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Landsberg a.Warthe
(Gorzów Wielkopolski)
 
Der Provinzialausschuß in Landsberg
Neumärkische Zeitung    9. August 1929

Die Not der Ostmark
Verkehrsprobleme
Das Warthe- und Netzebruch
Der Provinzialausschuß lobt Landsberg
 
Die Ostmark in Not! Immer lauter und immer eindringlicher klingt dieser Ruf durch die deutschen Lande. Verzweifelt kämpft die Ostmark um ihre Existenz. Aber der Kampf wird vergebens sein, wenn nicht tatkräftige und ausreichende Hilfe aus dem Reiche kommt, wenn sich das Reich nicht einmütig hinter die Bevölkerung des Ostens stellt und sie in ihrem schweren Kampfe stützt. Presse und Ministerreisen in die Ostmark haben stattgefunden, und gottlob, sie haben dazu beigetragen, daß man die Not erkannt und daß schnelle Hilfe erforderlich ist, wenn die Ostmark nicht zum Erliegen kommen soll. Nun weilt zurzeit der Brandenburgische Provinzialausschuß in der Ostmark und hat gestern den Kreis und die Stadt Landsberg besichtigt. Wir hoffen, daß auch der Provinzialausschuß zu der Erkenntnis gekommen ist, daß er alle Hebel in Bewegung setzen muß, um helfend einzugreifen, damit die Not wenigstens nicht weiter um sich greifen kann. Bannen wird man sie vorläufig nicht können, denn solange die unsinnige neue polnische Grenze besteht, solange besteht auch die Not im Osten und damit die Not im Kreise und in der Stadt Landsberg.
Zweifellos ist viel getan, und manches ist geschehen, um die Not zu lindern. Aber noch bleibt unendlich viel zu tun übrig, um die Wirtschaft wieder zu beleben und den Menschen Brot und Verdienst zu geben, damit sie nicht gezwungen werden, in andere Gebiete abzuwandern.
Die Reise des Provinzialausschusses nahm am gestrigen Mittwoch in Küstrin ihren Anfang. Unter den Teilnehmern befinden sich der Oberpräsident, der Regierungspräsident, der Landeshauptmann und mehrere Landesbauräte und Regierungsräte, sowie die Mitglieder des Provinzialausschusses.
Der Zweck der Reise besteht darin: Der Provinzialausschuß will sich, fern von allen Aktenstaub und fern von wunderschön zusammengestellten Statistiken, mit eigenen Augen über die Ostprobleme der Provinz informieren und zusehen, welche Nöte vorhanden sind, was geschehen ist, um diese Nöte zu beseitigen, und was noch getan werden muß. Nach dieser Richtung hin ergibt sich für den  Kreis Landsberg:
Das wirtschaftliche Rückrat des Kreises bildet die Land- und Forstwirtschaft. Industrie ist nur wenig - in der Hauptsache in den Orten an der Ostbahn - vorhanden. Vor dem Kriege blühten Schifffahrt, Flößereibetrieb und Holzindustrie; die neue Landesgrenze hat sie lahm gelegt. Wie unheilvoll sich die Grenzziehung im Kreise Landsberg auswirkt, zeigt sich im Folgenden: Verkehr. Durch die willkürliche Grenzziehung sind die großen Nord - Süd Verbindungen östlich des Kreises Landsberg, sowohl was Eisenbahn wie Straßen angeht, abgeschnitten worden. Der gesamte Nord - Süd Verkehr zwischen Pommern, Brandenburg und Schlesien geht durch den Kreis Landsberg und muß über die Warthe und Netze. Das bedingt aber eine außerordentliche Inanspruchnahme des Chausseeverkehrs und der Flußbrücken. Da die Eisenbahnquerverbindungen miserabel und bis heute noch nicht ergänzt sind, werden die Straßen teilweise als Bahnersatz doppelt belastet. Neben der verstärkten Abnutzung der Straßen ergab sich die Notwendigkeit die Flußübergänge über Warthe und Netze zu ergänzen und zu verstärken. So wurde 1927 vom Kreise die massive Brücke bei Zantoch gebaut. 1928 baute der preußische Staat die Massivbrücke in Driesen, ihr folgte 1929 die am Sonntag eingeweihte neue Netzebrücke bei Alt- Beelitz.
Die Stadt Landsberg verfügte bis lange nach dem Kriege nur über eine Holzbrücke, die dem verstärkten Verkehr aber nicht mehr Stand halten konnte. So wurde ab 1923 an Stelle der Holzbrücke eine Massivbrücke geschaffen. Dieser eine Flußübergang in Landsberg genügte nicht dem Verkehr. Der Kreis Landsberg entschloß sich dafür, bei Fichtwerder einen Brückenbau vorzunehmen. Diese Brücke, die sich bekanntlich noch im Bau befindet, jedoch Anfang November ihrer Bestimmung übergeben werden wird, kostet 1,2 Millionen Mark, wovon das Reich 475 000 Mark, die Provinz 275 000 Mark, die Kaufmannschaft der Stadt Landsberg 50 000 Mark, der Kreis Oststernberg 175 000 Mark Beihilfe gegeben haben; den Rest bezahlt der Kreis Landsberg. Die Brücke wird mit 684 Meter Gesamtlänge die größte Straßenbrücke Deutschlands sein. Die zahlreichen notwendigen Brückenbauten bedingen gleichzeitig erhebliche Straßenneubauten, um bessere Anschlußverbindungen für den Durchgangsverkehr zu schaffen.
