Das Schönrader Vorwerk Fichtwerder
Neumärkische Zeitung 23. Oktober 1927
Wie zähe Kraft im Netzebruch eine Musterwirtschaft schaffte.
Im südlichen Teil des Kreises Friedeberg, nördlich der Netze und nordöstlich des Dorfes Altgurkowschbruch, erhebt sich ziemlich steil aus den weiten Wiesen- und Ackerflächen der Fichtwerder. Wie erstaunt ist der Wanderer, wenn mit einemmale der sonst immer ebene Weg allmählich ansteigt und er bei der letzten Biegung eine stattliche Anhöhe vor sich liegen sieht, gekrönt mit weiten Stallungen und Scheunen und einem freundlichen Herrenhaus, das aus dichtem Grün hervorlugt. Schon in grauer Vorzeit war der Fichtwerder besiedelt. Wie eine Insel ragte er einst aus dem weiten Sumpfgebiet der Netze. Wertvolle Funde sind bei Ausschachtungsarbeiten aus der Tiefe zu Tage befördert worden, deren Alter von Gelehrten auf 2000 Jahre v. Chr. geschätzt wurde, und die im Heimatmuseum in Friedeberg aufbewahrt werden. Undurchdringliches Gestrüpp bedeckte einst den Hügel, auf dem die Menschen jener längst vergangenen Zeit ihre Schilfhütten errichteten, um als Fischer ihr kümmerliches Dasein zu fristen. Die an den Rändern des Werders stehenden gewaltigen Eichen und Linden verdanken ihren Ursprung jedoch einer späteren Zeit. Auf dem Fichtwerder liegt ein Vorwerk, das dem Herren Wedemeyer auf dem Rittergute Schönrade, nordwestlich Friedebergs, gehört. Als die ersten Anbauversuche des Bruches unter dem Großen Kurfürsten und dem Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. unternommen wurden, war der Werder rings von dem weiten Friedeberger Stadtbruch eingeschlossen. Er umfaßte ursprünglich rund 600 Morgen, ist aber in späterer Zeit durch Ankauf auf über 1000 Morgen vergrößert worden. Damals war die ganze Fläche ein weites Wiesenland, das nur spärliche saure Gräser trug und kaum den Anbau lohnte. Jedes Jahr stand monatelang das Wasser auf den Wiesen. Als aber der Alte Fritz durch seine Getreuen Brenckenhoff und Betri planmäßig die Urbarmachung des Netzebruchs in Angriff nahm, brach auch für den Fichtwerder eine bessere Zeit an. Damals war ein Herr v. Schöning Besitzer. „Da hat er ein Stück Bruchland, das hat er urbar zu machen!“ erklärte ihm der große König kurz und bündig. Das war aber leichter gesagt als getan. Denn Trockenlegung und Besiedlung war mit hohen Geldkosten verknüpft, die von der Grundherrschaft durchweg allein getragen werden mußten. Die Kolonisten wurden im Gegensatz zu den „freien“ Kolonisten „Vorwerkskolonisten“ genannt. In der Regel erhielt ein solcher zehn Morgen Land und ein neues fertiges Haus als erblichen Besitz. Die Herstellung des Hauses kostete der Herrschaft etwa 200 Taler. Es waren Lehmfachwerkhäuser, die mit Stroh gedeckt waren. In jedem Hause wohnten zwei Familien, von denen jede eine Stube (oft auch zwei), eine Kammer, Keller, Boden und Stall erhielt. War die Herstellung einer Scheune nötig, so erhielt der Kolonist als erste Rate 10 Taler bares Geld zum Bau. Doch mußte er sie auf dem zugewiesenen Platz errichten. Die Vorwerkskolonisten hatten aber auch Verpflichtungen, die oftmals als recht drückend empfunden wurden. Nachdem sie sich hatten anwerben lassen, mußten sie innerhalb vier