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Landsberg a.Warthe
(Gorzów Wielkopolski)
Aus vergangenen Zeiten.
Neumärkische Zeitung    25. September 1926

Eine Mißglückte Dampferfahrt auf der Warthe im Jahre 1847.

In Nr. 102 des Märkischen Wochenblatts vom Jahre 1847 ließ die
Firma Heinrich Brunkow Wwe. folgende Anzeige erscheinen.

Dampfschifffahrt Zwischen Landsberg a.d. W. und Cüstrin.
Regelmäßige Passagier - Fahrten des
Königl. Seehandlungs - Dampfbootes „Stanislaus“.
Abfahrt von Landsberg a.d.W.:
Jeden Montag und Donnerstag früh 5 Uhr,
jeden Dienstag und Freitag mittags 1 Uhr.
Preise der Plätze bis Cüstrin:
1ste Cajüte 1 Thlr. a Person,
2te Cajüte 20 Sgr. a Person.
Kinder unter 10 Jahre die Hälfte.
Familien, insoweit sie aus Eltern mit unverheirateten
Kindern bestehen, genießen ¼ Ermäßigung.

Das Dampfboot trifft montags und donnerstags früh 9 Uhr, und Dienstags und Freitags Nachmittags 5 Uhr in Cüstrin ein, schließt sich an den ersten Tagen in Cüstrin an das Dampfboot „Prinz Carl“ an, welches seine Reise sofort nach Stettin fortsetzt, an den letzten beiden Tagen schließt es sich an das selbe Dampfboot an, um die Reise nach Frankfurt a.d.O. fortzusetzen. Gleichzeitig werden auch mit diesem Dampfboote Passagiere nach den Stationen Költschen, Fichtenwerder und Vietz befördert, und erteilt nähere Auskunft die Agentur von Heinrich Brunkow Wwe.
Natürlich war das Interesse der Landsberger für diese Dampferfahrten riesengroß, war es doch das erste Mal, daß ein Dampfboot benutzt werden konnte. Als nun die Reederei zu einer Lustfahrt nach Zantoch einlud, kamen die Landsberger mit Kind und Kegel an Bord. Musik war auch bestellt und so setzte sich dann der Dampfer unter frohen Klängen und lauten Zurufen der Zuschauer, die Brücke und Ufer dicht besetzt hielten, in Bewegung. Leider verlief die Fahrt nicht so, wie man es erwartet hatte; bei der Rückfahrt wurde der Dampfkessel leck und anscheinend versagte auch die Steuerung. Ein Teilnehmer der Fahrt veröffentlichte einige Tage später einen Bericht in der Zeitung, den wir unseren Lesern nicht vorenthalten möchten.

