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Landsberg a.Warthe
(Gorzów Wielkopolski)
Landsberger Vergnügungsstätten vor 50 Jahre.
Neumärkische Zeitung   18. Dezember 1930

Die Landsberger Menschen sind nicht vergnügungssüchtig, wie man zuweilen sagen hört. Aber sie lieben von jeher fröhliche Geselligkeit und munteres Beisammensein. Und wo es jemand versteht, es seinen Gästen angenehm, gemütlich und heimisch zu machen, kommen die Gäste gerne wieder und denken stets dankbar an Frohverlebte Stunden zurück, die allen Alltagskram für einige Zeit vergessen ließen.
Daß dem so ist, geht aus der großen Zahl von Vergnügungsstätten, Gastwirtschaften, Restaurants, Cafes, die wir in Landsberg haben, hervor. Vielleicht aber besaß Landsberg vor 50 Jahren, gemessen an seiner damaligen Einwohnerzahl, noch mehr solcher Vergnügungslokale als heute. Das wäre an sich kein Wunder, denn heute wird so mancher Landsberger Bürger angesichts der Geldklemme gezwungen, hübsch zu Hause zu bleiben und auf Stammtisch und gewohntes Glas Bier zu verzichten. Das muß sich natürlich zum Schaden des Gastwirtschaftsbetriebes auswirken und wird sich nach der Einführung der erhöhten Biersteuer noch im besonderen Maße auswirken.
Da vor 50 Jahren das gesellige und gesellschaftliche Leben noch ausgeprägter als in der heutigen Notzeit war, gab es damals auch eine ganze Reihe von Vergnügungsstätten, die ganz auf gesellschaftliche Veranstaltungen eingestellt waren. Im Mittelpunkt stand das alte liebe Aktien- Theater, in dem im Winter stets eine ganze Reihe solcher gesellschaftlicher Feste stattfanden. Hierunter befand sich auch stets ein großer Maskenball, den niemand versäumte. Über einen solchen Maskenball im Winter 1880 heißt es in einer Anzeige in der „Neumärkischen Zeitung“, daß der Maskenball aufgezogen wird als „eine einzige große Maskerade. Dieselbe ist verbunden mir einer Glücks- Tombola (Verlosung von Theater- Billets), einer komischen italienischen Pantomime, Zügen, Maskeraden usw.“
Was im Winter das Aktien- Theater war, waren im Sommer das Schützenhaus (jetzt Gebäude des Konsumvereins) und - o Ironie des Schicksals - der Wintergarten (am Wall). Im Schützenhause war zu Pfingsten das Schützenfest und auf dem Schützenplatz natürlich der übliche Schützenfestbetrieb. Auf dem Schützenfest 1880 erschien u.a. auch „Harders großes mechanische Museum“, das Kunstwerke, aus Millionen (!) einzelner Steinchen zusammengesetzte Bilder, zeigte, wie „der Taucher bei seiner Arbeit, die Verschickung nach Sibirien, Gibraltar und seine Häfen (mächtige Kriegsschiffe bewegen sich in stürmischer See) und Dr. Livingstone auf seinen Reisen in den Urwäldern von Südafrika.“ In der ersten Etage des Schützenhauses gab sich im gleichen Jahr Frau Alexandra die Ehre, „dem geehrten Publikum einen neu erfundenen, einzig in Europa dastehenden, noch nie gesehenen Apparat „Cagliostro“ zu zeigen. Dieser Apparat zeigt die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Dieses Kunstwerk ist aus 152 Uhrwerken zusammengesetzt und umfaßt die Gebiete der Astronomie, Arithmetik, Physik, Geometrie, Mathematik, Philosophie, die nautisch- optischen Wissenschaften, die mechanischen Abteilungen, die genau jedem Menschen seinen Lebenslauf bestimmen. Der Vortrag wird jedem einzelnen gehalten. Entree a Person 1 Mark.“ - Und im Wintergarten gab es Sommertheater. Daneben große Sommerfeste. Die Beleuchtung des Gartens erfolgte durch elektrisches Licht, „welches durch eine Batterie von 40 galvanischen Apparaten hergestellt wird.“
Neben diesen drei Vergnügungsstätten müssen noch eine ganze Anzahl anderer genannt werden, die damals sehr geschätzt und beliebt waren. Da ist das berühmte Gesellschaftshaus, das damals schon florierte und stets seine festen Stammgäste hatte. Schade, wirklich schade, daß diese einst Landsbergs beliebteste Gaststätte nicht mehr existiert! - Das Weinberg- Restaurant und Kadocks Konditorei waren vor 50 Jahren wie auch heute noch geschätzte Lokale. An der Ecke Schönhofstraße- Heinersdorfer Straße bestand das Restaurant Schönhof, das am 22. August 1880 seine große Sensation hatte; an diesem Tage fand nämlich „ein Konzert des Leibgrenadier- Regiments Nr.8 unter Leitung des Königlichen Musikdirektors der gesamten Musikchöre des 3. Armeekorps, G. Piefke.“ statt.
