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Landsberg a.Warthe
(Gorzów Wielkopolski)
Das Netzebruch bis zum Jahre 1433
Neumärkische Zeitung  12. November 1932

Im Institut für Kulturtechnik der Landwirtschaftlichen Hochschule Berlin hat der Dipl. Landwirt Dr. Walter Überschaer  ein Buch „Die Erschließung des Netzebruches in der Vergangenheit und Zukunft“ herausgegeben, in dem er eingehend die Geschichte der Meliorationen im Netzebruch von 1763 bis 1928 behandelt. Im zweiten Teil des Buches, das in die Hand jedes Landwirts und Neumärkers gehört, beschäftigt sich der Verfasser in ganz großen Umrissen mit der Geschichte und der Besiedlung des Netzebruches. Wir entnehmen diesem Teil das Nachstehende. Die Schriftlg.
Bis zum Ausgang des 16. Jahrhunderts waren die Bruchränder, und noch ein Jahrhundert später auch der größte Teil des Netzebruches selbst einer geordneten landwirtschaftlichen Kultur verschlossen. Das Gebiet war ein großer Sumpf; bei Hochfluten glaubte man einen See vor sich zu haben. In mehr oder weniger kurzen Abständen folgten umfangreichere oder kleinere Überschwemmungen aufeinander. Während der trocknen Zeit durchströmte der weit verzweigte Fluß in zahlreichen, zum Teil noch heute vorhandenen Wasserläufen diese wüste Gegend. Bei Abnahme der Hochflut oder in regenarmen Wochen sank der Grundwasserspiegel und ließ Laken, Teiche, Tümpel und Pfuhle zurück. Diese zahlreichen Gewässer, welche die Niederung in regellosem Laufe durchschnitten, waren von der Höhe des Netzewasserstandes abhängig und standen teilweise untereinander, teilweise mit dem Hauptfluß in direkter Verbindung. Der Pflanzenbestand dieses in der Verlandung begriffenen Gebietes war der günstigen Lebensbedingungen wegen üppig. Nach dem letzten Rückgang des Eises mag die dann auftretende Flora von Süden her eingedrungen sein, und später gesellten sich pontische Pflanzfamilien hinzu. Sauer und Wollgräser, Binsenarten, Schachtelhalme und andere Sumpfpflanzen wucherten auf den tiefen Stellen. Wo es trocken war, wuchsen außer hochwertigen Gräsern, Weiden, (Werft) und Erlen, ein dichtes verfilztes Gebüsch bildend. Dieses undurchdringliche Dickicht wurde von Horsten, die mit Laub und Nadelhölzern bestanden waren, überragt. Noch heute erinnern Namen wie Eich-, Linden- Birk- und Fichtwerder, sowie der Elsstrahl (Erlenstrahl) an den einstmaligen Baumbestand.
Mannigfach war die Tierwelt. Hasen, Rehe, Wildschweine und Hirsche, Luchse, Bären, Wölfe und Wildkatzen bewohnten die Wildnis. Zahlreiches Wassergeflügel vervollständigte den Bestand dieses äußerst ergiebigen Jagdgebietes. Der Strom füllte bei seinem Reichtum infolge der häufigen Überschwemmungen immer wieder die zurückbleibenden Gewässer mit Fischen aller Art auf.
So ist es ganz natürlich, daß die Gegend vor der ersten großen Melioration nur aus einer dünnen Bevölkerung bestand, die hauptsächlich der Jagd, der Fischerei und der Bienenzucht oblag.
