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Landsberg a.Warthe
(Gorzów Wielkopolski)
Korbweidenzucht in Landsberg
Neumärkische Zeitung 3. September 1931

Anbau von Weidenkulturen - Die Bearbeitung der Weidenstöcke in der Werkstatt.
Vor dem Kriege stand in Deutschland die Herstellung von Bedarfsartikeln aus den Stämmen der Korbweide in hoher Blüte. In dem früheren Westpreußen, vor allem an den engen Ufern der Weichsel, wuchsen die Weiden ohne Pflege wild auf und lieferten ein durchaus brauchbares Material. Es werden sich noch viele Menschen aus jenen Gegenden daran erinnern, wie sie als Kinder mit Körben aus Weidengeflecht zum Kaufmann wanderten oder in Korbstühlen aus Weiden gesessen haben.
Während des Weltkrieges wurde die private Nutzung der Korbweiden durch Pächter von der Heeresverwaltung untersagt. Die Beschaffung von Rohr war in Deutschland allmählich unmöglich geworden, und nun mußten vor allem die Munitionskörbe aus Weidenstämmen gearbeitet werden. Nach dem Kriege ging der deutsche Weidenindustrie durch den polnischen Raub der Provinzen Posen und Westpreußen der beste Boden zur Weidenzucht verloren. Aber der deutsche Weidenzüchter ließ sich nicht abschrecken und ging frisch an die Arbeit. In den letzten zehn Jahren sind im Deutschen Reiche in steigenden Maße Weidenkulturen angepflanzt und gezogen worden. Das finanzielle Ergebnis war im Allgemeinen günstig. Das letzte Jahr allerdings hat einen erheblichen Rückgang des Bedarfes gebracht. Einerseits trägt die fortschreitende Verschlechterung der Wirtschaft daran Schuld. Die großen Glasfabriken in Stralau und Dresden, die bis zu 200 Korbflechter beschäftigten und ungefähr 200 Waggons Weiden jährlich zur Herstellung von Versandkörben benötigten, haben ihren Betrieb bedeutend verkleinert. Andererseits aber ist das Grundübel der traurigen Lage der deutsche Korbweidenzüchter die hemmungslose Einfuhr der ausländischen und zwar besonders der polnischen Weiden, die durch niedrige Zollsätze begünstigt wird. Die Polen sind durch ihre reichen Bestände an Weiden in der Lage, diese zu Preisen zu liefern, die nicht einmal die Werbekosten der deutschen Weidenzüchter decken. Eine angemessene Erhöhung der deutschen Zölle für die Einfuhr von Weiden wäre also durchaus am Platze.
Vielen Bürgern unserer Stadt dürfte es noch nicht bekannt sein, daß auch in Landsberg (Warthe) eine Fabrikation von Weiden betrieben wird. Die Firma Paul Meyer, Küstriner Straße 60/ 61, hat Weidenkulturen in Roßwiese angelegt und beschäftigt sich mit der Herstellung der verschiedensten Artikel aus Weidenruten. Eine Besichtigung der Weidenkulturen und Beobachtung der Arbeitsvorgänge in der Werkstatt vermittelten einen interessanten Einblick in den dortigen Betrieb. Eine Bodenfläche von 2000 Quadratmetern ist mit Weidenkulturen bepflanzt. Bis zu 3 Meter Höhe ragen die schlanken, geschmeidigen Stämme empor. Man sieht Korbweiden im Alter von 1 bis zu 3 Jahren. Je nach dem Jahrgang werden nun die Stöcke verarbeitet.
Die einjährigen Stämme, die nicht geschält werden, sondern die Rinde behalten, verwendet man zur Herstellung von Kranzreifen, Fischreusenbügeln, sowie von Reifen für Zementtonnen und Packfässern. Aus diesen Ruten werden auch die Körbe geflochten, in denen Flaschen mit Likör, Essig usw. nach dem Ausland, besonders nach England, verfrachtet werden. Auch Fischversandgeschäfte verwenden derartige Körbe zum verpacken ihrer Ware.
Zwei und dreijährige Weidenstöcke werden von der Rinde befreit und schimmern dann in einer hellen, weißen Farbe. Diese Stöcke gebraucht man als Reifen für Buttertonnen. Reifen für halbe Buttertonnen sind in der Regel 1,65 Meter lang, für große Buttertonnen sind Reifen von 1,75 Meter Länge notwendig.
Für Korbmöbel finden diese weißen Ruten ebenfalls Verwendung. Aus den dreijährigen, stärksten Stöcken werden die Füße der Korbmöbel geflochten. Betrachten wir nun die Herstellung und den Arbeitsvorgang in der Roßwiesener Werkstätte. Die Stämme der Weiden werden mit einem besonderen Messer abgeschlagen. Dann kommen die Ruten auf die Spaltbank, werden gespalten und wenn es sich um weiße Stöcke handelt, geschnitten, das heißt von der Rinde befreit und an den Enden schwächer ausgebildet, um das Biegen zu erleichtern. Dann gehen die gespaltenen und geschnittenen Ruten über eine Bügelscheibe und einen Bügelbock. Bei diesem Vorgang erhalten die Stöcke eine gewisse Elastizität, werden gebogen und mit der Hand gerundet. Dann werden die Reifen mit der abgeschälten, zähen grünen Rinde gebunden, je 6 in einen Ring gefaßt und zu 10 Ringen in einen Bock gelegt. In diesem Spannapparat bleiben die Ringe eine Zeit lang eingepreßt liegen. Von hier aus schafft man die Reifen in geheizte Räume zum Trocknen und dann geht es in die Lagerräume. Damit ist der Weg, den die Weidenstöcke bis zur Fertigstellung durchlaufen müssen, beendet. Das Wort hat jetzt der Verbraucher.
Der Zeitpunkt, an dem mit dem Schneiden der Weidenstämme begonnen wird, ist ungefähr der 13. September. Werden die Kulturen früher gehauen, so gehen die Stämme ein. Die Hauptarbeit der Fabrikation fällt also in die Winterzeit. Den Sommer benutzt der Züchter zur Pflege und zum Ausbau der Kulturen.
Landsberg (Warthe) ist somit eine der wenigen Städte in Deutschland, in denen Weidenkulturen gezüchtet und verarbeitet werden. Der inländische Bedarf an Korbwaren und Korbmöbel ist ja, wie schon angeführt wurde, der heutigen Zeit entsprechend, wesentlich geringer als in normalen Zeiten. Die Verhältnisse auf dem Korbweidenrutenmarkte haben sich nun in den letzten Tagen etwas gebessert. Das ist wohl darauf zurückzuführen, daß die Abnehmer der Korbweiden aus Mangel an flüssigen Mitteln sich immer nur für die allernächste Zeit mit Rohmaterial eindecken und daß sie nun daran denken müssen, für den weiteren Bedarf Weidenruten einzukaufen. Auch die Preise der polnischen Ware haben etwas angezogen. So kann erwartet werden, daß sich die Verkaufsmöglichkeiten für die Korbweidenzüchter steigern werden und daß der Betrieb in Roßwiese aufrechterhalten werden kann.
-ny.-