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Landsberg a.Warthe
(Gorzów Wielkopolski)
Was der Kirchturm von St. Marien erzählt
Neumärkische Zeitung   16. März 1932

Im Jahre 1825

In der „Neumärkischen Zeitung“ vom 18. Februar berichteten wir von einer Schrift, die man im Jahre 1781 in den Knopf des Kirchturms von St. Marien nach einer Ausbesserung des Turmes gelegt hatte. Diese Schrift wurde 1825 gefunden, als man den Turm wieder einmal instand setzte. Auch 1825 legte man eine Schrift in den Turmknopf, die noch weit besser und eingehender als ihre Vorgängerin aus dem Landsberg vor 100 Jahren, vom Leben und Treiben der damaligen Bevölkerung erzählt, so daß man sich sehr gut ausmalen kann, wie es vor 100 Jahren in Landsberg aussah. An Hand dieser umfangreichen Schrift soll hier von jener Zeit berichtet werden.
Die Stadt Landsberg zählte um 1825 einige 7000 Einwohner, war also nur ein kleines Landstädtchen, immerhin aber die größte Stadt der Neumark. Die Finanzlage der Stadt war auch damals durchaus nicht rosig. Eine hohe Last von Schulden drückte die Stadt, Schulden, die einmal aus dem Kriege 1806 bis 1807 und der nachfolgenden Besetzung der Stadt durch die Franzosen herrührten und 133 481 Taler, ungerechnet der Zinsen aus den Jahren 1812 bis 1815, die nicht bezahlt waren, betrugen. Ferner hatte die Stadt eine Schuld von 138 802 Taler an den Staat für die Umwallung der Warthe und einige andere Schulden im Gesamtbetrage von mehreren Tausend Talern. Insgesamt mögen sich die Schulden der Stadt auf rund 300 000 Taler belaufen haben, eine Summe, die für damalige Zeiten gewiß sehr hoch war. Die Steuerlast der Bevölkerung, die sich aus landesherrlichen, indirekten, provinziellen, Sozietäts und städtischen Abgaben zusammensetzte, betrug jährlich 63 000 Taler. Nach der letzten Bestandsaufnahme vom Jahre 1823 gab es insgesamt 773 Wohnhäuser. Zu der Stadt Landsberg gehörten noch eine ganze Reihe von Kämmereiortschaften mit zusammen 1546 Wohnhäusern und 10 616 Einwohnern. Von diesen Dörfern waren Kernein 1822 zum größten Teil und Wepritz 1825 fast völlig abgebrannt. In Kernein wurde eine neue Kirche gebaut. In dem Turmknopf der alten Kirche fand man ebenfalls eine Schrift mit einem Gedicht, das nachweisbar von dem ersten Landsberger Dichter Johann Conrad Schede stammt, der um 1686 als Sekretär und Aktuar in Landsberg lebte.
An der Spitze der Stadt stand mit dem 24. September 1819 der durch seine vielen Verordnungen und immer wiederkehrenden Ermahnungen bekannte Bürgermeister und Polizeidirektor Reymann. Außer ihm gehörte dem Magistrat an: Th. Heinrich Otto Buschardt - Syndikus und Justiz- Kommissionsrat; Friedrich Wilhelm Rehdantz - Kämmerer und Ratherr; C. Julius Betschler - Ratsherr und Polizeiinspektor; C. August Block - Ratsherr und Leiter des Stadtbauamtes; C. Ludwig Rasch - Nagelschmiedemeister und Ratsherr; Gottlieb Ritter - Kaufmann und Ratsherr; Ernst August Hirsekorn - Braueigener und Ratsherr; Friedrich Wilhelm Kosky - Magazinrendant und Ratsherr; Johann Ludwig Lehmann - Stadtsyndikus und Ratsherr; Johann Jakob Moderow - Apotheker und Ratsherr; Carl Gottlieb Teschner- Registrator; F.W. Teschner - Kanzlist.
Dem Stadtverordnetenkollegium gehörten 36 Stadtverordnete an.
An den Kirchen waren tätig: An der Marienkirche: Oberpfarrer und Superintendent Carl Heinrich Krause, Archidiakonus Johann Gotth. Seelinger (Der Vater), Prediger und Subrektor Wilh. Heinr. Ferd. Seeliger (der Sohn); an der Konkordienkirche; Prediger Wilhelm Heinrich Kiehr und Prediger August Friedrich Feldmann.