Im „Waldschlößchen“ (heutige Stadtgärtnerei) gab es einen Musikapparat zu sehen. Darüber ist in der „Neumärkischen Zeitung“ zu lesen: „Hiermit die ergebene Anzeige, daß ich im Besitze eines französischen Orchestrions bin, welches eine Kapelle von 10 Mann ersetzt und Konzert- und Tanzmusik ersetzt. meinen werten Freunden und Gästen theile ich mit, daß dieses Orchestrion am künftigen Sonntag (am Totenfest) nachmittag 3 ½ Uhr zum ersten Mal spielen wird. Entree 10 Pfg.“ der Inhaber des „Waldschlößchens“, Herr Kuke, war aber auch sonst ein sehr entgegenkommender Mann. So schaffte es sich einen „eleganten Berliner Kremser an, mit dem er an den Sonntagen seine Gäste von der Stadt kostenlos abholte. Wollten seine Gäste abends aber wieder nach Landsberg zurück, so mußten sie 10 Pfg. zahlen.
Im Bergs Sommersaal und Garten (heute Ballhaus in der Mühlenstraße) gab es Karussellfahren. Dasselbe wird durch einen Pony in Betrieb gesetzt. Ehrenbergs- Halle in der Friedeberger Straße (an der Stelle des heutigen Gebäudes stand 1880 ein Schweizerhäuschen) war der Treffpunkt der Honoratioren. In Hesses Kaffeehaus erfreuten Militärkonzerte.
Schließlich seien noch genannt: Weyrichs Saal (in der Mühlenstraße), Güthlers Halle (heute Schuhfabrik Adler), B. Ambrosius (heute Arbeitsamt), Schumachers Halle ( in der Bergstraße), Pasedachs Hotel (heute Hotel Vater), das Hotel Krone  (ehemals Solitaires Stammkneipe), Landsberger Wappen (heute Wirtschaftsgebäude der Landesanstalt), Ginskes Halle (gegenüber von Ehrenbergs Halle), Adlergarten (heute Adlerhöhe), Hopfenbruch Arnsheim (neben Hopfenbruch), Lubes Lokal (hinter Kabelfabrik), Kohlstock, Pfautes Brauerei (heute Haus Friedensburg in der Richtstraße, Hotel zum goldenen Lamm (heute Buchdruckerei von Schneider und Sohn) und viele andere mehr, die hier aufzuzählen zu weit führen würde.
Alte Landsberger Gaststätten! - Ein Hauch von Romantik liegt über ihnen. Fast möchten wir Heutigen neidisch auf die blicken, die so manche frohe Stunde in den alten Gaststätten verlebt haben, während wir vom Leben gejagt und gehetzt werden und kaum Zeit haben, in Ruhe  unser Glas Bier zu trinken. Aber liegt es oft nicht an uns selbst, liegt es nicht daran, daß wir oberflächlich wurden und von edler Geselligkeit geringschätzig denken? Und doch haben gerade wir edle Geselligkeit notwendig, um Sorgen und Unrast des Lebens zu vergessen und zu fühlen, daß wir Menschen sind. Auch edle Geselligkeit am Stammtisch im Kreise seelisch gleich gestimmter Freunde ist ein Stück deutschen Gemüts. Lassen wir es nicht verkümmern.
-Frn.-