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Landsberg a.Warthe
(Gorzów Wielkopolski)
Schwerin a. d. Warthe
Neumärkische Zeitung 8. August 1931

Der Kreis Schwerin ist von den sieben Landkreisen der Grenzmark Posen- Westpreußen der einzige, der jetzt wohl streckenweise die Reichsgrenze gegen Polen bildet, der bei der Grenzfestsetzung aber ungeschmälert erhalten blieb. Dessen ungeachtet traf ihn die neue Grenze nicht minder schwer.
Die Fürsorge des Staates war im Osten jahrzehntelang vornehmlich den grenznahen Gebieten zugutegekommen. Schwerin lag lange im toten Winkel der Schattenzone. Erst das erste Dezennium dieses Jahrhunderts brachte einen deutlich sichtbaren Aufschwung für die Stadt; Das Landratsamt, das Seminar, das Alumnat der Langhoff- Stiftung, die neue Realschule, die neue Warthebrücke, alle diese in rascher Folge erstellten Neubauten sind unzweifelbar Zeugnisse einer besonderen behördlichen Aufmerksamkeit, die der Stadt und dem Kreise als stille Reserve zugutekommen konnte, als der polnische Adler plötzlich über den Kreisgrenzen schwebte.
Aber diesen kleinen Vorzugswohltaten einer weisen Vorsehung waren in den Jahren schwerster Not nicht realisierbar. Und der Druck der nahen Grenze hat sich auf den von der Natur nur wenig gesegneten Kreis in seiner vollen Schwere ausgewirkt - und wirft sich noch aus.
Der Wirtschaftsdruck ist gerade hier um ein Vielfaches schwerer, weil der Kreis zu einem wesentlichen Teile von der Waldwirtschaft abhängig ist: Fast die Hälfte der 66 000 Hektar, die der Kreis umfaßt, sind Wald. Falsch! Sie waren Wald! Die Forleule hat in den Jahren 1923- 25 fast den gesamten Holzbestand vernichtet. Auf kilometerweiten Flächen mußte der Wald abgetrieben werden; Zu einem Schleuderpreise kam das Holz auf dem Markt, zum Schaden des Staates, zum Schaden vor allem auch der Kreisstadt Schwerin, die 1850 Hektar Wald einst als ihren wertvollsten Besitz buchte; konnten doch jährlich 50 -60 000 Mark aus den Holzungen herausgewirtschaftet werden. Heute dagegen erfordert der Stadtwald einen jährlichen Zuschuß von 30- 40 000 Mark. Die Aufforstung hat oftmals mehr verschlungen, als aus den zur Unzeit geschlagenen Holzmengen damals erlöst werden konnte. Die Güter, die, soweit sie größere Waldflächen aufwiesen, nicht minder hart getroffen wurden, als die Stadt, waren zum Teil gezwungen, einzelne Waldflächen zu verkaufen, nur um aus dem Erlös die Kosten der Aufforstung bestreiten zu können. Die Stadt Schwerin hat in ihrer Forst noch jetzt etwa 200 Hektar anzuschonen. Jahrzehnte vergehen, ehe diese Waldfläche wieder einen bescheidenen Ertrag bringen.
Wie grundlegend der Eulenfraß die Forstwirtschaft hier umgestoßen hat, geht u.a. daraus hervor, daß sich die Staatsforstverwaltung veranlaßt sah, die Oberförsterei Waitze mit einem Holzboden von fast 6000 Hektar, die von sieben Förstereien aus bewirtschaftet wurden, aufzulösen und der Oberförsterei Schwerin anzugliedern.
Das dritte Unglück für den Kreis und die Stadt Schwerin ist die Warthe. Einst machte sie durch ihren regen Verkehr und das damit ins Land fließende Geld zu einem Teil das Unheil wieder gut, das ihre Überschwemmung hier anrichtete. Liegt doch z.B. ein Drittel der zur Stadt Schwerin gehörigen Ackerflächen im Überschwemmungsgebiet. Wenn die Warthe wie es z. B. vom Oktober bis zum Februar fast ununterbrochen der Fall war, Hochwasser führt, ist der nördlich der Warthe gelegene Kreisteil vollkommen abgeschnitten: Die Leute können nicht aus ihren armseligen Dörfern heraus, nicht einmal um ärztliche Hilfe zu holen, denn die „Straßen“ führen durchs Überschwemmungsgebiet und die Fähren liegen still.

Die Flutbrücke
Um den 14 nördlich der Warthe gelegenen Ortschaften endlich einen dauernden gesicherten Zufahrtsweg zur Kreisstadt und damit zur Bahn zu schaffen, wird demnächst das Flutbrückenprojekt in Angriff genommen werden. Mit einer veranschlagten Kostensumme von rund 900 000 Mark, die zu einem erheblichen Teil aus der Osthilfe fließen sollen, wird im Anschluß an die Schweriner Warthebrücke ein hochwasserfreier Damm von fast zwei Kilometer Länge bis zu dem nördlichen Höhenzuge geschüttet werden. Vor dem Höhenrand wird die eigentliche Flutbrücke eingebaut mit sechs Bogenöffnungen und einer Gesamtlänge von 260 Metern. Die nach Norden und Osten weiterführenden Straßen nach Morrn bzw. nach Schweinert - Neuhaus- Kl. Krebbel werden hochwasserfrei am Höhenrand entlanggeführt.