Eine Fahrt mit dem Dampfschiffe „Stanislaus“.
„ Stolz durchschnitt das Dampfschiff „Stanislaus“ die Fluten der Warthe, um für Landsbergs Bewohner die erste Fahrt nach Zantoch zu machen. Der Stanislaus wollte den Landsberger zeigen, was er zu leisten vermag. Rauschende Musik erscholl vom Verdeck des Schiffes, in dessen Innern die geheimnisvolle Kraft des Dampfes arbeitete, der zirka 70 Lustfahrende sich anvertraut hatten. Am Ufer und an den Brücken war eine zahlreiche Zuschauermenge versammelt und schaute erstaunt dem dahin brausenden Dampfer nach. So ging es den staatlichen Strom hinan, an grünen Bergen und lachenden Wiesen im Fluge vorbeieilend. Wie mußte sich dagegen die arme Schiffsmannschaft der Segelkähne abmühen, und Lasttieren gleich, ihr beladenes Fahrzeug an Stricken den Strom hinan ziehen. Die Bewohner des Dorfes Zechow, durch Musik und Geschützsalven aus ihrer ländlichen Ruhe gestört, blickten beschämt auf ihre so genannten Seelenverkäufer nieder, als sie das stolze, noch nie gesehene Dampfschiff vorüber fliegen sehen. - So war in nicht vollen 2 Stunden das Ziel der Reise- Zantoch- erreicht und daselbst gelandet. Überhaupt war bisher alles ganz gut gegangen. - Aber der Mensch versuche die Götter nicht!- Viel Unheil liegt im Schoß der Nacht noch verborgen. Nach dreiviertelstündigem Aufenthalt sollte der „Stanislaus“ seine Rückfahrt beginnen und alles war in freudiger Erwartung, wie schnell und leicht das Schiff den Strom hinunter fliegen würde. Da geschah das Unerwartete, nie geahnte. Betrübten Gesichtes erklärte der Kapitän, der Dampfkessel sei leck geworden und eine Fahrt per Dampf eine reine Unmöglichkeit, wonach also nicht anderes übrig bliebe, als auf des Stromes sanften Wellen hinab zugleiten. Das wäre nun, wenn auch nicht ganz hübsch, doch immer noch leidlich genug gewesen, wenn der gute „Stanislaus“ sich gerade Weges nach der Heimat begeben hätte. Aber nein, er war Eigensinnig geworden. In der Quere schwamm er auf dem Strome umher, sich willenlos den Strömungen überlassend, ohne daß es möglich gewesen wäre, ihn in eine gemessene gerade Bahn zu bringen. So waren wir denn nach einstündiger Fahrt endlich bei Zechow angekommen, als den Passagieren die Sache doch zu langweilig schien und sie es vorzogen, sich ans Land setzen zu lasse, um auf gemieteten Heuwagen oder zu Fuß sich nach Hause zu begeben. Währenddessen schwamm der „Stanislaus“ ohne alle Übereilung nach Landsberg, wo er um 9 Uhr abends glücklich eintraf und von dem ihn erwarteten Publikum mit hellem Lachen empfangen wurde.  Dies war also für Landsbergs Bewohner die erste Lustfahrt mit dem der Königl. Seehandlung gehörigen Dampfschiffe „Stanislaus“. hoffentlich aber auch die letzte, denn unter so bewandten Umständen wird es gewiß niemand mehr wagen, sich diesem höchst unzuverlässigen Fahrzeuge anzuvertrauen. Wir haben schon vielfältige Klagen über das Schiff gehört, hielten solche aber bisher für übertrieben; jetzt sind wir durch eigene Wahrnehmung hinlänglich überzeugt. Möchte die sonstige Ausstattung des Schiffes sein, wie sie wolle, die Seele desselben, die Maschine, müßte aber gut und zuverlässig sein; Dies ist das erste Erfordernis. So aber ist das Schiff eine leichte, französische Ware. Was der Franzose nicht mehr brauchen konnte, soll das für uns Deutsche etwa gut sein? - Der deutsche Michel läßt sich viel gefallen, aber doch nicht alles.“

Man wird einwenden, daß an einer Maschine leicht Beschädigungen vorkommen können; bei gehöriger Aufmerksamkeit aber ist so etwas wohl zu vermeiden, mindestens darf eine solche Beschädigung nicht von der Art sein, daß dadurch die Betriebsfähigkeit des Ganzen gestört wird. Wenn nun sogar in diesem Falle von der mangelhaften Beschaffenheit des Dampfkessels seitens des Maschinisten gehörigen Orts Anzeige gemacht, diese aber nicht berücksichtigt wurde, so ist es doppelt tadelnswert. Wenn nun die Königl. Seehandlung nicht die Maschine des „Stanislaus“ so in Stand setzen läßt, daß derartige Störungen nicht mehr vorkommen können, oder wenn dieselbe nicht ein anderes brauchbares Dampfschiff herschickt, dann werden die Bewohner Landsbergs es gewiß vorziehen, wie früher ihre Reisen und Lustfahrten per Wagen zu machen, was denn doch sicherer ist. Die tüchtige Reederei gab den Mut nicht auf. „Stanislaus“ wurde zur Fabrik von Stoeckert gebracht und wieder ausgebessert und so konnten die Fahrten wieder beginnen.