Das Land und Stadtgericht, dessen Bezirk die Stadt Landsberg mit ihren Kämmereiortschaften und das Amt Himmelstädt mit den dazu gehörigen Ortschaften umfaßte, stand unter Leitung des Land und Stadtgerichtsdirektors und Oberlandsgerichtsrat von Kunow, dem sechs Assessoren unterstanden.
Schulen gab es in Landsberg die höhere Bürgerschule mit Rektor Wetzel an der Spitze und drei weitere Lehrkräfte, zwei Mädchenschulen mit je zwei ordentlichen Lehrerinnen und fünf Lehrern und Knaben. Elementarschulen, an denen sieben Lehrer tätig waren. Neben den angeführten städtischen, kirchlichen und Justizbehörden gab es in Landsberg noch das Landratsamt mit dem Land - und Kriegsrat Sturm an der Spitze. Weiter waren vorhanden; die Kreiskasse, das Obersteueramt, das Deichamt, das Kreis- und Stadtphysikat, die Straf - und Zwangsarbeitsanstalt, Kgl. Forstinspektion, Postamt, Depotmagazin, Salzfaktorei und Kalkfaktorei. Eine kleine Sternwarte hatte Rektor Wetzel auf dem Rathausturm angelegt.
Im Rathaus, das bekanntlich auf dem Marktplatz gegenüber der Marienkirche stand, waren neben einigen Läden die Kämmereikasse der Stadtverordnetensitzungssaal, die Deposital - und Solarienkasse des Land - und Stadtgerichts, das Eichamt und das städtische Archiv untergebracht. Die Büros des Magistrats, der Polizei und des Land - und Stadtgerichts befanden sich im ehemaligen Kommandantenhause dort, wo heute die Stadtsparkasse steht. Dies Gebäude war 1825 mit einem Kostenaufwand von 750 Talern wesentlich erweitert worden.
Neben dem Rathause, dessen Waseturm zum Teil im August 1825 wegen Einsturzgefahr abgetragen werden mußte, erwähnt der Bericht noch besonders den Neubau des Waisenhauses, das mit einem Kostenaufwande von 7000 Talern gebaut wurde und wozu der König das Bauholz und 800 Taler stiftete. An der Marienkirche wurden die beiden obersten Dächer des Turmes im August 1825 mit Zink eingedeckt, gleichzeitig wurde ein Blitzableiter eingebaut. Diese Arbeit kostete 900 Taler. Erst zwei Jahre vorher war der Turm mit einem Kostenaufwande von 632 Talern ausgebessert und in den Jahren 1821 und 1822 war das gesamte Innere der Kirche renoviert und eine Orgel angeschafft worden. Die Orgel hatte 2353 Taler gekostet, während sich die Instandsetzungsarbeiten auf 42291 Taler belaufen hatten. Vor den Stadttoren waren das Brücken und das Wassertor bereits gänzlich verschwunden, erhalten geblieben waren noch das Mühlentor. Die Chaussee Balz - Landsberg war in den Jahren 1821 und 1825 gebaut worden. Die Landsberger Garnison bestand aus zwei Eskadrons des 3. Dragonerregiments unter Führung von Oberst von Dossow und dem Stabe des 3. Bataillons des 14. Landwehr- Infanterieregiments, dessen Kommandeur Major von Kleist war. Die ehemalige Garnisonkirche, dort wo heute das Amtsgericht steht, wurde während der Franzosenzeit als Lazarett und für andere militärische Zwecke verwandt und diente seit 1816 als Theater. Als Ersatz erhielt die Garnison die Konkordienkirche zugewiesen. Der frühere Friedhof an der Konkordienkirche wurde bereits seit dem Jahre 1823 in eine Parkanlage umgewandelt. Schließlich werden in dem Bericht noch das „Neumärkische Wochenblatt“ (heutige „Neumärkische Zeitung“), die Badeanstalten des Apothekers Moderow in der Brückenvorstadt, die begonnene Einrichtung der Stadtsparkasse, Bienenzuchten und Baumschulen erwähnt. So gibt der Bericht, der auch heute noch im Turmknopf der Marienkirche liegen dürfte, einen Einblick in das Landsberg vor 100 Jahren. Die Zeiten haben sich geändert; aus dem Landstädtchen hat sich im Laufe der Jahre das Landsberg von heute entwickelt, über dessen wirtschaftliche und kulturelle Bedeutung für die Neumark und die gesamte Ostmark trotz Notverordnungen nichts mehr gesagt zu werden brauchte.
-Frn.-