Bahnbau- Hoffnungen
Das andere große Projekt, das aus den Mitteln der Osthilfe finanziert werden soll, ist der Bahnbau Schwerin- Kreuz, für den vor einigen Wochen die Vorarbeiten durch die Reichsbahndirektion Osten aufgenommen worden sind. Zunächst handelt es sich um Vermessungen und Bodenuntersuchungen; mit dem Arbeitsbeginn ist allerdings nicht vor dem nächste Frühjahr zu rechnen. Doch dürfte dann für eine längere Spanne Erwerbsmöglichkeiten für viele jetzt brach liegenden Arbeitskräfte gewonnen sein. In der Bearbeitung befinden sich zurzeit zwei Straßen. Eine von Schwerin fast geradlinig nach Kiewitz und Morrn verlaufende Strecke, die zwischen der Stadt und der Obramündung die Warthe überschreiten würde, während die zweite Planung in einem nach Westen offenen Bogen die Stadt östlich umgeht, um bei Schweinert- Hanland den Warthefluß zu kreuzen. Diese letztere Strecke würde für den Kreis Schwerin den Vorzug haben, daß noch eine der nördlich der Warthe gelegenen Ortschaften unmittelbaren dauernden Nutzen von der neuen Bahn hätte. Der Südwestteil des Kreises, vor allem die Stadt Blesen, hofft auf eine spätere - nicht allzu späte - Weiterführung der Neubaustrecke nach Guben. Denn jetzt bleibt den Landwirten in dieser Ecke viel zu viel „an den Rändern hängen“. Jeder Sack Roggen, jeder Zentner Kartoffeln muß zehn bis zwölf Kilometer weit zur Bahn gefahren werden! Für den wirtschaftlich sehr benachteiligten Kreis würde die Verwirklichung des ganzen Projektes einen unmittelbaren Anschluß an die nach aufnahmefähigem Absatzgebiete der Lausitzer und Mitteldeutschen Industriereviere bedeuten. Und gute Absatzgebiete sind heute alles! Ihr ideeller Wert muß besonders hoch sein für ein Gebiet nahe der Grenze, mit kargem Boden und fleißigen, anspruchslosen Bauern, die das Letzte verlieren, wenn ihnen nicht die Hoffnung bleibt auf eine endliche Milderung ihrer wirklich trostlosen Lage.

Aufbauarbeit im Zeichen des „Roten Kreuzes“
Im Kreise ist man während der letzten Jahre des fortschreitenden wirtschaftlichen Niederbruchs keineswegs müßig gewesen. Ein tatfroher Aufbauwille beseelt die besten Kräfte, und diese haben es verstanden, einen immer größeren Kreis in ihren Bann zu ziehen. Vorbildlich darf hier als Beispiel die vollkommen überparteiliche und überkonfessionelle Arbeit angeführt werden, die im Zeichen des „Roten Kreuzes“ geleistet wird vom Kreisverband der Vaterländischen Frauenvereine und seinen örtlichen Unterorganisationen, von den Sanitätskolonnen usw. Frau von Rospat, Prittisch und ihr Gatte, der ehemalige Landrat des Kreises Birnbaum, sind hier die Keimzelle geworden auf einem segenreichen Tätigkeitsfelde. In Prittisch selbst besteht an Stelle eines Kriegerdenkmals ein Kinderheim, in dem 33 Kinder aus dem Dorfe und der Umgebung und auch aus Berlin das fehlende Elternhaus, soweit das überhaupt möglich ist, durch eine wahrhaft mütterliche Pflege ersetzt wird. Helle, lichte Räume, die sich aus kleinsten Anfängen heraus von Jahr zu Jahr vergrößert haben, dienen als Schlaf- und Spielsäle, ein großer Garten als Tummelplatz, dicht dabei liegt neben dem Postgebäude ein Arbeitergehöft, das als Jugendherberge eingerichtet wird. Als Folge dieser hier begonnenen Arbeit sind jetzt zu verzeichnen: Acht Vaterländische Frauenvereine  und vier Jugendabteilungen mit insgesamt 1500 Mitgliedern im Kreise. Von den Zweigvereinen werden unterhalten: Zehn Gemeindepfleger/ Schwestern- Stationen, durch die die 35 Orte versorgt werden, für den Rettungsdienst elf Unfall- und vier Einzelhilfsstationen, zwei Kindergärten, ein Kindertageserholungsheim, eine Unterhaltungsschule, drei Beratungsstellen für Mütter, Säuglinge, Tuberkulose und Trinker. Der Kreisverband besitzt sechs Wohlfahrtshäuser in denen u.a. ein Kinderheim, ein Stift für den Mittelstand, ein Altersheim und eine Jugendherberge untergebracht sind.