In vorgeschichtlicher Zeit muß es anders gewesen sein. Aus Eichelfunden, auch an Stellen, die später der regelmäßigen Überschwemmung unterlagen, geht hervor, daß zweifellos schon Landwirtschaft im heutigen Sinne, wenn auch in sehr beschränktem Umfange, betrieben wurde. Die Talränder und auch die höher gelegenen Werder im Bruch hat man dabei als Wiese, seltener als Weide genutzt. Im Winter wird man bei Frost Feuerungsmaterial und trockenes Gras als Streu und Viehfutter geworben haben. Einer Planwirtschaft und dem regelmäßigen Verkehr unterlag dieses Gebiet aber nicht. Das Überschreiten der breiten Talebene war nur an den von Natur aus engen Stellen möglich, wo die Bruchränder sich eng zusammenschieben, oder Erhebungen über die Sohle des Bruches auch bei Hochwasser hinausragten. Solche natürlichen Wasserpässe gab es im Netzebruch bei Driesen, das auch der Schlüssel zu Polen genannt wurde, und bei Zantoch. Schmale, für ein Gefährt jedoch unbrauchbare und nur für Reit-, Trage- und Weidetiere wegsame Sumpfpfade führten vereinzelt in das Bruch und verbanden die einer Nutzung unterliegenden Flächen mit dem Höhenrande. Nur für mit dieser Gegend vertraute Menschen waren solche, oft Gefahrbringenden Verbindungen benutzbar. Schwierig ist auch die Orientierung in diesem unübersichtlichen Gelände gewesen. Oft mag sich hier ein Bewohner, wenn ihm die Nacht bei der Jagd oder beim Fischfang auf seinem Einbaum überraschte, verirrt haben.
Da Besiedlung und kulturtechnische Erschließung sich im Netzebruch gegenseitig bedingen, soll in großen Zügen auf die Geschichte des Anwachsens einer zahlreichen Bevölkerung in diesem Gebietsabschnitt eingegangen werden.
Die ersten Anfänge derselben wurden in der jüngeren Steinzeit festgestellt. Da etwa 80 verschiedene Stellen im Bruch, und außerdem weitere 15 am Nord- sowie 10 am Südrand besiedelt gefunden wurden, muß die Menschenverteilung über das Gelände eine geschlossene, wenn auch nur dünne gewesen sein. Hauptfundorte, wo man Becher, Urnen und Feuersteinwerkzeuge zu Tage förderte, liegen bei Lipkeschbruch, Guschterholländer und Alt- Gurkowschbruch.
Während die frühe Bronzezeit der geringen Funde wegen nur in Spuren nachweisbar ist, werden diese aus der mittleren und jüngeren Bronzezeit wieder häufiger. Eine beträchtliche Zahl von Urnenfriedhöfen am nördlichen und südlichen Bruchrand, aber auch auf Werdern im Niederungsgebiet selbst, deutet auf geschlossene Siedlungen hin. Gleichzeitig wurden mit anderen Funden auch Sicheln und Messer ausgegraben. Ein bronzezeitliches, viereckiges Haus wurde bei Trebitsch freigelegt. Die größte Bevölkerungsdichte wird in vorgeschichtlicher Zeit in diesem Landstrich während des Überganges von der Bronze- und Eisenzeit angenommen. Aus dieser Epoche stammen auch große, bei Trebitsch, Lipkeschbruch, Guschterholländer, Gottschimm und Mückenburg entdeckte Urnenfriedhöfe. Die Menschen der Bronze- und frühen Eisenzeit werden zu den Illyriern gerechnet, die zur Völkerfamilie der Indogermanen gehören.
In der Hallstattzeit drangen Ostgermanen von Norden und Nordwesten in diese Gebiete vor. Sie scheinen aber erst im vorletzten oder letzten Jahrhundert v.Chr. in dieser Gegend seßhaft geworden zu sein. In der Zeit um 600- 500 v. Chr. trat vermutlich auch eine in verstärktem Maße zunehmende Versumpfung des Bruchgeländes ein. Es ist strittig, worauf sie zurückzuführen ist. Eine dünnere Besiedlung wird in der La- Tene-Zeit nachgewiesen. Funde, die bei Zantoch und Guscht als aus der römischen Kaiserzeit stammend erkannt wurden, lassen die Annahme von Handelsbeziehungen mit Völkerstämmen, die unter römischer Oberhoheit standen, zu.
Während der Völkerwanderung verließen die vorher eingewanderten Ostgermanen wieder größtenteils das Bruch sowie die anstoßenden Randgebiete und wanderten in südlicher und westlicher Richtung ab.
