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Landsberg a.Warthe
(Gorzów Wielkopolski)
Keramik in der Mark
Neumärkische Zeitung   26. November 1929

Von Richard Thassilo Graf von Schlieben.
Wenn von Keramik in der Mark gesprochen wird, so ist es ganz besonders das Gebiet der Handfabrikation, das außerordentlich interessante kulturhistorisch wichtige Spuren früherer Jahrhunderte hinterlassen hat. Man findet in zahlreichen Heimatmuseen der märkischen Heide, wie in Burg im Spreewald, Cottbus, Frankfurt (Oder), Freienwalde, Forst, Calau, Crossen, Landsberg, Lübben, Kloster Neuzelle und Schwiebus oder auch in Privatsammlungen eine Menge Kacheln, welche dem aufmerksamen Besucher ein getreues Bild davon geben, wie vorzüglich es die Kunsttöpferei verstand, sich dem Geschmack der verschiedenen Kulturepochen anzupassen.
Ein weiterer Weg führt von den primitiven Topf- und Schüsselkacheln, welche schon in Wendischer Zeit den Herd in regelloser Weise schmückten, bis zu den schneeweißen Schmelztiegeln, die heute das Feld beherrschen. Aber auch die primitiven Napfkacheln, die ihre Form nach diesen Namen tragen und nur durch besondere Fingerabdrücke verziert waren, erhielten schon im 13. Jahrhundert eine Glasur in blauer oder grüner Farbe. Diese Glasur hat sich so überaus standhaft erwiesen, daß sie viele Jahrhunderte überdauerte. Durch germanische Einflüsse, welche vom Westen her in die Mark eindrangen, gestaltete sich allmählich die Ausschmückung der primitiven Kachelgebilde künstlerischer. Der Blattnapf bildet den Übergang zu künstlerischen hoch entwickelten Formen. Das älteste Zeugnis dieser künstlerischen Entwicklung gibt die Kachelsammlung im Kreuzgang des Klosters Neuzell wieder. Dieses alte Zisterzienser- Kloster, welches im gotischen Stil erbaut wurde, gehört zum Bistum Meißen. Es hat durch Einfall der Hussiten in die Mark 1429 schwer gelitten. Der damals schon sehr alte, glasierte Kachelofen, der sich im Zimmer des Abtes befindet, wird von maßgebenden Forschern als der älteste der Mark angesehen, wurde auch ein Opfer der Hussiten- Invasion. Aber die damaligen Mönche, von denen wohl einige das Töpferhandwerk verstanden, retteten die verzierten Kacheln dadurch, daß sie diese in eine Wand des Kreuzganges einbauten. Es gibt übrigens noch eine andere Version über diesen Ofenpatriarchen in Neuzelle, wonach er nicht durch den Hussiteneinfall, sondern durch ein Schadenfeuer in viel späterer Zeit zerstört sein soll. Jedenfalls findet man auf den übrig gebliebenen Kacheln im Kreuzgang bereits künstlerische Darstellungen der verschiedensten Art. So z.B. den so genannten wilden Mann (eine beliebte mittelalterliche Darstellung), der unbekleidet mit wehenden Haaren, in der Rechten eine Gerte schwingend, auf einem Hirsch zwischen Bäumen und Blumen dahin reitet - ferner Simson mit dem Löwen kämpfend - sowie bischöfliche Wappen, Krummstab mit Lamm - die heilige Katharina mit Schwert und Turm. Auch der brandenburgische Adler ist vertreten und kleinere Vögel, die auf Baumzweigen sitzen, sowie zwei langhalsige Vögel, welche vermutlich Schwäne darstellen sollen, u.a.m. Besonders merkwürdig ist die Gestalt eines Wolfes, der als Mönch verkleidet, mit Rosenkranz und großem Evangelienbuch in das Haus der sieben Geißlein kommt (nach dem bekannten Volksmärchen). Man sieht wie beschwingt die Phantasie in Bezug auf die mittelalterliche Keramik bereits gewesen ist.
