Streiflichter aus der Geschichte Landsbergs
Neumärkische Zeitung 6. Dezember 1929
Vortrag im Gewerkschaftsbund der Angestellten
„Man ist so gern geneigt, als moderner Mensch im Zeitalter der technischen, wirtschaftlichen, politischen und sonstigen Probleme die Geschichte und das historisch gewordene als überflüssig abzutun. Den Historiker nennt man einen Weltfremden, einen Träumer. Mit Unrecht! Denn die Geschichte hat auch heute noch einen erheblichen Gegenwartswert. Man muß die Dinge nur von der richtigen Seite aus betrachten; etwa so, als wäre man in einem Museum. Geschichte heißt: wir sollen versuchen, die Dinge hinzustellen in dem Zusammenhang mit dem großen Ganzen, sie aufzulösen als Teil der Entwicklung, als Glieder einer unendlich langen Kette, die aus unbekanntem Ursprung entspringt, die nicht zu Ende ist und die weiter geht. Die Quelle aufzudecken, ist reizvoll und interessant. Sie lernt uns die Erscheinungen der Gegenwart erst richtig erkennen, und sie gibt uns Mittel, den Kampf in der Gegenwart für die Zukunft auszufechten.“
Diese Worte setzte Lehrer Kaplick vor seinen Lichtbildervortrag, den er am Mittwochabend im Wohlfahrtshaus vor einer zahlreichen Zuhörerschaft im Gewerkschaftsbund der Angestellten nach einer kurzen Begrüßung durch den Vorsitzenden der Ortsgruppe, Perschmann, hielt. Die Lichtbilder hatte Apotheker Wartenberg zur Verfügung gestellt.
Landsberg im vorigen Jahrhundert. Streiflichter! - Ein loser Blumenstrauß!
So nannte der Vortragende seinen Vortrag. Es war ein loser Blumenstrauß. Aber einer, der wie ein lieber Gruß aus längst vergangenen Zeiten wieder einmal aus der untersten Schublade hervorgekramt ist, den man - in der Erinnerung versunken und der Nöte der Gegenwart vergessend - ein Weilchen betrachtet, und an dem man sich aufrichtet. Das Landsberg vor etwa 100 Jahren taucht aus der flutenden Zeit empor. Klein, ländlich, von gewaltigen Mauern und noch gewaltigeren Türmen und Toren umgeben und von der Warthe und Kladow an allen Seiten umspült. An der Innenseite der Mauer hängen Häuser, wie Schwalbennester. Hohe, dichte Pappeln schließen das Bild im Süden ab. Das Rathaus hinter der Kirche - an der Stelle des heutigen Pauckschbrunnens - mit seinem wackligen Blaseturm, der Wache und dem Gericht mit Gefängnis (im Keller für die Bauern, im Erdgeschoß für die Bürger) winkt neben seinem mächtigen Kameraden, der St. Marienkirche, ins weite, sumpfige Bruch hinüber. Die Phönixmühle grüßt von den Bergen - und die Tortürme des Mühlen- und des Zantocher Tores gebieten ein trutziges Halt. Seltsame - für unsere Begriffe - gekleidete Menschen ergehen sich in den Straßen, Dragoner liebäugeln mit den Mädchen, und der Sergeant mit seinen beiden Wachtmeistern sorgt für Zucht und Ordnung. An der Brücke steht das Zollhaus am Bollwerk - beim heutigen Gymnasium - die Schule, und wuchtig ragt der Giebel des Judenhauses „Zum Hamburger Wappen“ (Ecke Luisen- Charlottenstraße) über die Umgebung hinaus. Ein Dammweg (Dammstraße) führt nach Kuhburg- Kernein, und weit, weit draußen im Norden liegt die Fernemühle. An der Kirche kleben ein paar Verkaufsbuden und hinten in der Wollstraße, an der Ecke der Poststraße, reckt sich ein massiger Turm auf. Der soll zu einem Kloster gehören. Man weiß es nicht genau. Mächtige Mauerreste deuten heute noch darauf hin. Das ist so Landsberg um 1800. Nicht sehr erfreulich schön, auch nicht weiter erheblich, aber doch ganz interessant; denn heute steht vieles nicht mehr, vieles ist hinzugekommen, und alles zusammen hat ein ganz anderes Gesicht bekommen. 1863 sieht es schon anders aus. Die Brückenvorstadt beginnt sich auszudehnen, die Neustadt blüht langsam auf, die ersten Schornsteine rauchen, und die Eisenbahn poltert durch die Stadt. 1888 sieht man schon Straßen im neuen Stadtteil, die Mauern fallen, der Lützowpark - der Keim zur Parkstadt - entsteht.
Viel neue Gebäude charakterisieren das Stadtbild. Die Zuchthausanstalt (heute: Forschungsanstalten), das Hospital, das Krankenhaus. Das alte Rathaus ist gefallen und das Kommandantenhaus seligen Angedenkens an die erste Stelle der Gebäude gerückt. Das heutige Gericht entsteht, ihm gegenüber ruht die Wittesche Druckerei, in der das „Neumärkische Wochenblatt“ (heute „Neumärkische Zeitung“) entstand, die Maschinenfabrik von Paucksch, die Konkordien Kirche, kurz: alles ist auf dem Wege zur heutigen Gestalt begriffen. Nur das Straßenpflaster ist ein bisschen jämmerlich. Und die Infanterie vom Grenadier- Regiment Nr. 12 (Frankfurt) holpert, so gut es geht, über die Katzenkopfe. Noch ein Stück weiter: 1905 brennt die Brücke, die Notbrücke entsteht. Die Hochbahn wird gebaut und - vor wenigen Jahren - eine schöne neue steinerne Brücke. Öfter schwirren Namen auf: Postmeister Nürnberger, Zschokke, Solitaire, Bornitz - das Licht flammt auf, der Zauber ist dahin. Warm empfundener Beifall dankte dem Redner für seine Fahrt durch das Landsberg des 19. Jahrhunderts; denn die Fahrt war schön - trotz aller modernen Probleme, die wir so furchtbar wichtig nehmen.
- K. W. -