Wochen die Wohnung beziehen, sonst wurde sie einer anderen Familie überwiesen. Während der ersten zwei Jahre durften sie die ihnen zugeeignete Stelle nicht verkaufen. In dieser Zeit hatte auch die Herrschaft das Recht, das Grundstück unentgeltlich zurückzunehmen, wenn es der Kolonist verlassen wollte oder sich weigerte, ihm obliegende Dienste zu verrichten. Die ihm übergebenen Gebäude mußte er auf eigene Kosten erhalten und an der Dorfstraße mit einem Zaun versehen. Dazu wurde ihm freies Holz geliefert. Als einzige Abgabe zahlte er der Grundherrschaft jährlich 3 Taler „Hauszins“. Drückender waren für den Kolonisten die Handdienste. Vom 13. April bis 1. Oktober wöchentlich an drei Tagen, vom 13. Oktober bis 31. März wöchentlich an zwei Tagen hatte er auf dem Vorwerk oder Stammgut Dienst zu tun. Er begann mit Sonnenaufgang und endete mit Sonnenuntergang. Im Sommer waren 2 Stunden, im Winter eine Stunde Mittagspause. Auch Botengänge bis auf eine Meile mußte er auf Wunsch tun. Söhne und Töchter durften sich nur mit Genehmigung der Grundherrschaft anderweitig vermieten oder verheiraten. In mancher Gegend hatten die Kolonisten auch noch die Spinnverpflichtung. Trotz aller redlicher Arbeit brachte das Vorwerk nur geringen Nutzen, da die vielen Überschwemmungen allen Fleiß oftmals vernichteten. Der Aufschwung für den Fichtwerder aber kam erst im Jahre 1870. Da übernahm ein Herr von Wedemeyer, ein Mecklenburger, das Rittergut Schönrade. Er brachte sich aus seiner Heimat einen tatkräftigen Inspektor mit, der Maier hieß. Diesem übertrug er nach einiger Zeit das Vorwerk auf dem Fichtwerder. Unter seiner zielbewußten, weitblickenden Leitung hob sich sehr bald der Ertrag des Vorwerkes, das bisher sich nur Hauptsächlich mit der Aufzucht von Jungvieh befaßt hatte. Aus dem Wiesenland schuf er im Laufe der Jahre vorzüglichen Ackerboden. Eine Musterwirtschaft wie das Netzebruch wohl keine zweite aufzuweisen hatte, entstand. Wie der Vater begann, so setzte sein Sohn und Nachfolger, der jetzige Administrator des Vorwerkes, in ebenso weitschauender, unermüdlicher Schaffensfreude das Werk fort. Weite, luftige Stallungen entstanden, in denen prachtvolle Schweine in Menge gezüchtet wurden. Durch Herrn Maier ist die berühmte Netzebrücher Schweinezucht zu der Höhe gelangt, auf der sie schon seit Jahrzehnten sich gehalten hat. In der Käserei wurde der vorzügliche „Fichtwerdersche Käse“ hergestellt, der im ganzen Bruch einen ausgezeichneten Ruf hatte. Zwar haben die letzten schweren Wasserjahre auch die Ländereien des Fichtwerders ganz empfindlich geschädigt. Dreiviertel der diesjährigen Ernte ist vernichtet. Wo früher sich zehn große Getreidemieten erhoben, stehen dieses Jahr nur drei. Außerdem ging im letzten Sommer durch Blitzschlag eine große Scheune mit vollem Inhalt in Flammen auf. Doch trotz all dieser wirtschaftlichen Schädigungen ist der freundliche alte Herr unverzagt und von früh bis spät unermüdlich tätig. Er, dessen Vorfahren einst im reichen Mecklenburg wirkten, hat mit zäher Kraft und treuem Fleiß seiner Herrschaft mitten im armen märkischen Bruch ein Vorwerk geschaffen, das weit über die Grenzen des Kreises als Musterwirtschaft berühmt ist.