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Landsberg a.Warthe
(Gorzów Wielkopolski)
Einiges aus Landsberg’s Statistik.
Heiraten - Wohnungssuchende und keine Wohnung.
Neumärkische Zeitung   15. November 1925
 
Es gibt viele, die behaupten, Landsberg sei ein großes Dorf. Ich weiß zwar nicht, wo bei uns das Dörfliche zu erblicken ist, aber es gibt eben welche, die es behaupten, und das sind die Gehässigen. Zugegeben, daß nicht gerade der erste Eindruck der beste sein mag. Wir haben nun einmal keinen imposanten Bahnhofsvorplatz und keine breit ausladenden Zufahrtsstraßen dahin. Und dann ist Landsberg einmal etwas eng gebaut, so daß der Verkehr logischerweise nicht über Boulevards hinweg wirbeln kann. Das ist aber schließlich noch kein Grund, Landsberg ein Dorf zu nennen und uns als Dorfbewohner hinzustellen. Wenn das jemand sagt, dann ist’s sicher so ein großk.... Berliner oder Oberflächenkritiker, dem ein Steinkasten mehr wert ist, als eine Stadt mit alter Kultur und Tradition. Nicht die Häuser und Straßen in ihrer toten Starrheit machen die Stadt aus, sondern der Rhythmus der Zeit, der in ihnen zuckt und den Namen „Landsberg“ zu einem lebensvollen Wirtschaftskörper stempelt. Nun kann man freilich einem eingefleischten Großstädter noch so schöne Vorträge über dieses Thema halten, er wird jedoch schließlich erklären: Det is ja janz schön un jut, awa davon merk ick nischt.“ Solche Leute muß man mit Zahlen erschlagen, daß sie baff sind. Ich will Ihnen dazu das nötige Material liefern. Wenn sie also Besuch haben, und es ist eine „Sie“, die sich über uns mokiert, dann servieren sie ihr schleunigst auf dem Präsentierteller das, was sie am besten versteht. Erzählen sie, daß in Landsberg in keinem langsamen Tempo geheiratet wird: durchschnittlich alle 24 Stunden wird ein Brautpaar getraut, das sich getraut, ein trautes Heim zwecks harmonischer Eheführung zu gründen. Woher ich das weiß? Siehe Statistik der Stadt Landsberg über Eheschließungen. April bis Juni sind für Heiratslustige die günstigsten Monate. Kein Wunder, wenn der wonnemonat Mai der Bestgehassteste der Standesbeamten ist. Aber gerade dieser Monat wird von Brautpaaren lyrischer Veranlagung bevorzugt. Die Pastoren haben also reichlich Arbeit, aber, beileibe - es gibt noch mehr: Kindtaufen  stehen noch höher im Kurs. Ein flottes Tempo, in dem sich das Leben ergänzt. Diese Ergänzung in der Bewohnerzahl ist aber auch nötig; denn der Tod schreitet fast so schnell wie das Leben und rafft fast alle 20 Stunden einen Landsberger dahin. Diese Zahlen sprechen doch eine beredte Sprache davon, wie die Zeit jagt, wie der Rhythmus des Lebens in den Mauern unserer Stadt dahin stürmt und das Tempo - nicht für eine Kleinstadtsymphonie - bestimmt. Wenn sie den letzten Satz, den man nach Belieben noch weiter ausdehnen und ausspinnen kann, Ihrer Freundin mit der nötigen Betonung beigebracht haben, wird sie von Landsberg anders denken und nicht wieder von einem großen Dorf reden. Ist sie aber praktisch veranlagt, dann wird sie sich mit Rücksicht auf die Zahl der Eheschließungen und Wohnungssuchenden bald nach der Wohnungsfrage erkundigen. Das ist nun allerdings ein trübes Kapitel, das aber glücklicherweise in anderen Städten genau so traurig bestellt ist. wie bei uns. Die neuen Wohnhäuser schießen leider nicht wie Pilze aus der Erde, das wissen wir, aber bei uns in Landsberg geht es besonders langsam. Im Jahre 1924 hat man städtischerseits gerade ein Haus gebaut und bis jetzt im Jahre 1925 zwei. Wo die Gelder aus der Hauszinssteuer bleiben, das fragt sich der „naive“ Bürger. Sind das Zahlen, die unsere Wohnungssuchenden optimistisch stimmen können? Was andere Leute bauen, kommt hier nicht in Frage, die Stadt hat, als größten Aufgabenkreis der kommunalen Wirtschaft, die Wohnungsbaufrage in allererster Linie zu erfüllen. Aber wir haben ja Geduld, wir warten, warten, warten...bis man auf dem Wohnungsamt an die Reihe kommt. Angenommen, der Stand der Bautätigkeit seitens der Stadt bleibt für die Zukunft derselbe wie jetzt, dann wird der Betreffende etwa 68 Jahre noch auf eine Wohnung warten müssen, wenn er es noch erleben sollte. Immerhin braucht man die Hoffnung nicht zu verlieren; denn die Stadt ist ja bestrebt, mit allen Mitteln dieser Not abzuhelfen. Wen ich jedoch unseren Lesern raten darf, dann möchte ich empfehlen, diese letzten Betrachtungen nicht mit unter den oben bedachten „Rhythmus der Zeit“ zu bringen. Der gute Eindruck könnte da leicht verwischt werden. Vorläufig sollen die wenigen Zahlen davon zeugen, was Landsberg im Laufe der Jahre geworden ist, und wie zwischen den Steinmauern das Leben hastet und drängt. Es ist nicht mehr das gemächliche bürgerliche Tempo früherer Zeiten, das durch den Tag in gleichmäßiger Bestimmtheit zog, der Rhythmus der lebenden Stadt, eingespannt in das internationale Zeitmaß, hat längst von Jahr zu Jahr schneller Arbeit und Leben beschwingt und modernisierend auf die alte Stadt im Osten eingewirkt. Und wers nicht glaubt, der ist kein richtiger Landsberger!