Landsberg vor 50 Jahren (Schluß)
Neumärkische Zeitung 24. Oktober 1931
Eine Jugenderinnerung von Alb. G. Krüger.
„Allmächtiger Gott!“ hieß es gewöhnlich, „seid Ihr Dollwitze schon wieder da? Wie ist das bloß möglich? Könnt Ihr denn gar nicht einmal vernünftig werden?“
„Ach lieber Herr Korridordirektor“, lautete dann die Antwort, „der Geist ist willig, aber das Fleisch ist ja zu schwach!“
„O, wenn ich nur dürfte, ich wollte Euch das Fleisch schon stärken!“ Na, nun seid nur jetzt vernünftig und klingelt nicht so viel! Also rin in den Kahn!“
Geklingelt wurde doch. Aber mittags, wenn wir vermuteten, daß der Pedell sein Mittagsschläfchen hielt. Dann öffnete gewöhnlich sein Töchterlein, und wir hatten Gelegenheit zu einem gemütlichen Schwätzchen. Die Kleine hat uns stets lebhaft bedauert: „Solche netten jungen Herren einzusperren, das ist doch unerhört!
Nun, die Karzerstunden gingen auch vorüber, wie alles in der Welt ein Ende hat, und wir wurden frei. Ekelhaft war nur, daß der Karzer immer sonntags abgerissen werden mußte!
War die Obertertia, wie gewöhnlich einmal wieder nicht „astrein“, dann stürmte „Tofi“ in die Klasse und drohte uns allen beim nächsten Male, zwar nicht den Tod durch Erschießen, sondern das Consilium abeundi an. Dabei blieb es aber immer. Und als er pensioniert wurde, und wir ihm den Fackelzug brachten, da hat er geweint wie ein Kind, uns mit Wein gelabt, und nicht gewußt, was er uns aus Dankbarkeit alles antun sollte. Wir haben ihn sehr ungern scheiden sehen, denn trotz aller seiner Grobheit war er ein guter und streng gerechter Vorgesetzter und wir recht ekelhafte Knochen. Jawohl!
Im Winter, auf Kochs Wiese, paßte ich immer scharf auf, bis sie die Herrlichste von allen, in ihrem hellen Mäntelchen angeschwebt kam. O, ich sehe sie heute noch so deutlich vor mir, als wäre es gestern gewesen. Auch ein jedes Wort, was wir sprachen, weiß ich noch. Schnell wurden ihr dann die Schlittschuhe angeschnallt, und mit verschränkten Armen ging es zunächst nach einer möglichst abgelegenen Stelle der Bahn. Später kehrten wir zurück. Und dann wurden ihr die alten und neuen Kunststücke vorgeführt. Manchmal war Konzert auf der Bahn. Dann erregten unsere Eiswalzer - laufen konnten wir schon - geradezu Aufsehen.
In diesem Geleise bewegte sich unser Leben eine ganze Zeit lang. Aber dann trat ein gewaltiger Umschwung ein. Es begann die Gymnasial - Tanzstunde. Der allbeliebte Tanzlehrer Weimar bekam uns in die Mache, und erzog uns zu Menschen. Nun wurde auf Haarfrisur, Anzug und Auftreten besonderen Wert gelegt, ein neuer dunkler Klemmer erworben und höchst gesetzt und blasiert machten wir als „Jungherren“ den üblichen Richtstraßenbummel. Selbstverständlich trugen wir niemals die Klassenmützen. Mein Busenfreund W. und ich schnitten bei dem Tanzstundenball den Vogel ab. Beide hatten wir die Brust voll Orden zum stillen Lächeln meines Mütterleins, die dem Ball als Zuschauerin beiwohnte.
Aber nun hatte uns auch die Tanzwut gepackt. Unbedingt konnte es mit der Tanzstundenzeit nicht vorbei sein. Wir mußten das Tanzen weiter kultivieren. Und so bildete sich ein Klub, der immer wieder neue Tanzkränzchen arrangierte. Die Mütter unserer Damen waren durchweg ganz reizende Frauen, die uns gerne behilflich waren. Sie spendeten immer den Kuchen, wir Herren legten zusammen, erwarben den Kaffee und den unvermeidlichen Rosenlikör, und dann wurde getanzt, bis der Mond am Himmel stand.
Ach wie schnell war diese schönste Zeit meines Lebens vorüber. Es kam jener grauenvolle Tag, da mein Vater nach Küstrin versetzt wurde, und ich nun Abschied nehmen mußte von allem, was mir lieb und Teuer und heilig gewesen war. Ich habe wie ein Schloßhund geheult, und es konnte mich in keiner Weise Trösten, daß ich aus der Landsberger Untersekunda in Küstrin in die Obersekunda aufgenommen wurde. Abschied! Ich habe oft genug in meinen Leben Abschied nehmen müssen. Aber so entsetzlich schwer ist mir nie wieder ein Abschied geworden, wie der Abschied von Landsberg.
In Küstrin habe ich dann mein Abitur gemacht, so, so, wie ich zugebe. Was dann weiter aus mir geworden ist, das ist eine andere Geschichte.
So komme ich denn zum Schluß mit dem heißen Wunsch: Möge unser liebes Landsberg wachsen, grünen und blühen immerdar und allerwegen. Und dazu gebe der Allerbarmer über dem Sternenheer seinen Segen.
(Schluß)