Ein Landsberger Original
Neumärkische Zeitung 18. Mai 1930
Ein wirksames Rezept für Pantoffelhelden und andere Männer
Vor einigen Tagen brachten wir in der „Neumärkischen Zeitung“ einige kleine Erinnerungen des Militärschriftstellers A. von Winterfeld zum Abdruck, die sich auf Landsberg bezog. Von Winterfeld, der in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts hier einen Teil seiner Jugend verbrachte, schildert in seinen Erinnerungen „Aus Landsberg alten Tagen“ weiter eine Persönlichkeit aus dem alten Landsberg, die wir mit Nachstehendem unseren Lesern vorstellen möchten; denn der Mann - es ist der ehemalige Besitzer der „Apotheke zum schwarzen Adler“ -ist doch zu interessant, als daß wir ihn für immer in vergilbten Blättern der Vergessenheit anheim fallen lassen möchten. A. von Winterfeld erzählt wörtlich:
„Wenn ich an die schöne Richtstraße denke, die an der Apotheke vorbeiführt, fällt mir immer der Apotheker Moderow ein. Er war einer der größten Sonderlinge seiner Zeit und seine Ehefrau eine der geizigsten Frauen, die man auf der schönen Erde finden konnte. Sie gönnte keinem Menschen ein Glas Wasser, und selbst ihrem Manne, der doch in sehr guten Vermögensverhältnissen lebte, knappte sie es ab, wo sie nur irgend konnte. Der alte Moderow ließ sich das auch in der Regel ganz ruhig gefallen; denn der Geiz steckt noch bei weiten mehr an als die Verschwendung. Nur in vereinzelten Fällen opponierte er auf seine Art gegen den Willen seiner Frau. Er war ein kleiner, dicker Mann, der aussah, als wenn er aus Speck gemacht und dann mit einer graugelben Farbe angestrichen wäre. Er trug gewöhnlich einen mausegrauen langen Überrock, ein sehr sauberes Halstuch und machte stets das gleiche gemütliche- freundliche Gesicht zu allem, was er tat und sagte. Seine Frau war auch klein und dick, sah aber immer verdrießlich und grämlich aus.
Der alte Moderow trank für sein Leben gern ein Glas Wein und hatte vortreffliche Sorten im Keller; aber er bekam selten eine Flasche davon zusehen, weil seine Frau den Schlüssel hatte und auf gütlichem Wege niemals dazu zu bewegen war, ihrem Manne einen Labetrunk zuzuwenden.
Der Alte ließ sich diese Tyrannei gewöhnlich ziemlich lange gefallen; wenn aber sein Appetit durch langes Fasten doch zu groß wurde, wandte er seine Mittel an, die nie fehlschlugen. War er aber mit seiner Frau allein, fehlte ihm die Courage, seinen brennend gewordenen Wunsch zu realisieren. Wenn jedoch ein männliches Individuum in seiner Nähe war, dann wurde sein Wille eisenhart, und er setzte alles durch, was er wollte. An solchen Tagen nämlich, da ihn der Durst gar keine Ruhe mehr ließ, stellte er sich in die Tür seiner Apotheke und sah sich jeden Menschen an, der vorbeikam. Wenn sich aber ein näherer Bekannter zeigte, wie z.B. mein Vater, dann wurde das feiste Gesicht des alten Moderow noch um ein Bedeutendes freundlicher und behaglicher, und er krähte ihm seinen „Guten Morgen“ zu. Wenn mein Vater dann näher trat, um den Gruß zu erwidern, kniff der Apotheker vor inneren Vergnügen die kleinen fettverwachsenen Augen zu und sagte: „Kommen sie ein bisschen rein; wir wollen eine Flasche Wein zusammen trinken!“ Und wenn mein Vater sich dann bereden ließ und dem alten Moderow durch die Apotheke in die kleine daran stoßende Stube folgte, wo die Frau mit ihrem grämlichen, mißvergnügtem Gesicht am Fenster saß und Strümpfe stopfte, dann nahm ihr Ehegatte ein halbes Dutzend seiner Teller aus dem Eckspind, stellte davon einen vor sich auf den Tisch, an dem er mit meinem Vater Platz genommen und sagte mit unendlicher Freundlichkeit: „Na, Mutter hole uns nur eine rauf von dem Blaugesiegelten!“
Aber Madame Moderow tat, als hätte sie nichts gehört. „Hast du nicht verstanden, Mutterken! Du sollst uns eine raufholen, von dem Blauversiegelten!“ Madame saß noch immer mit grämlichem Gesicht da.
„Willst du keine raufholen, Mutterken?“
Da fing Moderow an, den Teller zu drehen, bis er der Tischkante näher und näher kam. Die Ehehälfte rückte und rührte sich nicht. Bautz! - lag der schöne, weiße Teller auf der Erde und zerbrach in tausend Stücke. Wenn es nicht half, folgte der zweite, dritte, vierte Teller, bis Madame sich endlich entschloß den Blauversiegelten aus dem Keller zu holen.“
So erzählt A. von Winterfeldt. Es ist nicht anzunehmen, daß es in Landsberg heute noch ähnliche Frauen gibt. Sollte es aber doch der Fall sein, dann - bitte -! Das Rezept ist hier! Vorsorglicherweise müßten aber dann von dem „mutigen“ Gatten alle Besen, Eimer, Töpfe usw., versteckt werden - wegen eventueller mißlicher Folgen. Oder gibt es in Landsberg derartige Männer nicht mehr?
-K.W.-