Landsberger Farbspiele
Neumärkische Zeitung 15.Oktober 1925
Landsberg mit seinen Schönheiten muß man schluckweise genießen. Die Stadt, die Anlagen, die Wälder, die Umgebung, jedes muß für sich genommen werden. Einmal, an einem Herbsttage, schlendert man durch die Stadt, in der ein Schleiermacher seine zündenden Worte von der Kanzel sprach. Und dann sitzt man am Abend in einer kleinen Wirtschaft, aus welcher die Saiten einer Fidel erklingen. Nicht weit ab von den Wassern der Warthe liegt sie, fast in verborgenem Winkel. Der Geruch des Wassers und letzter Blütenduft steigt herauf. Ein andermal geht man des Weges, hinauf in den Quilitz Park - unten liegt die Stadt, ungewiß in der Dämmerung der Nacht, wie ein einziges steinernes Meer und bauschiger Watte - die Kirchtürme ragen aus dem Dunkel und neben mir steigt über grünen Fluren und dunkles Gemäuer eine erhabene Einsamkeit auf. An einem Oktobertag sah ich die Stadt zärtlich verklärt. Oben standen wir am Tempel im Park. Unten lag die Stadt - ein Geschiebe von Dächern und brauner Flächen. Das rieselnde Herbstlicht hing violett- braune Schleier dazwischen. Inmitten stand der mächtige Turm der St. Marienkirche - wie ein Soldat im Helm, mit einem Buschen dran. Dahinter, von Rauchschleier überwallt, im blauen Schatten ins Ungewisse aufgelöst, grüßten die fernen Wälder. Durch einen Baum blitz die Warthe. Rechts steigt, umflutet von Grünen, die Stadt hinan. Hoch über allem stehe ich. Gleich einem Dom weitet sich über mir herbstlicher Himmel in strahlendem Sonnenblau. Der Stadt entgegen führt mich wieder mein Weg; da stehe ich vor der alten Marienkirche, die so manches Jahrzehnt überdauert. Marienkirche - das Wort ist voller Glockenton. Hier umschließt der feierliche romantische Stil hohe Wölbungen. Tritt ein - über dir entschwebt Licht und zart und wolkenleicht der Raum. Es ist nicht mystische Walddämmerung, die im Kölner Dom die dunklen Schleier um dich schlägt. Weiß, klar, perlig schimmern hier die Wände - sie scheinen den Raum wie feine, glatte Tücher nur zu umhängen. Schlank und leicht und in weich beschatteten Profilen steigt das Pfeilerwerk auf, oben sich findend. In der Tiefe schlicht und schmucklos auf Steinplatten gestellt, reiht sich das Gefühl in reinem Weiß. Schimmerndes Weiß, sanftes Grau - dieser Zweiklang gibt dem Raum die wohltuende feierliche Heiterkeit. Auf dem Turm stieg ich in engen Treppenwindungen aufwärts. Die Stadt sank immer tiefer und die Warthe grüßte in weit geschwungenen Windungen herauf. Dann stand ich oben, vom Wind herzhaft gestimmt, im prickelnden Oktoberlicht. Dörfer lagen weit draußen im Land. Und in versonnener Ferne leuchteten Wälder in letztem Sonnenschein. Beinahe bringt man es fertig, das Geld zu verachten, das andere haben. Und wenn man in den alten malerischen Winkeln unserer Stadt herum steigt und dann denkt, welch bedeutende deutsche Männer hier gegangen sind, entsinnt man sich zustimmend der Sätze, die ein deutscher Dichter, fünfzehnjährig, an seine geldgierige Schwester als Neujahrsgruß schrieb. „Fast jeder wünscht zu dieser Zeit gutes. Was werde ich Dir aber wünschen? Ich muß wohl was Besonderes haben. Ich wünsche Dir, daß Dir dein ganzer Mammon gestohlen würde. Vielleicht würde es Dir mehr nutzen, als wenn jemand zum neuen Jahre Deinen Geldbeutel mit einigen 100 Stück Dukaten vermehrte“. Er schrieb das in jenem Briefe, in dem er, der Fünfzehnjährige, den bleibenden Satz hämmerte: „Schreibe wie Du redest, so schreibst Du schön!“ Hinab wieder auf die Erde der Menschen. In dem Gasthause am Markt lässt es sich träumen. Man schlürft köstlichen Wein aus grünlich schimmernden Römern. Verweilt und faßt den geriffelten Römerfuß wie einen Schwertknauf und denkt:
Und die Erinnerung sinnt und sinnt,
Um Giebel und Dächer ihr Goldnetz spinnt,
Der Heimat Zauber umschmeicheln mich;
Du meine Heimat, wie lieb ich dich!
In dieser Erkenntnis offenbart sich uns Menschen die Wahrheit, daß kein anderes Volk ein gleiches Wort „Heimat“ besitzt. Ahnen wir nicht, was aus diesem Wort für das deutsche Gemüt hindurch zittert? Alle versonnene Innigkeit, die ganze Verträumtheit unseres eigensten Wesens, das Bodenständige, die heiße Liebe zur Scholle, die uns geboren, dies alles flutet zurück in mein Inneres. Jauchzen, Wehmut, Mutterliebe und verhallendes Abendgeläute umweht uns, wenn die rechte Liebe zur Heimat uns erhalten blieb. Noch ist’s Zeit genug um einen Zweistundenweg zu wagen. Hinaus die Cladower Straße gen Cladower Teerofen. An reifenden Hagebutten vorüber geht der Weg und am Waldessaume entdeckt man dann die wunderhübsche Gaststätte mit dem stets freundlichen Wirt. Ein großer Baum wächst vor dem Hause, eine umrankte Veranda ladet zum Verweilen ein. Man tritt ein und beglückwünscht sich zu diesem Abstecher. Denn hier ist die Heiterkeit zu Hause. Alte Gebäude umschließen einen Hof, aus kleinen Fenstern schaut man auf die Straße, und auf sauberen Boden stehen blitzblanke Tische und Stühle. Draußen fächelt der Wind um die Bänke am Waldrande - Blätterschatten und Sonnenkringel spielen auf ihrem Holz. Astern blühen in einem Gärtchen. Hier läßt’s sich gut sein und wer auf seinen Gaumen und Magen besondere Sorgfalt verwendet, ist hier an der rechten Stelle. Jetzt kann man des Nachmittags noch draußen sitzen. Mit bunten Fahnen zieht der Herbst über Wald und Feld. Im nahen Walde haben die Bäume ihre wallenden Banner gehisst. Die Zeit ist da, wo unser heimatlicher Wald am schönsten ist, wenn vor allem der Tiere heißer Liebesschrei aus unbekannter Weite zu uns dringt. der Herbst streut buntes Blätterkonfetti auf die Wege, auf denen der Sommer ging. Still sinkt der Abend hernieder, nur des Mondes Silberlicht leuchtet uns und läßt die Elflein tanzen, da drinnen im Walde. In der Ferne blitzen Lichter. Drüben im Dorf flammen die Giebel auf und Gesang klingt herüber zum einsamen Wanderer. Der Herbst kredenzt Schönheit, aber in einer der nächsten Nächte wird er glühende Dahlien tödlichen Frosthauch über Blüten jagen.
Schi.