Das Eisenbahnnetz östlich der Oder bedarf, wie erwähnt, dringend der Ergänzung. Wohl sind eine Reihe von Problemen - in erster Linie der Bau einer Verbindung von Driesen über Lipke nach Schwerin durch die Kreise Landsberg und Friedeberg - erwogen, aus Mangel an Mitteln müssen sie aber zurückgestellt werden.
Die Wirtschaftslage. Wie schon oben gesagt, hat die an sich schon schwach vertretene Industrie unter der Grenzziehung schwer gelitten. Nach den Erhebungen haben die industriellen Werke 20 - 75 Prozent ihres Absatzgebietes verloren. Betroffen hiervon ist in erster Linie die Holzindustrie. Noch schwerer wiegt der Schaden, der durch die Lahmlegung der vorher auf Warthe und Netze umfangreich betriebenen Flößerei und Frachtschifffahrt entstanden ist. Eine ganze Reihe von Dörfern im Kreise lebte hiervon; sechs dieser früher blühenden Dörfer sind jetzt völlig verarmt. Ein Teil der Bevölkerung ist abgewandert, ein Teil belastet die übrigen Berufszweige, ein Teil ist der öffentlichen Wohlfahrtspflege anheim gefallen. Nicht geringer ist der Schaden, den die Landwirtschaft dadurch erfahren hat, daß die Oberläufe der Warthe und Netze jetzt polnisch sind. Polen unterhält seine Flüsse schlecht, die Folgen sind die ungeheuren Überschwemmungen, von die die Landwirtschaft an den Rand des Unterganges gebracht haben.
Das Warthe und Netzebruch sind nach wie vor gefährdet. Beide von Friedrich dem Großen urbar gemachten und besiedelt, drohen infolge der Überschwemmungen wieder zu ersaufen. Hierzu sind notwendig: Neueindeichung (hauptsächlich im Netzebruch), Verstärkung der Deichanlagen, Verbesserung der Schöpfeinrichtungen und der Schleusen. Da diese Arbeiten über den Rahmen gewöhnlicher Meliorationen hinausgehen, hat der preußische Staat durch das Warthe- Netzebruch- Gesetz 12,7 Millionen zur Verfügung gestellt. Mit den Arbeiten ist bekanntlich begonnen worden; sie sollen innerhalb 5 Jahren durchgeführt werden. Das ist in großen Umrissen das, was im Kreise Landsberg getan ist und was noch getan werden muß. Der Provinzialausschuß hat eingehend alles besichtigt und erkannt, das Abstellung der dringendsten Nöte erforderlich ist. Auf seiner  Reise durch den Kreis Landsberg wurde zunächst der Brückenbau in Fichtwerder besichtigt. Die Mitglieder des Ausschusses ließen sich durch die Fähre übersetzen, um den derzeitigen, mehr als miserablen Verkehr festzustellen. Dann erfolgte die Weiterfahrt auf der Seite der Warthe nach Wepritz. Unterwegs wurde bei Gerlachsthal das Schöpfwerk von Deichhauptmann Beyer im Betrieb vorgeführt.
Landsberg. Nach einem Frühstück, daß von der Stadt gegeben wurde, übernahm Oberbürgermeister Gerloff und Stadtverordnetenvorsteher Groß die Führung. Zunächst zeigte Fabrikbesitzer Paul Bahr das Volksbad, das mit größtem Interesse besichtigt wurde. Allgemein war man von diesem großen Kulturunternehmen der Stadt begeistert. Anschließend folgte eine Rundfahrt über die Warthebrücke, durch die Brückenvorstadt und über den Wall. Dann wurde das Stadttheater innen und außen besichtigt. Sämtliche Mitglieder des Ausschusses sprachen sich lobend über diesen schönen Bau aus. Am Nachmittag ging es wieder in den Kreis. In Zantoch wurde die Netzebrücke besichtigt. Hier erläuterte Landesbaurat Blumenthal an Hand von Karten das Eindeichungsprojekt an der Netze. In Pollychen wurde dem Morrn- Pollychener Deichverband und dem neuen Schöpfwerk ein Besuch abgestattet. Das nächste Ziel war Lipke. Hier wurden die Erdarbeiten für den Deichbau besichtigt. Gleichzeitig erhielten die Teilnehmer einen Einblick in das Netzebruch und in die Wege und landwirtschaftlichen Verhältnisse des Bruches. Gegen Abend kehrte der Provinzialausschuß wieder nach Landsberg zurück und folgte hier der Einladung des Kreises zu einem Bierabend, in dessen Verlauf man sich noch angeregt über das Gesehene und Gehörte unterhielt. Heute, Donnerstag, früh fuhr der Provinzialausschuß in den Kreis Friedeberg. Nachmittags weilt er im Kreise Oststernberg und am Abend in Schwiebus. Mit einer Sitzung am Freitag in Züllichau schließt die Ostmarkreise.
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