So mag die Niederung mit ihren Höhenrändern bis auf wenige zurückbleibende menschenarm geworden sein, bis dann um das Jahr 500 n. Chr. Slaven vordrangen. Sie besetzten kampflos diese Gebiete und siedelten sich weniger auf den anstoßenden Hochflächen, als dicht an der Netzeaue an. Es waren im Norden Pommern und südlich des eine natürliche Grenze bildenden Netzebruchs Polen. Die Slaven waren den Germanen weit unterlegen; während diese Landwirtschaft trieben, waren jetzt die Haupternährungszweige Fischfang, Jagd und Bienenzucht. Sie wurden deshalb mit Vorliebe an fischreichen Gewässern in einer wildergiebigen Gegend seßhaft. Funde aus dieser Zeit machte man südlich und nördlich längs des ganzen Talzuges besonders bei Gurkow, Salzkossäten, Trebitsch und auf hochgelegenen Flächen im Sumpfgelände bei Guschter Holländer, Alt Gurkowschbruch, Driesen und vielen anderen Stellen. Die Dörfer Zantoch, Gurkow, Altkarbe, Alt- Beelitz, Trebitsch, Gottschimm, Guscht, Pollychen und die Stadt Driesen mit Kietz sind ihrem ersten Ursprung nach slavische Gründungen. Die beiden Bruderstämme Pommern und Polen lagen in dauernder Fehde um die Netzeübergänge bei Zantoch und Driesen, wo die Polen und an der Netzemündung auch die Pommern Burgen zum Schutze dieser Pässe errichtet hatten. Aus dieser Zeit der Kämpfe wissen wir wenig.
Urkundlich verbürgte Daten von Gründungen im Netzebruch finden sich häufig erst, als die Askanier versuchten, ihre Grenzen weiter nach Osten vorzuschieben. Um dieses zu verhindern, rief der Polenherzog Wladislaw der Jüngere zuerst den Deutschen Ritterorden und bald nach 1224 den Templerorden in sein Land. Er verlieh letzterem außer einigen unbekannten Dörfern im linksseitigen Dragegebiet noch Przeborowe, das östlich der Mündung dieses Flusses in der Gegend des heutigen Lukatz bzw. Dragelukatz gelegen haben muß. In der jetzt folgenden Periode wogten die Kämpfe um die Hauptstützpunkte der Polen; Driesen und Zantoch, zwischen Slaven und Deutschen unterschieden hin und her. Bald waren beide, bald nur die eine oder gar keine Festung in der Hand der Askanier. Die Kastelkanei Zantoch erwarben die Brandenburger dann endlich 1260 durch Heirat. Der Paß blieb aber polnisch. Seit 1315 konnten sie auch Driesen zu ihrem Besitz rechnen. Das neuerworbene Land gaben sie als Lehen an ihre Gefolgschaft aus. Es erfolgten Dorfgründungen auf der Höhe und weniger zahlreich im Bruch. Man hat Reste aus dieser Zeit bei Zantoch, auf dem Hollosberg, in Guschterholländer, Gottschimm, Gottschimmerbruch und auf einigen anderen Erhebungen in der Netzeaue zwischen der Dragemündung und dem Zusammenfluß mit der Warthe gefunden. Um 1300 war diese Besiedlungsepoche beendet. Die Dorfschaften am Laufe der unteren Netze entwickelten sich aber nicht; sie zerfielen vielmehr und entvölkerten wieder. Nur Zantoch hatte wohl der Wichtigkeit seines Überganges wegen Bestand.
Der restliche Teil der Neumark mit der Wasserburg Driesen, die seit 1315 den Markgrafen gehörte, blieb aber nach wie vor ein Zankapfel zwischen deutschen und Slaven.
Schließlich verkaufte 1402 Markgraf Sigismund nach wechselvollen Kämpfen die Neumark dem Deutschen Ritterorden. Schon in früheren Jahren, 1326 drangen die Litauer ein, und später, 1433 verwüsteten die Hussiten die wenigen Siedlungen, sie dadurch fast vollkommen in ihrer Entwicklung hemmend. Die am Talrande gelegenen Dörfer wurden fast völlig eingeäschert. Mit dem Verkauf der Neumark an den Orden waren die Kämpfe zwischen deutsche und Polentum um den nach wie vor strittigen Besitz von Driesen  nicht beendet. Nach der unglücklichen Schlacht von Tannenberg 1410 verlor der Deutsche Ritterorden seine Macht.