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Landsberg a.Warthe
(Gorzów Wielkopolski)
Landsberg erwacht
Neumärkische Zeitung   2. Juni 1931

Im Juli stehe ich gern mit der Sonne auf. Und dann schlendere ich durch die Straßen und Parks. Es hat einen eigenen Reiz. Die Kühle, auch jetzt im Hochsommer meist fast kalte Luft der ersten Morgenfrühe zwischen vier und fünf Uhr tut unendlich wohl. Es ist, als sei man in ein anderes Klima versetzt. Und dann sieht man die Stadt langsam erwachen.
Landsberg scheint eine sehr solide Stadt geworden zu sein. Kaum, daß man einem Nachtschwärmer begegnet, auch nicht am frühen Sonntag. Man sieht niemanden nach Hause eilen. Nur hier und da begegnet man einem Beamten der Nacht- Wach und Schließgesellschaft auf seinem Rade, und da kommt eine Polizeipatrouille um die Ecke, sonst ist in der Innenstadt noch alles tot, die Straßen leer und verlassen.
Die eigentlichen Frühaufsteher sind die Vögel und die Angler. In den Bäumen zwitschert es laut und lustig und auf dem Damm in der Priesterstraße picken drei Tauben. Sie lassen sich so wenig stören wie ein Spatz am Kladowteich, an den ich auf Schrittlänge herantrete. Er fühlt sich offenbar ganz sicher. Am Tage ist er scheuer, jetzt kann er sich nicht denken, daß irgendjemand den Morgenfrieden stört.
Ich weiß nicht, wann die Angler aufstehen. Sie waren immer schon da, wenn ich auf die Warthebrücke kam. Unbeweglich wie Statuen stehen sie auf beiden Ufern und lassen den Angelhaken mit der Strömung flußabwärts gleiten, ich habe immer die Geduld der Angler bewundert. In dieser nervösen aufgeregten Welt erscheinen sie mir wie Fremdlinge in ihrer unmodernen Ruhe. Wer angelt, braucht jedenfalls keinen Nervenarzt, kein Sanatorium.
Angler sind stumm. Ich möchte mich gern mit ihnen unterhalten, gern wissen, was sie fangen, aber ich wage nicht, sie anzusprechen. Ich fürchte immer, sie haben das nicht gern. Man kann ihnen lange, stundenlang, zusehen. Selten, daß mal ein Fisch anbeißt. Aber die Angler haben Geduld und Zeit. Sie machen alles mit einer Ruhe und Gelassenheit, die andere Menschen kaum aufbringen. Auch wenn sie die Angelrute hinlegen, und aus Brot sich einen Köder kneten, so geht das alles mit einer fast zeremoniellen Gemessenheit vor sich.
Zwischen fünf und sechs wird es auf der Brücke lebendig. Dann kommen vor allem die flinken Radler mit Taschen und Rucksäcken, fleißige Arbeiter, die zur Arbeitsstätte eilen. Aber auch andere Fahrzeuge - Motorräder und Lastwagen. Das wirtschaftende Landsberg erwacht.
Nach sechs Uhr wird es Zeit, in den Stadtpark zu gehen. Da stehen schon die ersten Tierliebhaber an der Wildwiese. Manch einer opfert wohl eine Viertelstunde von seinem Schlaf, um noch mit den Rehen vor der Arbeit stumme Zwiesprache zu halten, bringt wohl auch eine Semmel vom Frühstückstisch mit, um einen seiner Lieblinge zu füttern.
Auch im Rosengarten wird es lebendig. Er wird ja leider erst um 8 Uhr geöffnet. Aber das geht wohl nicht anders. Doch die Gärtner sind schon an der Arbeit, schneiden und sprengen. Und dann kommen die Brunnentrinker mit ihren Kurgläsern. Sie schlendern gemächlich und kurgemäß einher oder sitzen auf den bequemen, weißen Bänken. Auch Spaziergänger, einzeln und in kleinen Gruppen machen die gewohnten Runden um Kladowteich und Wildwiese.
Um ½ 8 Uhr wird’s lebendiger. Das alltägliche Leben setzt ein. Dann haben Menschen und Dinge nichts Besonderes mehr an sich. Der Vortag ist zu Ende. Der Zauber der ersten Morgenstunden ist verflogen. Aber es war ein Zauber. Und die ihn kennen genießen ihn gern und dankbar immer von neuem, gerade jetzt, im heißen und staubigen Juli.
-r.-