiensees.
Das Dorf lag im tiefsten Sonntagsfrieden, die ersten Kirchgänger schickten sich an, zur Kirche zu gehen, da erscholl plötzlich, wie ein Blitz aus heiterem Himmel, der Ruf: „Wasser, Wasser!“ Waldbesucher hatten die Hiobsbotschaft gebracht, und es währte auch nicht lange, da füllte sich der mit dem See in Verbindung stehende Zuführungsgraben, der das Dorf in südlicher Richtung durchzieht, zusehens mit Wasser und hatte bald die Niederung überschwemmt. Die Häusler Pätzold und Apitz und die Besitzer Bley und Strehmel wurden besonders hart davon betroffen. Nur mit Mühe und Hilfsbereitschaft der übrigen Dorfbewohner konnten Vieh und Möbel gerettet werden. Von der Gewalt und der Ausdehnung der Überschwemmung legte am besten der Umstand Zeugnis ab, daß der Wasserspiegel des 280 Morgen großen Bestiensees an diesem Tage um ein Meter gefallen war. Ihre Ursache hatte die Überschwemmung zum größten Teil in der Unterlassungssünde der Stadt Landsberg, die es an den nötigen Instandhaltungsarbeiten hatte fehlen lassen. Als weitere Faktoren kam die in jenem Frühjahr besonders früh und stark einsetzende Schneeschmelze hinzu. In einem Prozeß gegen die Stadt klagten die schwergeschädigten Besitzer wegen Schadenersatz.
Nur noch die ältesten Dorfbewohner erinnern sich der Mahlmühle und Hirsestampfe, die sich bis vor etwa 60 Jahren auf dem heutigen Waldspielplatz an Stelle der jetzigen Waldschänke befand und die von dem Wasser des Bestiensees, der damals noch nicht abgedämmt war und der sich über die ganze Niederung des Zuführungsgrabens ergoß, getrieben wurde. (Die Eindämmung, die den ursprünglichen See in drei Teile zerschneidet, erfolgte erst in den Jahren 1909/ 10.) Diese Wassermühle wurde jedoch bald, da sie inzwischen alt und baufällig geworden war, abgerissen. Das Müllerhandwerk ging von diesem Zeitpunkt an auf die Familie Wolf über, die es auch heute noch nach manchen harten Schicksalsschlägen (in einer Zeitspanne von sieben Jahren - 1915 bis 1922 - brannten bereits zwei Mühlen nieder) ausübt.
Der zu Beginn dieses Jahrhunderts kräftig einsetzende Aufschwung des Handwerks und Handels ist auch an unseren Ort nicht spurlos vorübergegangen. Innerhalb eines Jahrzehnts wurden hier zwei Gastwirte, ein Bäcker und verschiedene Kaufleute ansässig. Auch sollen in jene Zeit die Anfänge der Gänsemästerei, die im Laufe der nachfolgenden Jahre sehr an Ausdehnung und Bedeutung gewonnen haben. Für die arbeitssuchenden Einwohner war dies ein günstiger Umstand, ebenso die Erschließung verschiedener Lehm und Tongruben in dem nahen Berkenwerder.