Stippvisite in Rokitten
Unweit Prittisch liegt Rokitten, ein alter Wallfahrtsort. Ein Mittelpunkt des katholischen Lebens und Wirkens. Hier hat Clara Viebig Jahr um Jahr ihre Sommertage bei ihren Vettern Hermann und Fritz Viebig verbracht, den starken heimatlichen Einschlag ihrer beiden Ostmark- Bücher hat sie im Wesentlichen hier in Rokitten eingezogen. Und noch eines bleibt an Rokitten unvergeßlich: „Der Verein für die Erziehung armer Kinder des Großherzogtums Posen“ hat hier ein Heim geschaffen, das heute einen wesentlichen Faktor in der Jugendfürsorge der Grenzmarkprovinz bildet; Bis zu 70 evangelische Kinder aus der Provinz (vor 1870 stand das Heim Kindern aller Konfessionen offen) finden hier für kürzere oder längere Zeit Aufnahme, bis entschieden werden kann, ob sie in Familienpflege gegeben werden können oder anderer Pflege unterstellt werden müssen. Leider sind für die Fürsorgezwecke zur Verfügung stehenden Mittel so gering, daß das schöne Heim, das unter der Leitung von Pfarrer Riedlich steht, nur zur Hälfte belegt ist, was natürlich die Wirtschaftsführung, das auf sich selbst gestellten Heimes außerordentlich erschwert.

Die Millionäre von einst
Gewiß ist das eine Feststellung die auch anderwegs zu treffen währen. Die reichsten Leute der Kriegs  und Vorkriegszeit sind heute bettelarm und gezwungen, die öffentliche Fürsorge in Anspruch zu nehmen. Schwerin hatte einst gut gehende Zigarrenfabriken mit etwa 200 Beschäftigten. Heute verstauben die Formen der Zigarrenmacher, die Fabrikbesitzer von einst sind verarmt. Drei Gerbereien und eine Fellgroßhandlung waren einst blühende Betriebe - heute liegt alles still. Staub und Armut, wo einst Glanz und Reichtum war. Der Name Landshoff hatte einst guten Klang. Der eine war Geh. Kommerzienrat in Petersburg: Drei größere Stiftungen, die er seiner Vaterstadt vermachte, haben sein Gedenken verewigt. Er selbst starb in ärmlichen Verhältnissen fern seiner Wahlheimat an der Newa; ein Bruder von ihm lebt noch in Schwerin, auch er muß in Wehmut verblichenen Glanzes gedenken. Schwerin war eine reiche Stadt, fest in den wirtschaftlichen Fundamenten. Wie ein verheerendes Beben hat hier die Grenzziehung gewirkt, die alle Fäden zerriß. Und wie ein sengender Brand mußte hier die Inflation sich auswirken, der fast alles vernichtet, was für den raschen Wiederaufbau nutzbringend hätte verwendet werden können.

Wiederaufbau trotz alledem
Trotz all der Lähmungen, trotz des Niederbruchs ist für den Wiederaufbau nicht verabsäumt worden. Der Tatkraft des Landrats Dr. Sendler ist die Wasserleitungs- und Kanalisierungsanlage der Kreisstadt zu danken. Der neue Wasserturm in der Gablung der Posener und der Meseritzer Straße ist ein schönes und ein prägsames Symbol für die starken Kräfte, die hier sinn- und zielvoll am Werke sind. Südlich der Bahn liegt das Siedlungsviertel, das fast alle die 304 Wohnungsneubauten umfaßt, die nach dem Kriege hier erstellt sind. Leider hat man zu wenig an die Straßenanlagen gedacht, was sich heute bitter rächt. - Das Johanniter- Krankenhaus ist durch einen Erweiterungsbau, für den rund 200 000 Mark aufgewandt wurden, um sechzig Betten vergrößert worden.
Die Stadt hatte nach dem Kriege die beiden Ziegeleien erworben. Die Versteifung des Baumarktes und die fortschreitende Rationalisierung anderer Ziegeleibetriebe hat hier die Schweriner ins Hintertreffen gebracht. Beide Betriebe haben bisher still gelegen, es sind noch große Stapel fertiger Steine vorhanden, in denen für die Betriebsverwaltung natürlich z.Zt. große Summen festliegen. Die aus dieser und verschiedenen anderen Ursachen resultierenden Kassenschwierigkeiten haben indes die Städtische Sparkasse, das älteste Geldinstitut des Kreises, in keiner Weise berührt.
Schwerin war einst in der glücklichen Lage, seinen Bürgern die Steuern für ganze Halbjahre erlassen zu können. Auf die Wiederkehr dieser Zeiten werden wir vergeblich warten; aber der urgesunde Sinn, der hier überall zutage tritt, gibt die Gewißheit, daß das Menschenmögliche geschieht, um die innere und äußere Festigung der Verhältnisse möglichst rasch herbeizuführen.