Kacheln, die aus dem mittelalterlichen Berlin oder Frankfurt (Oder) stammen, zeigen sehr interessanten Reliefschmuck von Eicheln, geflügelten Engelsköpfen und Wappen der verschiedensten Art. Das 16. Jahrhundert, das dem Bürgerstande größeren Wohlstand brachte und deshalb die Einrichtung der Wohnung außerordentlich verschönte, gab auch dem gesamten Kunstgewerbe, und damit der Keramik, neue Entwicklungsmöglichkeiten. Die Kacheln  erhielten mehrfarbige Glasuren und, der Mode entsprechend, säulenartige Verzierungen mit einem darüber gespannten Halbbogen, gewissermaßen als Rahmen für die figürlichen Darstellungen, denen Holzschnitte und Gemälde deutscher Meister vielfach als Vorlage dienten. Wie in der Mitte des 16. Jahrhunderts Guidebalde II. von Urbino den Künstlern seiner berühmten Fapneefabriken in Pessaro, Zeichnungen von Raphael und anderen großen Künstlern als Vorlage für ihre keramischen Arbeiten gab, so wurden auch in der Mark Kunstwerke ersten Ranges als Modell für die Tonwaren- Industrie benutzt. Ob man damals bereits hier, wie in Italien, die zinkhaltige, weiße Glasur gekannt hat, die Lucca Della Robbia im 15. Jahrhundert erfand und für seine weltberühmten Kunstwerke verwandte, läßt sich leider nicht feststellen. Jedenfalls nahmen die Kacheln in der Mark ein stark künstlerisches Gepräge an. Unter den erhaltenen Exemplaren findet man vielfach Werke von hohem, künstlerischem Werte, besonders Portraits, deren feinsinnige Modellierung geradezu in Erstaunen setzt. außer den Portraits von Kurfürsten und ihren Gemahlinnen, von Feldherren und Landsknechten, auch Genreszenen. Liebespärchen, Lautspielende Damen und Herren, schreitende Figuren mit Blumen in den Händen, Jagdszenen, (wie z.B. im Cottbuser Museum), auch Vasen mit Blumen gefüllt und Architektur- Motive. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts begann man in der Mark Geschmack an den Portraits des Großen Kurfürsten in der Allonge- Perücke und seine Gemahlin im entsprechenden Kostüm zu finden. Nicht minder an Siegestrophäen der verschiedensten Art, so daß man auf den aus jener Zeit erhaltenen Kacheln diese Portraits und diese Embleme vielfach vertreten sieht. Getreu dem Geschmack der aufeinander folgenden Zeitepochen findet man auf den Kacheln des 18. Jahrhunderts anfangs die Embleme des jungen Königreiches Preußens. z. Zt. Friedrich Wilhelms I. außer seinem Portrait vielfach Engel Putten, welche die Königskrone über seinen Initialen halten. Als Fridericus Rex durch die Akademie der Künste ein Preisausschreiben für die Konstruktion eines Ofens mit möglichst geringem Heizmaterialverbrauch veröffentlichte, bekam auch die Keramik neue Anregungen. Und die Kachelfabrikation paßte sich entsprechend dem Still von Sanssouci dem Rokoko- Geschmack an. Aus dieser Zeit finden sich übrigens auch schöne weiße Kacheln mit blauer Bemalung, deren Muster den holländischen Einfluß von Delft nicht verleugnen. Der Übergang zum Empire über Louis Seize (mit Schleifen und Girlanden) spricht sich in strengen klassischen Formen aus. Diese sind durch schöne Malerei verziert, worunter sich auch vielfach Medgwood- Motive finden. Eine neue Renaissance der Kachelfabrikation ist dem berühmten Modelleur und späteren Besitzer der bekannten Hölerschen Fabrik in Berlin, David Feilner, zu verdanken, der bereits 100 Arbeiter beschäftigte und die schlicht geformte weiße Schmelzkachel aus Veltner Ton für die Ofenfabrikation nach Schinkels Entwürfen zur großen Mode machte, eine Mode, welche sich bis heute tapfer und erfolgreich gegen das Vordringen der Zentralheizung behauptet hat. Vielleicht gelingt es den Herren Ingenieuren den nur auf Schlichtheit gestellten eisernen röhren durch keramischem schmuck ein dem Auge wohltuenderes Aussehen zu geben. Dann würde der Keramik auf dem Gebiet der Kachelofenfabrikation gewiß eine neue Glanzzeit erblühen.