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Landsberg a.Warthe
(Gorzów Wielkopolski)
30 Jahre elektrische Straßenbahn in Landsberg
Neumärkische Zeitung  28. Juli 1929

Es war bezeichnend für den rastlos vorwärtsstrebenden Sinn der Landsberger Bürgerschaft, daß sie sich bereits zu einer Zeit mit Problemen der schnelleren Personenbeförderung beschäftigte, als andere Städte, die viel ausgedehnter und größer waren, überhaupt noch nicht daran dachten, irgendetwas für den Verkehr zu tun. Den überließ die Personenbeförderung einzelnen Unternehmen, die mit ihren Pferdedroschken aber auf keinen Fall mit dem Tempo der neuen Zeit, die nach 1871 über Deutschland hereinbrach, Schritt halten konnten. Anders in Landsberg! Die Zusammenballung des Handels und des Verkehrs auf ein Zentrum – Markt-, Richt- und Wollstraße - ließ bei der Ausdehnung der Stadt bereits früh den Gedanken des Baues einer Straßenbahn auftauchen. Im Jahre 1881 wurde die Frage zum ersten Male  ernstlich in Erwägung gezogen, zumal sich der Regierungsbaumeister Wendland, der in Elbing eine Pferdestraßenbahn betrieben hatte, der Stadt zur Verfügung stellte. Die Verhandlungen, denen Magistrat und Stadtverordnete freundlich gegenüberstanden, zerschlugen sich jedoch. Die Idee aber blieb und wuchs heimlich weiter. Erst im Jahre 1894 jedoch wurde die Frage zum zweiten Male aufgeworfen und Straßenbahnverträge aus Bromberg und Elbing eingefordert. Auch diesmal schlugen die Verhandlungen fehl. Bereits zwei Jahre später, 1896, tauchte ein neues Projekt auf. Und Zwar war es das Berliner Bankhaus Landsberger, das sich anbot mit dem Plan, der Stadt anstelle einer Pferdebahn, eine Bahn mit Gasantrieb zu bauen. Der Gedanke schlug ein, da der Magistrat für die städtische Gasanstalt einen Großkonsumenten zu bekommen glaubte und sich die Gasstraßenbahn in anderen Städten bewährt haben sollte. Es wurden Kommissionen gebildet, die die Aufgabe hatten, derartige Bahnen in Dessau und Hirschberg zu besichtigen und zu begutachten. Da diese Gutachten sehr zum Nachteil des Gasantriebes ausfielen, die Frage der Schaffung einer Straßenbahn aber immer mehr in akutes Stadium trat, wandte man sich der elektrischen Antriebskraft zu. Und nun mit endgültigem Erfolg. In der denkwürdigen Stadtverordnetensitzung am 4. Februar 1898 stimmten die Stadtväter einer Magistratsvorlage zu, nach der die Elektrizität- Aktiengesellschaft „Helios“ vertraglich ermächtigt wurde, eine Zentrale für Licht- und Kraftabgabe und eine elektrische Straßenbahn in Landsberg zu bauen. Nun stand der Ausführung dieses gewaltigen Planes nicht entgegen, obwohl ängstliche Gemüter in der Anbringung elektrischer Installationen eine erhöhte Feuersgefahr für die Häuser sahen und vor allem die Leitung des Gaswerkes einen gefährlichen Konkurrenten in dem Lichtwerk vermutete. Im April 1898 nahmen die Vorarbeiten für beide Projekte ihren Anfang. In der Upstallstraße entstanden durch Maurermeister Huhn die Werkräume und Hand in Hand damit begannen die Installationsarbeiten in den einzelnen Straßen. Am 31. Oktober 1898 trafen die ersten Schienen ein, mit deren Legung einige Tage später begonnen wurde, und im Mai 1899 Dynamos und Kabel. Die hiesige Firma Paucksch lieferte die Kraftmaschinen. Und endlich, am 7. Juni 1899, bekamen die Landsberger auch die ersten vier Straßenbahnen zu sehen, denen bald weitere folgten. Im Laufe des Juni wurden die Oberkabel angebracht und - nachdem das Elektrizitätswerk gegen Ende Juni fertig gestellt worden