Wenn ich in Landsberg Fremdenführer wäre...
Landsberger Generalanzeiger 1936
Wenn ich in Landsberg Fremdenführer wäre, würde ich als wandelnder Baedeker die Globetrotter auf dem Hauptbahnhof um mich versammeln und folgende Ansprache halten: Wanderer, die ihr die Neumark kennen lernen wollt, bedenkt von vornherein, dass in unserer Stadt die Gegenwart viel messbarer zum Besucher spricht - als die Vergangenheit. Wenn ihr euch beim Einmarsch in unserer betriebsamen Stadt umschaut, werdet ihr in der Bahnhofstraße schon ein Stück Neulandsberg sehen. Schaut nur, wo hier die neuzeitlichen Wohnhäuser stehen, befanden sich noch vor kurzer Zeit alte, bucklige, unansehnliche Häuschen , die ein Jahrhundert überdauerten, nun aber zum Abbruch reif waren, da sie nicht mehr der Würde unserer Stadt entsprachen. Und ist es nicht eine Freude, an ihrer Stelle Wohnhäuser zu erblicken, die sich in den Rahmen der Umgebung neuzeitlich einfügen?
Bitte lassen sie ihren Blick in die Weite streifen. Dort am Endpunkt der Straßenkreuzung stand das alte Hospital, das den Blick in den neuen Stadtteil mit seinen schönen villenartigen Häusern versperrte. Über diese Abbruchstelle hinweg wird auf breiter Basis die schönste Straße unserer Stadt führen. Sie wird das Bahnhofsviertel mit dem neuen Stadtteil verbinden und zu einer lebhaften Verkehrsstraße werden. Dort wo der hohe Bauzaun die Arbeit vieler Menschenhände verbirgt, wird sich der Monumentalbau des Gymnasiums und in nächster Nähe das neue Finanzamt erheben. Beide werden dieser besonderen Straße einen eigenartigen Charakter geben. Achtung! Achtung! Schauen sie zu jenen lichten Höhen empor, auf der sich die Kasernen in ihrer schlichten Größe erheben. Folgen sie mir nun nach Landsberg Neuland. Langsam steigt dort eine Siedlung empor, die in allen Teilen wie ein sonniges Märchen erscheint. Da stehen landhausähnliche Häuschen auf halber Höhe, während andererseits wieder freundliche Eigenheime aus farbenprächtigen Gärten in der Tiefe, ganz im grünen geborgen, liegen. Aus diesem stillen Winkel lassen sie uns jetzt in das Herz unserer Stadt schreiten, wo sie ihren Pulsschlag am deutlichsten fühlen. Durch die Küstriner Straße mit ihren starken Verkehr steigt nach Passieren der Hauptgeschäftsstraße auf dem Marktplatz das Wahrzeichen unserer Stadt, die Marienkirche, mit ihrem wuchtigen Turm auf. Sehen sie nur, wie der Sonnenschein den alten Backsteinbau liebevoll umsprüht. In dieser Kirche ist das Geweih eines Hirsches, der, verfolgt von Wölfen, durch die offene Tür des Gotteshauses flüchtete und verendete. Nun wird sie das Grauen ein wenig packen, wenn ich ihnen von der Hexenverbrennung auf dem Marktplatz berichte, auf dem seit 50 Jahren alle Kastanienbäume ihre Zweige ausbreiten, ein wunderbares Bild, wenn sie ihre roten Herzen in schönen Frühlingstagen zur Schau tragen. - Und da wir nun einen Blick in die Vergangenheit getan haben, wollen wir das städtische Museum unter Führung von Archivar Buchholz besuchen, um den Geist längst vergangener Zeiten einmal zu verspüren, denn nirgends wird die Vergangenheit unserer Stadt so lebendig ,wie an dieser Stelle. Krieg und Frieden, Niedergang und Aufbau führen hier eine eindringliche Sprache. Kommen sie auch bitte mit in den Hof des Rathauses, dessen Rundbau daran erinnert, dass an ihn einmal das neue Rathaus in seiner ganzen Formenschönheit sich anschließen wird. Noch einmal werden sie hier an die Hexenprozesse erinnert. Blicken sie zu dem steinernen Brunnen hin, auf dessen Höhe eine Hexe nach ihrer Art auf einem Besen reiset.
Ich werde sie nun auch durch Alt-Landsberg führen. Ist es nicht, wenn wir durch die krummen Gassen mit ihren alten Bauten schreiten, als wandelten wir in einer längst verblassten Zeit? Glauben sie mir, auch hier wird das neuzeitliche Bestreben, Licht, Luft und Sonne in die Wohnhäuser zu tragen, den Sieg erringen. Neue Straßen werden mit dazu beitragen, Landsberg zu einer schönen Stadt zu gestallten. Nicht weit davon wollen wir nunmehr die eigenartigen Höfe besuchen, die an die Zeit erinnern, in der Landsberg ein wichtiger Handelsplatz für Wolle u.a.m. war. Wenn wir dann an der grünumsponnenen Stadtmauer stehen, die wie für die Ewigkeit erbaut erscheint, steigt noch einmal die Vergangenheit empor. Dort standen in frühen Jahren wehrhafte Mannen im Kampf gegen die Feinde der Stadt. - Von der Düsterlohschanze auf leicht erreichbarer Höhe im Quilitzpark lassen sie uns einen Blick über das interessante Stadtbild tun. Die hochaufragenden Schornsteine der Fabriken, die ihre Rauchfahnen zum Himmel aufsteigen lassen, sind stolze Zeugen unserer Industrie. Viele, viele Arbeiter der Stirn und der Faust haben dort Beschäftigung und Brot gefunden.
Im Stadtpark wollen wir im Rosen und Steingarten, an der mit Tieren belebten Wildwiese und an dem Kladowsee mit Schwänen und Enten rasten. Und nun wollen wir die Wälder und Seen, das Schönste der Ostmark, bewundern. Dann werden sie verstehen, wenn wir Landsberger uns dagegen wehren, wenn man hinter Berlin verächtlich von der Ostmark, um ein "geflügeltes Wort" zu gebrauchen, von der " Streusandbüchse" spricht. Meine Führung, meine Damen und Herren- so würde ich sprechen, wenn ich in Landsberg Fremdenführer wäre- ist zu Ende. Ich darf sie wohl bitten, wenn sie wieder zu Hause sind, werben sie für unser altehrwürdiges Landsberg und unsere ganz besonders schöne Ostmark.
Sch.-T.