Es wächst das Werk
Neumärkische Zeitung 1. Mai 1929
Der städtische Sparkassen - Neubau
Auf historischen Boden.
Auf dem weiten Bauplatz an der Richtstraße, wo das neue Sparkassengebäude erstehen wird, herrscht Hochbetrieb. Die Arbeit singt in tausendstimmigem Chor ihr Lied und zieht alle Menschen, die hier beschäftigt sind oder in den Büros über Baupläne und Kostenanschläge gebeugt sitzen, und in Werkstätten und Fabriken die Tresore usw. fertig stellen, in ihren Bann. In zwei Schichten arbeiten von morgens 4 Uhr bis abends 10 Uhr 110 Arbeiter und Maurer an dem neuen Gebäude. Die Ausschachtungsarbeiten stehen noch immer im Vordergrund und werden auch noch mindestens 14 Tage andauern. Aus den tiefen Ausschachtungsgruben befördern Elevatoren den Sand und riesige Steine, die vorher zerstückelt werden müssen, an die Oberfläche und direkt in Kastenwagen hinein. Zweihundert solcher mit Sand und Steinen beladenen Wagen rollen täglich von der Baustelle ab, das sind seit Beginn der Arbeit vor vier Wochen also rund 6000 Fuhren - eine höchst beachtliche Leistung. Dort, wo die Ausschachtungsarbeiten beendet sind wächst bereits die Trägersäule, in Eisenbeton ausgeführt, aus der Erde hervor. Zurzeit steht eine Säule, andere sind im Bau. Doch auch für die Maurer ist viel Arbeit vorhanden. Gegenwärtig ist man dabei, die Grundmauern des Seitenflügels zu errichten, und die Mauern des Kellers sind schon so hoch, daß sie in den nächsten Tagen zum ersten Mal über den Bretterzaun, der die Richtstraße von dem Bauplatz trennt, schauen werden, um der Bürgerschaft zu erzählen, wie langsam, aber sicher der neue Bau entsteht. Völlig unnötige Frage, warum man es gerade mit dem Ratskeller - der Rohbau wird in 14 Tagen fertig sein - so eilig hat.
Bei den Ausschachtungsarbeiten haben sich riesige Schwierigkeiten hindernd in den Weg gestellt und das rüstige Vorwärtsschreiten des Baues beträchtlich aufgehalten. Der Boden auf dem das Gebäude erstehen wird, ist historisch. Über das Baugelände zog sich die ehemalige Stadtmauer hin, die großen Findlinge, die täglich unter vielen Mühen ausgebuddelt werden, sind ihre letzten Zeugen. Aber nicht allein die Reste der alten Stadtmauer machen Schwierigkeiten. Da liegen seit dem Dreißigjährigen Kriege, als Landsberg völlig vernichtet wurde, noch gewaltige Schuttmassen unter der Erde gerammt, um die unter der Richtstraße hervorquellenden Schuttmassen aufzuhalten. Würde man das nicht tun, würde eines Tages die Richtstraße an dieser Stelle versinken. Für die ganze Bauweise unserer Vorfahren ist bemerkenswert, wie sich bei den Ausschachtungsarbeiten herausstellte, daß sie sich nach dem Dreißigjährigen Kriege wenig um die verbrannten Reste und den Schutt ihrer ehemaligen Stadt kümmerten, sondern frisch und fröhlich auf diesem Schutt ihre Häuser bauten, wie z.B. die alte Hauptwache. Auch die Richtstraße führt über Schuttmassen hinweg, ursprünglich lag sie bedeutend tiefer. Ein altes Kellergewölbe, das bei den Arbeiten freigelegt wurde und jeden Altertumsfreund entzücken dürfte, wird in der nächsten Zeit der Spitzhacke zum Opfer fallen.
Viel Arbeit macht auch, das an die Baustelle angrenzende Privathaus zu stützen. Es ist ein altes Fachwerkgebäude, das ohne Grundmauern auf der freien Erde aufgebaut wurde. Da die Ausschachtungsarbeiten aber sieben Meter in die Tiefe gehen, mußte das Gebäude stückweise unterfangen werden und erhält nun endlich auf diese Weise seine Grundmauern. Die starken Baumstämme, die das Gebäude nach allen Seiten hin stützen verhindern den Zusammenbruch, der ohne diese Balken bestimmt schon eingetreten wäre.
Schließlich spielt auch der Frost eine allerdings nur kleine Rolle. Der „Frühling“ hat es bisher nicht vermocht, den Frost restlos aus der Erde zu vertreiben. So mußte der Hexenbrunnen auf dem Bauplatz gestützt werden, um nicht einzufallen. Trotz all dieser Schwierigkeiten aber geht es vorwärts. Mag mancher Schweißtropfen sich mit den Ascheresten aus dem Dreißigjährigen Kriege vermischen, mag man halbverzweifelt vor den großen Findlingen stehen, der Bau geht voran. Die Stahlharten Muskeln der Arbeiter und Maurer, die reichen Kenntnisse und Erfahrungen der Baumeister schaffen das Werk. Und - nach getaner Arbeit, wenn das Werk vollendet, winkt - der Ratskeller.
-Frn.-