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Landsberg a.Warthe
(Gorzów Wielkopolski)
Landsberger Erinnerungen aus dem Jahre 1848
Die Polen kommen...
Neumärkische Zeitung   31. März 1931

Folgende Episode, die sich glücklicherweise später als harmlos herausstellte und in diesem Falle recht lustig anmutete, wirft bezeichnende Schlaglichter auf jene Zeit.
Es war am 11. Mai 1848, also in dem Jahre, in dem ganz Mitteleuropa sich in starker Gärung befand, als sich plötzlich in Zechow bei Landsberg (Warthe) das Gerücht verbreitete: Die Polen sind in Anmarsch! Der Lehnschulze, der von den Bauern um Rat und Auskunft gebeten wurde, erklärte, er habe soeben Nachricht erhalten, es seien bei Driesen 300 Polen über die Netze gekommen und verübten in den umliegenden Dörfern Mord und Totschlag. Während die Bewohner über die Möglichkeit eines solchen Einfalls der den Deutschen feindlich gesinnten Polen sprachen, kamen auch schon aus den zwischen Zechow und Driesen gelegenen Dörfern Flüchtlinge zu Fuß und zu Roß und erklärten, 3000 Polen hätten die Grenze überschritten und marschierten gegen Landsberg (Warthe). Allerdings hatten diese Leute noch keinen Polen gesehen.
Der Lehnschulze war nun der Meinung, jede erwachsene Mannsperson sollte sich bewaffnen und einige Reiter sollten auf den Bergen Wacht und nach den Polen Ausschau halten.
Jetzt ging es lebhaft in den Häusern zu. Die Frauen verbargen Betten, Wäsche und andere wertvollen Sachen in dem schon in Ähren stehenden Roggen. Manches wurde in die Erde vergraben. Eine Frau, deren Tochter bald Hochzeit machen wollte, schüttete das dazu bestimmte Geld im Keller in den Sand, aus dem sie es später wieder aussieben mußte. Die Männer suchten nach Waffen und brachten einige alte Piken, Säbel und verrostete Pistolen, wozu die Munition fehlte, herbei. In Ermangelung andrer Waffen wurden Sensen und Heugabel geholt und in die Schmiede getragen, wo sie der Schmied gerade richten mußte. Der arme Mann wurde auf diese Weise genötigt, einige Stunden in anhaltender Arbeit vor dem Kohlenfeuer und dem Amboß zu stehen, daß ihm der Schweiß von der Stirne rann. Sowie aber die letzte Sense gerichtete war, eilte er in seine Wohnung und brachte seine Habseligkeiten in Sicherheit.
Inzwischen hatte sich die Nachricht von dem Anmarsch der Polen auch in Landsberg (Warthe) verbreitet, wo gerade Wochenmarkt abgehalten wurde. Dieser wurde sofort geräumt, die Läden geschlossen und eine Kompanie Infanterie auf die nächsten Dörfer geschickt. Eine Abteilung kam auch nach Zechow und tat sich im Gasthofe bei Eiern und Branntwein, Butter und Brot gütlich, allerdings auf Kosten der Gemeinde. Als dann aber keine Polen kamen, marschierten die Soldaten wieder ab. Dann erschien aber plötzlich noch ein Freikorps, das sich in Landsberg aus jungen Leuten gebildet hatte. Das Korps war mit Piken bewaffnet. Diese Leute stillten ihren Durst aus den Milchtöpfen der Bauerhöfe und fanden die erfrischende Milch sehr gut. Doch waren die Bauernfrauen froh, als die Beschützer bald wieder nach Landsberg zurückkehrten.
 Denn die Gerüchte über den Polenüberfall hatten sich allmählich als übertrieben herausgestellt. Ein alter Leser der „Neumärkischen Zeitung“, Müllermeister Heinrich Quilitz in Schwerin (Warthe), teilte dem Verlag am 27. Mai 1898 über jene Episode folgendes mit: Es war am 11. Mai 1848, als gegen Abend die Neuteicher Hütejungen mit ihren Pferden in vollen Galopp angesprengt  kamen und erklärten, der Draßiger Busch liege voller Polen, mit Sensen und allerhand Waffen. Dies hörte der Müllermeister Grun, der sehr ängstlicher Natur war und der sofort den Herren von Rochow auf Hammer von dem angeblichen Poleneinfall benachrichtigte. So geriet auch die Stadt Landsberg (Warthe) in Aufregung und Unruhe.
In Wirklichkeit verhielt sich die Sache folgendermaßen: Die Neuteicher Netzewiesen, wo die Jungen gehütet hatten, sowie die Draßiger Netzewiesen gehörten zum Bromberger Regierungsbezirk. Hier lagen Schiffer mit ihren Fahrzeugen in dem Netzestrom und wollten zusammen mit polnischen Grenzsoldaten Schmugglerware hinüberbringen. Als ihnen die Jungen hinderlich waren, erzählten sie von dem beabsichtigten Poleneinfall, worauf die Jungen eiligst die Botschaft nach Hause brachten. Von dort wurde das Gerücht dann weiter den umliegenden Dörfern und Städten gemeldet.
Es war also mit dem Einmarsch der Polen noch einmal gut abgegangen.                     -uh.-