Märkische Finanznöte in den Jahren 1808 - 1812
Neumärkische Zeitung 6. April 1930
Von Bibliotheksrat Dr. Hans Jessen.
Zu den größten Notzeiten, die die preußische Finanzverwaltung vor unseren Tagen durchgemacht hat, gehören die Jahre nach der Schlacht von Jena. Der Tilsiter Frieden hatte Preußen zerschlagen. Aus dem kleinen übrig gebliebenen Lande suchte Napoleon an Geld herauszupressen, was er konnte. Nach den Bestimmungen des Pariser Vertrages sollte Preußen eine Kontribution von 95 Millionen Mark aufbringen. Bis zu deren Bezahlung hatte das Land eine Armee von 10 000 Mann zu ernähren, die in den Festungen Küstrin, Stettin und Glogau untergebracht wurden. Gleich bei ihrem Einzug forderten die Besatzungstruppen für ihre erste Einrichtung 200 000 Taler. Von dieser Summe hatte die Mark 134 000 Taler zu bezahlen, da es nicht gelang, in den anderen Provinzen Gelder so schnell aufzubringen. Doch war diese Forderung nur ein kleines Vorspiel. Bald steigerten sich die Ansprüche der Besatzungstruppen. Bis Ende 1810 beliefen sie sich ungefähr auf 10 ½ Millionen Mark.
Zu dieser starken Belastung durch den Sieger kamen die Schulden des Staates durch den verlorenen Krieg und die Senkung seiner Einnahmen durch die ungeheure Wirtschaftsnot. Der Handel stockte, die Landwirtschaft lag schwer danieder, die spärliche Industrie brach zusammen. So konnte z.B. die Berliner Porzellan- Manufaktur, vorher ein blühendes Unternehmen, kaum mehr Überschüsse erzielen. In solcher Lage war natürlich der erste Gedanke eine Auslandsanleihe. Bankier der Welt waren damals die Holländer. Schon 1807 hatte der König darum Niebuhr nach Amsterdam geschickt. In langwierigen Verhandlungen, die sich über drei Jahre hinzogen, erreichte Niebuhr, daß der Bankier Walkenaer sich zur Auflegung einer Anleihe von 32 Millionen Gulden bereit erklärte. Die Bedingungen dieser Anleihe waren rigoros. Zwölf Millionen sollten in wertlosen Papieren einer schlesischen Anleihe aus dem Jahre 1730, deren Bezahlung Friedrich der Große abgelehnt hatte, angerechnet werden, so daß Preußen für eine Schuldverschreibung von 1000 Gulden nur 650 erhielt. Aber selbst bei diesen Bedingungen wurden nur 4 Millionen Gulden gezeichnet. Die Anleihe sank bald im Kurs und Napoleon zwang sogar Preußen, den Kursverlust seiner Offiziere, die in dieser Anleihe spekuliert hatten, wie es so schön heißt, im Interesse des guten Einvernehmens der beiden Armeen in bar auszuzahlen, so daß im Endeffekt Preußen die Anleihe zu 50 v. H bekam. Der zweite Weg, um aus den Bedrängnissen herauszukommen, war die von Stein veranlaßte Verpfändung des preußischen Domänebesitzes. Nach langen Verhandlungen ging Frankreich darauf ein, wenigstens einen Teil der Kontribution in solche neu geschaffenen Pfandbriefe zu nehmen. Altenstein ging sogar einen schritt weiter. Er ordnete den Verkauf oder die Vererbpachtung von Domänen, Forsten und Jagdgerechtsamen an. So wurden unter anderem die Vorwerke der Ämter Chorin, Eldenburg, Spandau, Köpenick, Fürstenwalde, Freienwalde, Fehrbellin, Stahnsdorf, Storkow, Zossen, 24 Seen der Ämter Beeskow und Storkow, die Oberförsterei Liebenwalde, die drei Wassermühlen des Amtes Spandau zum Verkauf gestellt. Aber die Rechnung war ohne den Wirt gemacht. Wo Käufer finden in einem völlig verarmten Lande?
Das dritte Mittel, das einem Finanzminister immer in solcher Lage einfällt, sind innere Anleihen und neue Steuern. Der Versuch einer Prämienanleihe scheiterte völlig. Die große Luxussteuer vom 12. Februar 1809, die den Besitz von Gold und Silbergeräten, Juwelen und Perlen und den Gebrauch von Livreen mit Tressen von Gold und Silber besteuerte, brachte einen kläglichen Ertrag, obwohl der König mit gutem Beispiel voranging und sein goldenes Tafelservice verkaufte. So standen die Dinge am 10. März 1810. Nach Ansicht des Finanzministers blieb nichts übrig, als Stücke von Schlesien Napoleon zum Ersatz für die fällige Kontribution anzubieten. Aber gerade in den Stunden der höchsten Not hat Preußen immer Männer gefunden, die ihm den Weg ins Freie bahnten. Im April kam es zu der denkwürdigen Unterredung zwischen dem König und Hardenberg in Beeskow, weil der König sich nicht entschließen konnte, den Freiherrn offiziell in Potsdam zu empfangen. Das Resultat dieser geheimen Unterredung war der Sturz Altensteins, der Anfang der großen Finanz und Verwaltungsreform Preußens. Was Altenstein nicht gelungen war, Hardenberg stellte das Vertrauen zur preußischen Finanzverwaltung wieder her. Unter seinem Vorgänger hatte man die Steuerlasten zum Teil aus Ungeschicklichkeit einseitig auf die „reiche“ Mark geschoben und die anderen Provinzen nach Möglichkeit geschont. Nun fand man einen gerechteren Ausgleich, und die Märker dankten durch starke Beteiligung an der neuen inneren Anleihe. Gewiß auch Hardenberg konnte die Finanznot nicht beheben. Das Jahr 1813 warf alle seine Pläne über den Haufen. Aber durch seinen Mut, eine schwere Verantwortung zu übernehmen, durch seine aalglatte Verhandlungsart, mit der er Napoleon immer wieder vor entscheidenden Maßnahmen zurückhielt, hat er den preußischen Staat gerettet und ihn trotz aller Finanznot innerlich und äußerlich reorganisiert.