war, am 11. Juli 1899, konnte ein Wagen der neuen Straßenbahn die erste Probefahrt machen, die zur vollsten Zufriedenheit aller Beteiligten ausfiel. Weitere Probefahrten auf allen Strecken folgten, teils mit leeren, teils mit vollbesetzten Wagen, wozu man im letzten Falle Mannschaften der hiesigen Artillerie beorderte. Eine Polizeiverordnung über den Wagen-, Radfahrer- und Fußgängerverkehr wurde noch herausgegeben, und endlich, am 29. Juli 1899, mittags um 12 Uhr, fand die landespolizeiliche Abnahme der elektrischen Straßenbahn statt und im Anschluß daran, nachmittags um 4 Uhr wurde der Straßenbahnbetrieb im Beisein von Vertretern der Regierung, der Post, des Magistrats, der Stadtverordneten und des Elektrizitätswerkes offiziell eröffnet. Zunächst führten die Linien der Straßenbahn vom Bahnhof zum Markt und von dort aus zur Kaserne, zum Hopfenbruch und zur Friedrichstadt, bis zur Stadtgrenze. Von einer Schienenlegung zur Kanalbrücke hatte man absehen müssen, da sich die damalige Warthebrücke absolut nicht dazu eignete. Nun, der Traum der Brückenvorstadt ist auch in Erfüllung gegangen, wenn auch erst viele Jahre später. Dreißig Jahre hat nun die elektrische Straßenbahn getreulich ihre Pflicht erfüllt. Wenn die Stürme der Zeit zu toll daherbrausten, verkroch sie sich im Wagenschuppen an der Upstallstraße und kam wieder hervor, wenn geordnetes Leben wieder im Lande waltete. Hin und wieder wurden kleine Neuerungen eingeführt, ein paar Wagen ausgewechselt und die Schienen, die allmählich anfingen an Altersschwäche zu leiden, glatt gebügelt. Aber die Straßenbahn ist wie eine schöne Frau, wechselt diese nicht öfters das Kleid und schafft sie sich kein neues an, dann ist sie eines Tages alt und häßlich, und trabt sie Tag für Tag in denselben Schuhen herum, dann wird es kommen, daß die ehedem so schöne Frau mit dem federnden Gang daherschlottert - genau, wie heute unsere Straßenbahn. Gewiß, wir verkennen nicht die Schwere der Zeit! Haushalten mit den zur Verfügung stehenden Mitteln ist die Losung unseres heutigen Wirtschaftslebens. Aber nur dann, wenn ein Betrieb, ganz gleich welcher Art, einwandfrei läuft und die Sicherheit gewährleistet, wirtschaftsfördernd zu sein. Die Landsberger Straßenbahn ist es nicht. Im verkehrstechnischen ist sie überholt, veraltet. sie wirkt auch bei der freundlichsten Kritik auf keinen Fall mehr werbend. Urteile Auswärtiger beweisen dies zur Genüge. Darum sollte es sich die Leitung der Straßenbahn angelegen sein lassen, für eine durchgreifende Modernisierung zu sorgen, besonders im Hinblick darauf, daß sich Landsberg seit 10 Jahren in einem Kampfe befindet, der um die Vormachtstellung in der mittleren Ostmark geht. Sei es daher zu dem dreißigjährigen Bestehen der elektrischen Straßenbahn unser Wunsch - und es ist auch ohne Frage Wunsch der gesamten an dem Aufblühen Landsberger Wirtschaftslebens interessierter Bürgerschaft -, daß die Zeit erkannt wird und die Straßenbahn, die wir nicht mehr missen möchten, über kurz oder lang das wird, was sie sein soll: ein Faktor, der neben der angenehmen Personenbeförderung ein stolzes Abbild eines stolzen Grenzbügertums wird. Schon mit kleinen Mitteln kann viel erreicht werden: Monatskarten, Fenstervorhänge, geschlossenen Führerstände. Später Auswechslung der ältesten Wagen durch neue und moderne und Auswechslung der schlechten Schienen, eines nach dem anderen! Es wird sich lohnen, denn nur das ist seiner Zeit gewachsen, was sich anpaßt und stets vorwärts strebt!
K.W.